Was Nordamerika vormacht

In Nordamerika treffen ehrgeizige Klimaziele auf planbare Politik. Für Investoren zählt Verlässlichkeit – in Genehmigungen, Regulierung und Infrastruktur. Das Ergebnis: Akzeptanz, Skalierung und Wirkung. Europa kann daraus lernen, ohne sich selbst zu verleugnen.

Ein Schritt über den Atlantik

Unser Schritt nach Nordamerika begann 2018 mit der Übernahme einer ehemaligen Zellulose‑Ethanolanlage in Nevada, Iowa. Heute betreiben wir weitere Standorte in South Bend, Indiana, und im kanadischen Welland, Ontario. Der Hintergrund war klar: In den 2010er-Jahren ließen sich Deutschland und Europa von irreführenden Narrativen gegen klassische Biokraftstoffe leiten, während in den USA der weltweit größte Markt für Biokraftstoffe entstand. Rohstoffzugang, ambitionierte Quotenregelungen (gesetzlich festgelegte Mindestanteile erneuerbarer Kraftstoffe im Kraftstoffmix), wettbewerbsfähige Energiepreise und belastbare Infrastruktur schufen dort planbare Projekte. Bemerkenswert: In Iowa liegt der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix über 50 Prozent – vergleichbar mit Deutschland. Diese Konstellation machte den Kontinent zum Entwicklungsraum: Wir konnten Technologien im industriellen Maßstab erproben, Partnerschaften mit Landwirtschaft und Logistik vertiefen und Skaleneffekte realisieren, die in kleineren Märkten schwerer zu heben sind.

Verlässlichkeit ist die Voraussetzung jeder ernsthaften Investition.

Mehr als eine Brückentechnologie

In Deutschland werden Biokraftstoffe häufig als Übergangstechnologie etikettiert – ein temporärer Steg, bis Elektromobilität und Wasserstoff alle Fragen gelöst haben. Diese Perspektive verkennt zwei Punkte: Erstens leisten Biokraftstoffe in der Dekarbonisierung (Reduktion von CO₂‑Emissionen) schwer zu elektrifizierender Segmente – Schwerlast, Schifffahrt, Teile des Luftverkehrs – schon heute messbare Beiträge. Zweitens werden in den USA und Kanada ökologische Effekte konsequent mit regionaler Wertschöpfung verwoben. Emissionsminderung ist dort kein Gegenspieler zur Wirtschaft, sondern deren Treiber im ländlichen Raum: neue Arbeitsplätze, stabile Nachfrage nach landwirtschaftlichen Roh- und Reststoffen, Investitionen in Infrastruktur. Diese Verknüpfung schafft politischen Rückhalt über Wahlzyklen hinaus und verankert die Technologie im Alltag.

Verlässlichkeit als Investitionswährung

Aus Investorensicht zählt in Nordamerika weniger Konfliktfreiheit als die Präsenz klarer Signale. Ein Beispiel ist das entschlossene Eingreifen gegen Betrug mit Biokraftstoffzertifikaten („RIN‑Fraud“: Manipulation von Renewable Identification Numbers, die als Nachweis für die Produktion und Verwendung erneuerbarer Kraftstoffe dienen) Anfang der 2010er-Jahre. Wo Regeln gelten und durchgesetzt werden, entsteht Vertrauen – und Vertrauen wird zu Kapital. Aktuelle industriepolitische Instrumente mögen protektionistische Züge tragen; entscheidend ist, dass sie Planungshorizonte eröffnen. Für Deutschland und die Europäische Union ergibt sich daraus kein Widerspruch, sondern eine Aufgabe: ambitionierte Ziele mit verlässlichen Umsetzungswegen zu verbinden.

Während die USA klare Ziele und Spielregeln setzen und der Industrie die Freiheit zur Wahl des besten Weges lassen, bestimmt Europa – unter dem Einfluss eigennütziger Akteure, die Wachstum und Wohlstand behindern – nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg und die Technologie. Die nationale Umsetzung der RED‑III‑Vorgaben (Renewable Energy Directive III – EU‑Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien) bietet die Chance, Betrugsprävention zu schärfen, Zertifizierung zu vereinfachen und Investitionen in heimische Kapazitäten zu erleichtern. Wenn Planungssicherheit wächst, wachsen auch die Anlagen.

