Technische Anlagen des Elektrolyseurs einer Produktionsanlage für Wasserstoff: Die Branche kritisiert die geltenden Regelungen. Foto: picture alliance/dpa
Brüssel, Berlin. Die EU-Kommission plant einen Kurswechsel bei der Regulierung des Wasserstoffhochlaufs. „Die Kommission wird bis Ende Juni eine gezielte Überarbeitung der Produktionskriterien für Wasserstoff vorschlagen, vor allem um die Hochlaufphase zu verlängern“, teilte eine Sprecherin der EU-Kommission dem Handelsblatt mit.
Die Ankündigung betrifft Unternehmen aus verschiedenen Branchen. Seit Jahren kämpfen Anlagenbauer, Energieunternehmen und energieintensive Industrien dafür, die Bedingungen für die Herstellung von grünem Wasserstoff grundlegend zu vereinfachen. Sie kritisieren, die geltende Regulierung erschwere die Produktion erheblich und sorge dafür, dass Investitionen ausblieben.
Dass die Kommission die Vorschriften nun lockern will, stößt in der Wirtschaft auf Zustimmung: „Die EU-Kommission trifft mit ihrem Vorhaben ins Schwarze. Die Überarbeitung der Produktionskriterien für erneuerbaren Wasserstoff ist ein entscheidender Hebel, um Kosten zu senken und Investitionen zu erleichtern“, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dem Handelsblatt.
Die aktuellen Vorgaben für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff sind ein Bremsklotz.Kirsten WestphalNationaler Wasserstoffrat
„Wir brauchen dringend mehr Pragmatismus in der Regulierung“, sagte Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns EWE.
Stefanie Peters, geschäftsführende Gesellschafterin des Anlagenbauers Neuman & Esser, sagte dem Handelsblatt, die Regeln müssten sofort entschärft werden. Die Wasserstoffhochlaufphase brauche verlängerte Übergänge. Das Unternehmen deckt mit seinen Produkten große Teile der Wasserstoffwertschöpfungskette ab.
Grüner Wasserstoff wichtig für Stahl und Chemie
Kirsten Westphal, Mitglied des Nationalen Wasserstoffrats, sagte dem Handelsblatt: „Die aktuellen Vorgaben für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff sind ein Bremsklotz. Entscheidend ist jetzt, dass die Überarbeitung im Sommer erfolgt, zügig abgeschlossen wird und praktische Umsetzbarkeit und internationale Anschlussfähigkeit schafft.“
Bislang bleibt der von der Politik angestrebte Hochlauf einer Wertschöpfungskette für grünen Wasserstoff hinter den Zielen zurück. Eine Anfang 2026 vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (EWI) vorgestellte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der geplanten Projekte in Deutschland zwischen August 2024 und Dezember 2025 sogar gesunken ist.
Grüner Wasserstoff ist für die Transformation von Branchen wie Stahl oder Chemie, aber auch für den Flug- und Luftverkehr von essenzieller Bedeutung. Wasserstoff kann Öl, Gas oder Kohle ersetzen und ebnet damit den Weg zur Klimaneutralität für Branchen, die sich nicht allein mit Strom aus erneuerbaren Quellen dekarbonisieren lassen.
Grüner Wasserstoff wird per Elektrolyse hergestellt. Dabei wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Stammt der eingesetzte Strom aus erneuerbaren Quellen, gilt der Wasserstoff als klimaneutral. Deshalb sprechen Fachleute von „grünem“ oder „erneuerbarem“ Wasserstoff. Der heute eingesetzte Wasserstoff wird überwiegend aus Erdgas hergestellt. Er ist daher nicht klimaneutral und wird als „grauer Wasserstoff“ bezeichnet.
Die Bundesregierung erkennt das Problem des schleppenden Hochlaufs. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat sich mehrfach dafür ausgesprochen, die Bedingungen zu vereinfachen. Schon die Ampelkoalition hatte kurz vor ihrem Scheitern in Brüssel interveniert. Bislang verhallten die Appelle in Brüssel.
Kommission sagt nun schnelle Änderung zu
Nun kommt die Kurskorrektur. Ende April stellte die EU-Kommission angesichts der Energiepreiskrise Sofortmaßnahmen vor. Sie sollen dazu beitragen, die Energiekosten zu dämpfen und die Versorgung zu sichern („Affordable and Secure Energy through
Accelerated Action“). Eine der Sofortmaßnahmen betrifft grünen Wasserstoff: Weil sich der Wasserstoffmarkt langsamer entwickle als erwartet, werde die Kommission vorschlagen, die Produktionskriterien für grünen Wasserstoff gezielt zu überprüfen, heißt es in dem entsprechenden Papier der Kommission.
