Wasserstoffhochlauf braucht einen Perspektivenwechsel

Der Hochlauf des Wasserstoffs, seiner Derivate und der damit verbundenen Wirtschaftssektoren in Deutschland befindet sich in einer sensiblen Phase.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom September 2026

Nach einer von klimapolitischen Zielszenarien geprägten Zeit stehen nunmehr konkrete Geschäftsmodelle und somit die Perspektive zukünftiger Kunden und Nutzer im Vordergrund. Und das ist dringender denn je: Geopolitische Risiken, die immer sichtbarer werdende Deindustrialisierung, werden nur beherrschbar, wenn entsprechende Investitionen in Zukunftstechnologien sich rechnen, bzw. wenn der Rahmen so gesetzt wird, dass sie sich überhaupt rechnen können. Das gilt auch für die Klimaziele in Deutschland, der EU und darüber hinaus. In allen Szenarien der IEA, der IRENA, werden die Klimaziele eben nur mit erheblichen Mengen klimaneutralen Wasserstoffs erreicht.

Vom Hype zur Realität

Die letzten Jahre haben viele positive Entwicklungen angestoßen, aber eben auch Erwartungen geschürt, die nicht zu halten waren. Projektverzögerungen oder gar die Einstellung von größeren Plänen folgten einer euphorischen Aufbruchstimmung. Doch das liegt nun hinter uns. Nach einer Phase der Ernüchterung hellt sich die Lage gegenwärtig wieder etwas auf. Ein Grund dafür: die Umsetzung der RED III im Verkehr, die ein echter Beleg dafür ist, dass gute Regulierung an der richtigen Stelle eben auch für das Gesamtsystem des Hochlaufs die bestmögliche Unterstützung ist.

Und der „Hype“, die Euphorie der frühen Jahre, hat auch viel Gutes bewirkt: Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie, den europäischen Zielsetzungen, den IPCEI-Projekten, ersten Förderprogrammen, regulatorischen Vorgaben und dem Wasserstoff-Kernnetz ist ein politischer und infrastruktureller Rahmen entstanden, auf dem weiter aufgebaut werden kann.

Das Ziel heute: Von der Strategie hin zu einem investierbaren Markthochlauf.

Andreas KuhlmannVorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff-Verbands (DWV) e.V.

Der Markt braucht verlässliche Signale

Noch aber zögern potenzielle Abnehmer, weil Preise, Verfügbarkeit und regulatorische Bedingungen schwer kalkulierbar sind. Produzenten wiederum investieren nicht, solange verbindliche Nachfrage fehlt. Infrastrukturbetreiber benötigen belastbare Mengengerüste. Förderinstrumente greifen teilweise zu spät, sind zu komplex oder adressieren einzelne Teile der Wertschöpfungskette, ohne dass daraus ein funktionierender Markt entsteht.

Dabei hat sich an der Notwendigkeit von Wasserstoff wenig geändert. Eine klimaneutrale Industrie braucht Moleküle – in der Stahl- und Chemieindustrie, für hohe Prozesstemperaturen, weite Teile der Gesamtmobilität und im Wärmemarkt. Auch für gesicherte Leistung, Langzeitspeicherung und die Resilienz unseres Energiesystems wird Wasserstoff wichtig sein. Nicht überall und nicht um jeden Preis.

Aber überall dort, wo direkte Elektrifizierung technisch nicht ausreicht, volkswirtschaftlich nicht überzeugt oder systemisch an Grenzen stößt.

Für rentable Geschäftsmodelle aber reichen Förderbescheide allein nicht aus. Die Frage, wer wem am Ende des Tages Wasserstoff zu welchem Preis abnimmt, steht immer im Vordergrund. Davon leiten sich Produktion, Importe, Speicher und Infrastruktur ab.

Für rentable Geschäftsmodelle reichen Förderbescheide allein nicht aus.

Andreas KuhlmannVorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff-Verbands (DWV) e.V.

Wasserstoff braucht mehr als Förderung

Dazu gehört eine industriepolitische Perspektive. Deutschland wird Wasserstoff und Derivate importieren. Es wäre aber fahrlässig, die heimische Produktion von Elektrolyseuren, Komponenten und klimaneutralen Molekülen vorschnell aufzugeben. Resilienz entsteht nicht durch Autarkie, aber durch ein belastbares Zusammenspiel aus eigener Wertschöpfung, diversifizierten Importen und leistungsfähiger Infrastruktur. Und bei der Elektrolyse und der vertikalen Wertschöpfungskette ist Deutschland stark.

Und noch etwas ist wichtig: Ja, es kann Situationen geben, in denen fossile Gegenwartstechnologie gestützt werden muss. Aber wer heute als First Mover investiert, darf morgen nicht der Dumme sein, weil Regeln nachträglich geändert werden. Investitionssicherheit für Vorreiter ist Voraussetzung für Zukunft.

Das Ziel heute: Von der Strategie hin zu einem investierbaren Markthochlauf. Um diesen Perspektivenwechsel zu gestalten, startet der Deutsche Wasserstoff-Verband das Projekt „Wie Wasserstoff gelingen wird“. Gemeinsam sollen Unternehmen aus Erzeugung, Import, Infrastruktur und Anwendung den Hochlauf konsequent aus Kunden-, Projekt- und Investorenperspektive durchdeklinieren. Keine weitere Wunschliste. Eine Basis, auf der Politik und Wirtschaft gemeinsam Lösungen für einen echten Markthochlauf finden. Ein Impuls aus der Branche, an dem Sie sich beteiligen können.

Die nächste Phase des Wasserstoffhochlaufs ist vielleicht leiser als die erste, aber eben auch belastbarer. Wenn aus der Vision ein Markt folgt, dann gelingen Klimaschutz, Resilienz und industrielle Stärke.

© DWV e.V. (Portrait)

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