Arbeitsmärkte zwischen zwei Kulturen

Expansion bedeutet immer auch kulturelles Lernen. Auf dem nordamerikanischen Arbeitsmarkt begegneten wir anderen Erwartungen an Arbeitgeber, anderen Lohnstrukturen und einem anderen Verständnis von Mobilität. Eine dreimonatige Kündigungsfrist, die in Deutschland Beschäftigte schützt, wird in den USA häufig als Hemmnis der beruflichen Beweglichkeit gesehen. Umgekehrt sind Praxisnähe und kontinuierliche Weiterbildung oft stärker eingefordert. Für uns als Arbeitgeber heißt das: Wir investieren nicht nur in Stahl und Sensorik, sondern in Menschen – in Qualifizierung, Sicherheit und Führung. Was anfangs fremd wirkt, erweist sich als Stärke: internationale Teams, die voneinander lernen, und Organisationen, die aus Unterschiedlichkeit Resilienz gewinnen.

Ambition braucht Pragmatismus – dann wird Klimaschutz zum Wettbewerbsvorteil.

Stefan SchreiberVorstand, Verbio SE

Vom Gegeneinander zum Miteinander

Die große Aufgabe unserer Zeit ist nicht, das perfekte Einzelinstrument zu finden, sondern die richtige Orchestrierung. Elektrifizierung, Wasserstoff, synthetische und biogene Kraftstoffe (aus erneuerbaren Quellen erzeugte Treibstoffe) ergänzen einander entlang ihrer Stärken. Politik kann diesen Prozess beschleunigen, indem sie Zielklarheit herstellt, Verfahren entbürokratisiert und Marktversagen dort adressiert, wo es auftritt – etwa bei Anschubfinanzierungen (staatliche Förderung für neue Technologien), Netzen oder Standardisierung. Die Industrie wiederum muss liefern: effiziente Anlagen, transparente Lieferketten, verlässliche Qualitätsstandards und messbare Klimawirkung über den gesamten Lebenszyklus. Wo beide Seiten ihren Teil tun, entsteht ein Pfad, der nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch trägt.

Messbarkeit und Verantwortung

Fortschritt misst sich nicht an Ankündigungen, sondern an Ergebnissen. Deshalb legen wir besonderen Wert auf transparente Kennzahlen – von der CO₂‑Bilanz über den Lebenszyklus bis zu Scope‑1‑ bis Scope‑3‑Emissionen (international etablierte Kategorien direkter und indirekter Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette). Wo Daten valide sind, werden Entscheidungen besser: Investitionen fließen in die wirkungsvollsten Projekte, Ineffizienzen werden sichtbar, und entlang der Wertschöpfungskette entsteht ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung. Diese Offenheit schafft die Basis, um mit Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nicht nur übereinzukommen, sondern voranzukommen.

Ein Blick nach vorn

Was bedeutet das konkret für uns als Unternehmen? Erstens: Wir setzen auf Technologieoffenheit, aber nicht auf Beliebigkeit. Investiert wird dort, wo Skalierung absehbar und Klimanutzen nachweisbar ist. Zweitens: Wir denken Wertschöpfung regional, aber Märkte global – mit Lieferketten, die sowohl Robustheit als auch Nachhaltigkeit abbilden. Drittens: Wir verstehen Regulierung als Partner, nicht als Gegner, und bringen unsere Erfahrung in praktikable Regeln ein. Wenn wir Ökologie und Ökonomie konsequent zusammen denken, dann wird Klimaschutz nicht zur Zumutung, sondern zum Wettbewerbsvorteil. Am Ende ist die Bilanz einfach: Nordamerika hat uns gezeigt, wie viel möglich wird, wenn Ambition auf Pragmatismus trifft. Diesen Geist brauchen wir auch in Europa. Nicht als Kopie, sondern als eigener Entwurf – mit klaren Zielen, verlässlichen Regeln und der Bereitschaft, Verantwortung zu teilen. Dann wird aus der Energiewende ein Industrieprojekt, aus dem Industrieprojekt ein Wohlstandsversprechen und aus dem Versprechen gelebte Realität.

Bild: © Thomas Kretschel

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