Überraschend ist, dass die Kommission dafür einen engen Zeitrahmen vorgibt: Die Anpassung soll bereits im Juni erfolgen.
Die Kriterien, die seit Langem in der Kritik stehen, betreffen den für die Wasserstoffelektrolyse eingesetzten Strom. Die Wasserstoffelektrolyse ist sehr stromintensiv. Deshalb zählen die Vorgaben für den eingesetzten Strom zu den wichtigsten Investitionskriterien.
Heute gilt: Betreiber von Elektrolyseuren dürfen nicht beliebig Strom aus dem Netz ziehen. Die EU-Regulierung sieht vor, dass der Strom für die Wasserstoffelektrolyse nicht aus bestehenden Wind- oder Photovoltaikparks stammen darf, sondern in Anlagen produziert werden muss, die neu errichtet wurden. Fachleute sprechen vom Kriterium der „Zusätzlichkeit“. Die EU will damit verhindern, dass dem Strommarkt Grünstrom entzogen wird. Ab 2028 soll das Kriterium verpflichtend gelten.
Außerdem muss die Wasserstoffelektrolyse zeitlich eng mit der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen zusammenhängen. Dieses Kriterium heißt „Gleichzeitigkeit“. Bis Ende 2029 gilt eine Kongruenz von einem Monat, ab 2030 soll eine Ein-Stunden-Regel gelten: Dann dürfte die Elektrolyse nur parallel zur Stromproduktion laufen.
Zur Diskussion steht nun, beide Regeln erst ab 2035 gelten zu lassen oder sie sogar ganz zu streichen. Die EU-Kommission hat großen Einfluss, weil sie die Änderungen als sogenannte „delegierte Rechtsakte“ umsetzen kann. Nach Veröffentlichung haben das Parlament und der Rat zwei Monate Zeit, den Rechtsakt abzulehnen. Geschieht das nicht, gilt er als angenommen.
Kriterien wirken als Hemmnis
Nach bisheriger Planung der EU-Kommission sollte erst 2028 eine Überprüfung der Kriterien stattfinden. Jetzt soll alles ganz schnell gehen.
Bernd Heid, Senior Partner und Wasserstoffexperte bei McKinsey, begrüßt die Entwicklung. Europa habe ein perfektes System ersonnen, aber der Kontinent schaffe den Sprung in die Massenanwendung noch nicht. „Das Prinzip der Zusätzlichkeit des Erneuerbaren-Stroms für die Elektrolyse und die vorgeschriebene enge zeitliche Korrelation zwischen Stromerzeugung und dem Betrieb der Elektrolyseure wirken hier eher als Hemmnis“, sagte Heid.
Das sieht auch Ann-Kathrin Klaas, Head of Research Area am EWI, so: „Studien zeigen, dass insbesondere der geplante Übergang von einer monatlichen zu einer stündlichen zeitlichen Korrelation die Kosten der Wasserstofferzeugung deutlich erhöhen kann“, sagt
sie. „Auch die Zusätzlichkeit stellt hohe Anforderungen, da sie eine enge Abstimmung zwischen Elektrolyseuren und Erneuerbaren-Erzeugungsanlagen voraussetzt.“
Resilienz als entscheidender Faktor
Zusätzliches Gewicht bekommen die geplanten Änderungen vor dem Hintergrund des Irankriegs. Denn es geht mittlerweile nicht mehr nur darum, mittels grünem Wasserstoff den Weg zur Klimaneutralität zu ebnen. McKinsey-Experte Heid sagte, vor drei Jahren habe der geplante Wasserstoffhochlauf unter der Prämisse gestanden, die Dekarbonisierung voranzutreiben. „Jetzt gibt es eine neue Motivation. Es geht darum, die Resilienz zu stärken, indem man sich von Energieimporten unabhängiger macht und die Energieträger diversifiziert“, sagte Heid. Nach Beobachtung von Heid ist China Europa voraus. „Europa behandelt das Thema Wasserstoff noch immer wie in einem Prototypen-Maßstab. China hingegen bringt das ganze Wasserstoff-Ökosystem breit ins Feld, schafft damit die Skalierung und senkt die Kosten“, sagte er. Dabei sei in China die Steigerung der Energieunabhängigkeit ein vorrangiges Ziel. Auch Unternehmen wie Thyssenkrupp, RWE, der Gasimporteur Sefe und der Gasnetzbetreiber OGE betrachten das Thema Wasserstoff verstärkt unter dem Aspekt der Resilienz. Sie haben gemeinsam mit anderen Unternehmen aus Europa die „European Resilience Alliance“ (ERA) ins Leben gerufen. Eines der Ziele der im April gegründeten Initiative ist es, eine pragmatischere Regulierung für Wasserstoff zu erreichen. So wollen die Initiatoren die Widerstandsfähigkeit der europäischen Industrie erhöhen.