Erneuerbare ausbauen. System flexibilisieren. Zukunft sichern.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien geht voran. Im Jahr 2024 lag deren Anteil bei knapp 58 Prozent am Bruttostrombedarf. Im Juni 2025 stammten erstmalig innerhalb eines Monats mehr als 12 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Photovoltaikanlagen. Insgesamt legte die Stromerzeugung aus Photovoltaik im ersten Halbjahr 2025 um 23 Prozent zu – auch dank des Rekordanlagenzubaus im Jahr 2024. Zudem macht die Windenergie an Land große Fortschritte. Mit über 14 Gigawatt (GW) neu genehmigter Windenergieleistung war 2024 das bislang beste Genehmigungsjahr in der Geschichte des Windenergieausbaus. Im ersten Halbjahr 2025 gelang die Inbetriebnahme von 409 Windenergieanlagen mit 2,2 GW Leistung, neu genehmigt wurden 1.276 Anlagen mit 7,8 GW Leistung. Die Ausbauziele nach Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sind hier also in Reichweite, aber noch lange kein Selbstläufer. Die Bundesregierung muss die Ausbauambitionen beibehalten.

Mehr Erneuerbare, mehr Flexibilität und eine zukunftsfähige Kraftwerksstrategie

Die weitere Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, Bürokratieabbau und Digitalisierung sind ebenso wichtig wie die Absicherung der Investitionen in Erneuerbare-Anlagen. Gleichzeitig muss das Energiesystem den mittlerweile systemsetzenden Erneuerbaren angepasst werden. Das erneuerbare  Energiesystem ist – anders als das fossil-atomare – geprägt von Dezentralität, smarter Infrastruktur und  Flexibilität. Damit können die günstigen Gestehungskosten von Sonnen- und Windstrom volkswirtschaftlich optimal genutzt werden. Das gesamte System wird kostengünstiger, resilienter und klimaneutral. Auch mit der wachsenden Einspeisung der fluktuierenden Quellen Wind und Solar muss der  Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch jederzeit gewährleistet werden, um das Stromnetz stets stabil zu  halten. Gleichzeitig sind Erzeugungsspitzen mit niedrigen und negativen Börsenstrompreisen abzufedern und in sogenannten Dunkelflauten, in denen Wind- und Sonnenenergie nicht zur Verfügung stehen, ausreichend gesicherte Leistung zu liefern. Auch wenn dies Zwischenphänomene sind und sich diese  Zeitfenster durch den deutschland- und europaweiten Ausbau der Erneuerbaren weiter schließen, braucht es ein „Backup“.

System- und netzdienlich am besten geeignet sind hierfür dezentrale, flexibel steuerbare Anlagen wie vorhandene Bioenergie- und Wasserkraftanlagen, Kraft- Wärme-Kopplung (KWK), Geothermie, rasant wachsende Speicherkapazitäten und die weiter fortschreitende Sektorenkopplung, wie grüner Wasserstoff, Wärmepumpen oder e-Mobilität. So wird das System nicht nur effizienter, sondern auch resilienter. Die Kraftwerksstrategie muss deshalb zu einer Flexibilitätsstrategie weiterentwickelt werden, die anerkennt, dass das dezentrale Backup-System schon mittelfristig mehr gesicherte Leistung bereitstellen kann als die geplanten Gaskraftwerke und dies zudem günstiger, sauberer und heimisch, also ohne neue fossile Importabhängigkeiten.

Gleichzeitig werden die regionale Wertschöpfung und die Wirtschaft insgesamt gestärkt. Eine Win-Win-Situation also für Wirtschaft, Sicherheit und Klima.

Das Energiesystem muss den mittlerweile systemsetzenden Erneuerbaren angepasst werden.

