Mit dem Voranschreiten der Energiewende nehmen die Anzahl der Prosumer und die Volatilität von deren Stromangebot und -nachfrage zu, was wiederum die Nachfrage nach Flexibilität und intelligenter Steuerung dieses Stroms erhöht, um eben diese Volatilität auszugleichen. Da kommen dezentrale Energiespeicher und Elektroautos ins Spiel: Sie sind ein zentraler Baustein der Energiewende, wenn sie intelligent vernetzt und gesteuert werden. Neue Regulierungen wie die geplante „Marktintegration von Speichern und Ladepunkten“ (MiSpeL) schaffen dafür die Grundlage. Sie ermöglichen Batterie-Arbitrage und bidirektionales Laden für Haushalte und gewerbliche Standorte, die Photovoltaikanlagen mit Speichern oder E-Autos vernetzen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das volle Potenzial kleiner und mittlerer Anlagen ausgeschöpft wird – sowohl bei Neuinstallationen als auch im Bestand.
Viel Potenzial im Residential-Segment
Während im Markt viel über Commercial-und-Industrial (C&I)-Speicher diskutiert wird, liegt der größte Teil der stationären Kapazität in Deutschland im privaten Bereich: Rund 80 Prozent entfallen auf Haushaltsbatterien. Noch deutlicher wird die Dimension bei Elektroautos: Aktuell stehen rund 100 GWh in Batterien rein elektrischer Fahrzeuge 20 GWh in stationären Speichern gegenüber.
Eine Studie von Roland Berger beziffert das wirtschaftliche Potenzial in Deutschland auf bis zu 255 Milliarden Euro bis 2045, wenn smarte dezentrale Lösungen systematisch genutzt werden. gridX konzentriert sich auf Haushaltsbatterien und E-Autos, bietet aber auch Lösungen für C&I-Anlagen und Ladeparks an.
Regulatorik als Treiber statt Hindernis
Neue regulatorische Vorgaben machen die intelligente Steuerung von Energieanlagen im Haushalt unverzichtbar. § 14a EnWG und § 9 EEG führen neue Anforderungen für Endkund:innen, die Strom verbrauchen und selbst produzieren (“Prosumer”) ein, indem sie zur Gewährleistung von Netzstabilität im Wesentlichen intelligenten, transparenten Verbrauch sowie Einspeisung vorschreiben. Ein Home-Energy-Management-System (HEMS) erfüllt nicht nur problemlos alle regulatorischen Anforderungen, sodass Endkund:innen finanziell kompensiert werden, sondern ermöglicht auch eine Steuerung nach individuellen Vorlieben, mehr Transparenz, lokale Optimierung, netzdienliche Steuerung sowie Flexibilitätsvermarktung. Ein HEMS ist auch angesichts kommender komplexer regulatorischer Anforderungen, wie § 14c EnWG und § 19 EEG, von entscheidender Bedeutung. Künftig wird die geplante Verordnung MiSpeL zur Implementierung von § 19 EEG die Flexibilität dezentraler Systeme weiter stärken. Sie erlaubt die Praxis der Batterie-Arbitrage (Kauf und Speicherung von Strom, wenn sein Preis niedrig ist, und anschließende Nutzung oder Weiterverkauf, wenn sein Preis höher ist, um so von der Preisdifferenz zu profitieren) und das bidirektionale Laden von E-Autos – eine große Chance gerade für Haushalte und gewerbliche Standorte, die auf Photovoltaik setzen.
Für den Markt bedeutet das: Die neuen regulatorischen Spielräume müssen schnell und zuverlässig in technische Lösungen übersetzt werden. MiSpeL macht es erforderlich, mehrere Anlagen – Speicher, PV, Wärmepumpe und E-Auto – holistisch zu steuern und deren Flexibilität sowohl für Haushalte als auch für das Energiesystem nutzbar zu machen. Damit wird deutlich: Die Zukunft liegt darin, mehrere Anwendungsfälle mithilfe fortschrittlicher algorithmischer Logik in einer Lösung zu kombinieren.
Rolle und Grenzen von KI
Fortschrittliche Energiemanagementsysteme (EMS), die KI und Softwarelösungen kombinieren, sind die Grundlage, um neue regulatorische Möglichkeiten wie MiSpel schnell zu nutzen. Solche Systeme vernetzen verschiedene Use Cases – sowohl Front-of-the-Meter (FTM) als auch Behind-the-Meter (BTM) – und steuern mehrere Gerätetypen von unterschiedlichen Herstellern in einer Lösung, wie etwa Haushaltsbatterien, PV-Anlagen, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur für Elektroautos.
Wichtige Optimierungsaufgaben sind:
- Eigenverbrauchsoptimierung
- Optimierung nach dynamischen Tarifen
- Nutzung variabler Netzentgelte
- Bidirektionales Laden
- Netzdienliche Steuerung
KI unterstützt dabei insbesondere bei Prognosen für Wetter, Haushaltsverbrauch und Ladeverhalten von Elektroautos. Sie hilft außerdem, Installateure zu trainieren und Kund:innen-Support zu automatisieren. In Zukunft werden auch Endnutzer:innen besser nachvollziehen können, warum Speicher zu bestimmten Zeitpunkten laden oder entladen werden.
Doch KI hat Grenzen: Während viele BTM-Optimierungen schneller und robuster ohne KI laufen – insbesondere, wenn sie häufig in Sekundenintervallen stattfinden –, spielt KI für komplexe FTM-Szenarien mit multidimensionalen Optimierungsproblemen eine zentrale Rolle.
Wirtschaftliche Vorteile für Haushalte
Endnutzer:innen sind bereit, aktiv an Flexibilitätsmodellen teilzunehmen („Flexumer“). Laut einer Umfrage von gridX sind in Deutschland 77 Prozent grundsätzlich offen für explizite Flexibilitätsdienstleistungen, die flexible Energieanlagen bündeln und handelbar machen. Tatsächlich nutzen bisher aber nur rund 10 Prozent diese Angebote.
Dabei ist das wirtschaftliche Potenzial erheblich:
- bis zu 1.500 € pro Jahr durch die Kombination verschiedener Optimierungsansätze
- davon bis zu 600 € jährlich allein durch die Nutzung zeitvariabler Netzentgelte
- 400–800 € jährlich aus expliziten Flexibilitätsdienstleistungen, inklusive Batterie-Arbitrage ermöglicht durch MiSpel)
Die Höhe der Einsparungen hängt von Anlagengröße, Wetter und Verbrauchsverhalten ab; entscheidend ist die Kombination mehrerer Geräte über ein lokales Gateway und ein intelligentes HEMS.
Deutschland als Vorreiter
Deutschland steht an einem Wendepunkt: Dezentrale Speicher, E-Autos und PV-Anlagen können Kosten senken, Netzstabilität erhöhen und gleichzeitig die Energiewende beschleunigen. Damit das gelingt, müssen regulatorische Hürden wie bei der Direktvermarktung abgebaut werden. Wenn es jetzt gelingt, technologische Lösungen und neue Geschäftsmodelle konsequent umzusetzen, kann Deutschland zum Vorreiter einer innovativen, erneuerbaren Energiewirtschaft werden.