Wandel der Gefechtsführung: KI und Drohnen im Ukraine-Krieg

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheitspolitik und Verteidigungsindustrie vom 16.2.2024

The drones began crashing on Ukraine’s front lines, with little explanation“, schreibt die New York Times in einem Artikel vom letzten November. Die Autoren Paul Mozur und Aaron Krolik beleuchten darin den Wandel in der Kriegsführung zwischen der Ukraine und Russland und heben insbesondere die Auswirkungen der russischen elektronischen Kampfführung auf den Einsatz von Drohnen hervor. In diesem Konflikt wird die Navigation in der Luftfahrt, die in Zeiten globaler Satellitensysteme wie GPS als gelöstes Problem galt, plötzlich wieder zur großen Herausforderung. Eine Entwicklung, die für viele Hersteller von Drohnen überraschend kam, wie die Ukraine leidvoll erfahren musste.

Bei diesem von zwei gleichwertigen Parteien geführten Krieg in Europa kommen hochwertige  Waffensysteme der elektronischen Kampführung zum Einsatz, anders als bei bisherigen Konflikten mit Drohneneinsätzen, wie zum Beispiel am Hindukusch oder bei Berg Karabach. Jamming und Spoofing haben westlichen Drohnenpiloten bisher kaum Kopfzerbrechen bereitet. Seit einem Jahr ist das anders. Navigation und Positionsbestimmung ist mit das größte Problem im Drohneneinsatz geworden. Auch unsere Aufklärungssysteme vom Typ „Vector“ sind von diesen Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld betroffen.

Engagement in der Ukraine erzeugt Entwicklungsdruck
Mit der schnellen Reaktion auf die völkerrechtswidrige Invasion russischer Soldaten in die Ukraine haben wir uns einen „First Mover Advantage“ erarbeitet. In enger Abstimmung mit den Verteidigungsministerien in Deutschland und der Ukraine wurden bisher über dreihundert Vector Aufklärungssysteme ausgeliefert und damit ein wesentlicher Beitrag für die Unterstützungsstrategie der Bundesregierung für die Ukraine geleistet. Mehrere hundert weitere Systeme werden folgen. Die „Vector“ hat im Mai 2022 bei der Schlacht am Siwerskyj Donez ihre Feuertaufe bestanden, als sie das Übersetzen russischer Streitkräfte über den Fluss im Donbass mittels einer Pontonbrücke verhindert hat. Mit ihren elektrooptischen und Infrarot-Sensoren kann sie selbst bei schlechtesten Sichtbedingungen Aufklärungsergebnisse für die ukrainische Artillerie liefern. Durch den breitflächigen Einsatz von Jamming der russischen Armee ist jedoch eine neue Runde im Katz- und Maus-Spiel in diesem Krieg eingeläutet worden. Als die ersten Berichte und Meldungen über Navigationsprobleme von ukrainischen Drohnenpiloten in der Firmenzentrale in Gilching bei München ankamen, standen die Ingenieure unter massivem Entwicklungsdruck. „Sense of urgency“ ist in der Ukraine selbsterklärend.

KI und Wissenstransfer werden den Unterschied machen
Aktuell gibt es noch keine abschließende Lösung für das Problem. Ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen kann helfen. KI wird dabei eine wesentliche Rolle spielen. KI-basierte Systeme bieten die Möglichkeit, autonom zu operieren und sind weniger anfällig für Störungen. Sie kommen zum Einsatz, um neue Lösungen für das Navigationsproblem an der Front zu finden. KI ist nicht nur in der Lage, komplexe Datenmengen zu verarbeiten, sondern kann auch Entscheidungsprozesse unterstützen, was in kritischen Situationen von unschätzbarem Wert sein kann. KI-Unternehmen wie Helsing bieten die Möglichkeit, verschiedene Sensoren auf dem Gefechtsfeld zusammenzuführen und so einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen.

Die Integration von KI in die Kriegsführung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie bietet entscheidende Vorteile in Bezug auf Effizienz, Reaktionsfähigkeit und strategische Flexibilität. Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass Wissenstransfer und kontinuierliche Innovation entscheidend sind, um in den Konflikten des 21. Jahrhunderts erfolgreich zu sein. Gleichzeitig müssen wir die ethischen Implikationen neuer Technologien im Auge behalten und sicherstellen, dass sie verantwortungsvoll eingesetzt werden, ohne uns solchen Entwicklungen zu verschließen. Wir haben es selbst in der Hand. Fördern wir die europäische technologische Souveränität, bauen eine robuste Sicherheitsindustrie auf und fördern eine resiliente
Gesellschaft, oder überlassen wir Diktatoren und Autokraten unsere Zukunft? ■

Investitionen in DeepTech-Unternehmen, die Erfahrungen in der Ukraine sammeln, stellen eine entscheidende Investition in die Sicherheit Europas dar.


quantum-systems.com

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