Dr. Simone PeterPräsidentin, Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE)

Batteriespeicher: Schlüssel zur Transformation

Immer leistungsfähiger werdende Batteriespeicher bilden eine zentrale Säule für ein zukunftsfähiges, klimaneutrales Energiesystem. Sie stabilisieren nicht nur das Stromnetz, sondern eröffnen zugleich neue wirtschaftliche Perspektiven für Unternehmen, Kommunen und private Haushalte. Sie gleichen kurzfristige Einspeisespitzen, überwiegend in der Mittagszeit durch die Solarenergie, aus und sorgen damit für eine stabile Netzauslastung. Darüber hinaus reduzieren sie Redispatch-Maßnahmen, also Eingriffe in die Stromerzeugung, um Netzengpässe zu vermeiden, dämpfen Preisvolatilitäten und bieten deutliche  Effizienzvorteile bei Speicherzeiträumen von bis zu 72 Stunden. Für längere Zeiträume, etwa zur  Überbrückung von Dunkelflauten, kommen Bioenergie, Wasserkraft, KWK oder perspektivisch auch Grüner Wasserstoff zum Einsatz. Hier ist es wichtig, die heimische Produktion von Wasserstoff mittels  Elektrolyseuren anzukurbeln, um deren systemdienliches Potenzial voll auszuschöpfen.

Heimspeicher ermöglichen zudem die Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern an der Energiewende. Haushalte und Unternehmen können günstigen Solarstrom zwischenspeichern, später selbst verbrauchen oder ins Netz einspeisen. Batteriespeicher sind somit nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftliches Rückgrat der Transformation. In Verbindung mit PV-Anlagen, Wärmepumpen, e-Autos sowie einer smarten Infrastruktur, variablen Netzentgelten und dynamischen Stromtarifen bilden sie eine unverzichtbare Flexibilitätsoption im Stromsystem, die auch ökonomische Vorteile auf allen Ebenen bringen.

Weitere Investitionshemmnisse beseitigen, statt neue schaffen

Renditechancen für Betreiber und Investoren sowie klare Systemvorteile von Batteriespeichern machen  deren Ausbau also für alle Beteiligten attraktiv. Gleichzeitig stellen die nach wie vor hohen Anfangsinvestitionen eine nicht zu unterschätzende Hürde dar. Sogenannte „Baukostenzuschüsse“, wie sie derzeit diskutiert werden, bergen damit die Gefahr, Investitionshemmnisse weiter zu verstärken, insbesondere dort, wo sie als unkalkulierbarer Risikofaktor wirken. Die Folge: Die dringend benötigte Flexibilisierung des Energiesystems könnte ins Stocken geraten und damit auch der Fortschritt der Energiewende. Zeit, die wir angesichts der notwendigen Ambitionen beim Klimaschutz nicht haben. Um dies zu verhindern, braucht es rechtssichere, klare und vor allem bundesweit einheitliche Regelungen für Batteriespeicher, um Planungssicherheit für Investoren und Projektträger zu gewährleisten.

Dazu gehört auch die Möglichkeit, Batteriespeicher auch über das Jahr 2029 hinaus von der Zahlung von Netzentgelten zu befreien. Denn anders als klassische Erzeuger oder Verbraucher belasten Speicher das Netz nicht dauerhaft. Im Gegenteil. Sie stabilisieren es durch Lastverschiebung und kurzfristige Einspeisung. Entscheidend ist es auch hier, zeitnah für rechtliche Klarheit zu sorgen. Dazu beitragen wird auch die in der aktuellen Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes vorgesehene Regelung, den Ausbau von Speichern als im überragenden öffentlichen Interesse liegendes Vorhaben zu regeln. Dies hat schon bei Erneuerbaren Energien (geregelt im EEG) zu einer deutlichen Genehmigungsbeschleunigung beigetragen. Und last but not least, sollte auch über ein Resilienz-Segment sichergestellt werden, dass Batterien auch künftig aus europäischer Herstellung kommen.

Eine wachsende Zahl von Staaten – von Kalifornien bis Dänemark – zeigt heute schon, wie gut Speicherflexibilität in Verbindung mit Erzeuger- und Verbraucherflexibilität sowie intelligenter Infrastruktur funktioniert, um die Zeiten niedriger und hoher Wind- und Solareinspeisung auszugleichen und gleichzeitig Kosten zu senken. Zentrale fossile oder atomare Kapazitäten passen nicht mehr in diese neue Energiewelt. 

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