Zeitwende in der Verteidigung! – Zeitenwende für die Chemie?

Deutschlands Verteidigungshaushalt wächst rapide. Für die oft kriselnde Chemieindustrie ergeben sich dadurch neue Perspektiven – wenn sie ihre Rolle als strategischer Zulieferer neu denkt.

1. Der Verteidigungshaushalt als Wachstumsmotor

„Verteidigungspolitik ist Industriepolitik“ – mit diesem Satz bringt die jüngste EY–Studie die neue sicherheitspolitische Realität in Europa auf den Punkt. Während sich die geopolitischen Spannungen zuspitzen, reagiert Deutschland mit einem historischen Anstieg der Verteidigungsausgaben. Schon heute fließen jährlich rund 72 Milliarden Euro zusätzlich in die militärische Ausstattung der europäischen NATO-Staaten – Tendenz steigend.

Was auf den ersten Blick nach Panzern und Flugzeugen klingt, hat in Wirklichkeit weitreichende industrielle Konsequenzen. Denn moderne Rüstung ist längst Hightech. Und in dieser Hightech steckt jede Menge Chemie – von hochfesten Verbundwerkstoffen über Speziallacke bis zu Sensorik, Treibstoffen und pyrotechnischen Komponenten.

Für die Chemiebranche, die derzeit mit hohen Energiekosten, Regulierungsdruck und schwacher Nachfrage zu kämpfen hat, könnten die steigenden Verteidigungsausgaben ein Wendepunkt sein. „Wenn sich das Zusammenspiel zwischen Verteidigung und Industrie richtig entfaltet, entsteht ein neuer Wachstumspfad“, heißt es in der Studie. Ein Pfad, der für die Chemie nicht nur Absatzmöglichkeiten, sondern auch Investitionssicherheit bedeutet.

2. Chemie als kritische Infrastruktur

Lange Zeit galt die chemische Industrie als stille Größe in der Sicherheitsarchitektur – unverzichtbar, aber wenig sichtbar. Das ändert sich jetzt.

Verteidigungstechnologie braucht Materialien, die extremen Belastungen standhalten: leichte und hochfeste Verbundwerkstoffe, beschichtete Oberflächen gegen Hitze, Korrosion und Abrieb – genau das liefern chemische Unternehmen. Ebenso unverzichtbar: Batterietechnologien für mobile Einsätze oder alternative Kraftstoffe, die militärische Logistik resilienter und nachhaltiger machen.

Zugleich rückt die Branche auch sicherheitstechnologisch in den Fokus: Sensoren zur Detektion von CBRN-Gefahren (chemisch, biologisch, radiologisch, nuklear) oder nanotechnologische Anwendungen für Panzerung und Tarnung sind längst keine Science-Fiction mehr – sondern industrielle Realität.

Die EY-Studie unterstreicht: Die europäischen Verteidigungsinvestitionen könnten bis zu 680.000 Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen. Die chemische Industrie hat das Potenzial, einen substanziellen Teil davon zu generieren – vorausgesetzt, sie positioniert sich aktiv.

Doch genau hier liegt die Herausforderung. Während etwa die Luft- und Raumfahrt eng mit dem Verteidigungsbereich verflochten ist, fehlen der Chemie bislang gezielte Fördermechanismen und eine strategische Einbindung in sicherheitsrelevante Lieferketten. Dabei wäre gerade sie prädestiniert, das Rückgrat einer resilienten Verteidigungswirtschaft zu bilden.

3. Neue Allianzen, neue Impulse

Was muss geschehen, damit die Chemiebranche diese Chance nutzen kann? Erstens braucht es industriepolitische Weichenstellungen: öffentliche Förderprogramme, gezielte Aufträge und eine verlässliche energiepolitische Basis. Zweitens ist unternehmerische Initiative gefragt: Unternehmen sollten verstärkt in sicherheitsrelevante Anwendungen investieren – und dafür neue Allianzen mit Wehrtechnikern, Start-ups und Forschungseinrichtungen eingehen.

Ein positives Beispiel: In Nordrhein-Westfalen entstehen derzeit erste Cluster, die gezielt chemische Komponenten für Verteidigungstechnologien entwickeln – von oxidationsstabilen Schmierstoffen bis zu flammenhemmenden Textilien für den Personen- und Fahrzeugschutz. Solche Initiativen könnten Schule machen.

Denn klar ist: Verteidigungsinvestitionen entfalten ihre Wirkung weit über die eigentliche Branche hinaus. Die Spillover-Effekte reichen bis in die Materialforschung, in die Digitalisierung und die Energieeffizienz. Für die Chemieindustrie eröffnet sich damit ein neues Innovationsfeld – mit globalem Potenzial.

Fazit: Verteidigung als wirtschaftlicher Hebel und Innovationstreiber

In einer Phase, in der viele Unternehmen der chemischen Industrie mit strukturellen Problemen ringen, könnte ausgerechnet die sicherheitspolitische Zeitenwende neue Perspektiven schaffen. Wer frühzeitig auf Kooperationen setzt, neue Märkte erschließt und technologische Exzellenz demonstriert, kann nicht nur Krisen trotzen – sondern langfristig gestärkt daraus hervorgehen.

Die Verteidigungsausgaben steigen – die Frage ist, ob die Chemiebranche mitwächst.