Privatsache Krieg

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheitspolitik und Verteidigungsindustrie vom 16.2.2024

Wie zivile Unternehmen und Privatpersonen eine immer größere Rolle im Krieg spielen und was neue Technologien damit zu tun haben

Ein Konferenzraum irgendwo auf der Welt. Die typische Büroeinrichtung: Glas, Chrom, Topfpflanze. Ein typisches Vorstandstreffen mit Espressotassen und Fruchtschale auf dem Tisch, Wasserflaschen aus Glas. Nur das Thema der Diskussion ist nicht typisch. Es geht nicht um die letzten Quartalszahlen, Verkaufs- oder Marketingstrategie. Es geht um Krieg. Es geht um Streitkräfte und deren Fähigkeiten. Darum, wie die eine Seite gegenüber der anderen unterstützt werden kann.

In einem Unternehmen der Verteidigungsindustrie wäre das wenig erstaunlich. Rheinmetall, Raytheon oder KMW – Firmen, die Panzer, Waffen und Munition produzieren, diskutieren regelmäßig über Geopolitik, Krieg und Frieden. Doch mit dem Krieg in der Ukraine sind militärische Fragen in ganz andere Vorstandsetagen vorgedrungen. In der Ukraine geht es neben HIMARS, IRIS-T, Gepard und Co. zunehmend um DJI Mavic Drohnen, Starlink Internetterminals, Snowball Datentransportkoffer und die Cloud. Alles eigentlich zivile Technologieprodukte und Dienstleistungen. Alle überlebenswichtig in diesem Krieg.

Im Krieg gegen die Ukraine beobachten wir eine Privatisierung der Kriegsführung. Sprach man in den letzten Jahrzehnten von „Privatisierung“, ging es primär um Söldnerarmeen. Doch auch wenn die Söldner der russischen Wagnertruppe weiterhin in Afrika aktiv sind, vollzieht sich dieser Tage eine andere Art der Privatisierung. Private Unternehmen und Privatmenschen spielen wegen des Einsatzes neuer Technologien eine immer größere Rolle für und in militärischen Auseinandersetzungen.

Zivile Unternehmen werden Kriegsakteure
Bekannt wurde diese Entwicklung der breiten Öffentlichkeit, als amerikanische Medien berichteten, Elon Musk, der Chef des Satellitenunternehmens SpaceX, habe – alleine und nach eigenem Gutdünken – Einfluss auf die Kriegstaktik der ukrainischen Streitkräfte genommen. Sein Hebel: Er kann entschieden, wo und ob in der Ukraine (und spezifisch auf der Krimhalbinsel) Internet seiner Satelliten zur Verfügung steht und wo nicht. Internetkonnektivität ist für Kommunikation und Navigation moderner Streitkräfte oft unabdingbar und das ukrainische Militär veränderte seinen Einsatz daraufhin. Die Aufregung war groß, auch da Musk eine besonders umstrittene Persönlichkeit der amerikanischen Öffentlichkeit ist. (Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass der spezifische Fall rechtlich komplex ist. Völkerrechtlich verhielt Musk sich wahrscheinlich korrekt, da die Krim als besetztes Gebiet Sanktionsregimen unterliegt und das Aktivieren des Internets dort möglicherweise Völkerrecht gebrochen hätte.)

Der Fall Musk/SpaceX ist nur ein mediatisiertes Beispiel einer viel grundsätzlicheren Entwicklung. Private Firmen, die eigentlich gar keine militärischen Produkte herstellen, sind für die Verteidigung der Ukraine überlebenswichtig. Der ukrainische Vize-Premierminister und Minister für digitale Innovation Mychajlo Fedorow sagte, „[Cloud-Dienste] haben der Ukraine im Grunde genommen geholfen, als Staat zu überleben“. Kurz vor Kriegsbeginn hatte die Ukraine wichtige Daten, wie die des Katasteramts, in die Amazon Cloud geladen. Der amerikanische Konzern stellte „snowball“ Datentransportboxen zur Verfügung, mithilfe derer 20 Petabytes an Daten in die Cloud geladen wurden. Das entspricht ungefähr zwei Mal dem Inhalt der amerikanischen Kongressbibliothek. Banken brachten ihre Websites unter einen Cyberschutzschirm, den Google aufspannte und der sie vor Überlastungsangriffen schützte. Und eben genannte Starlink Internetterminals, die zu Anfang des Kriegs von SpaceX gespendet oder von Privatmenschen gekauft wurden, und die Internetkonnektivität in der Ukraine aufrechterhalten.

Nicht nur amerikanische Technologieunternehmen, auch eine chinesische Firma ist ganz vorne mit dabei: DJI, der weltgrößte Produzent von Hobbydrohnen. Seine Quadkopter, insbesondere die Mavic 3, werden zu Tausenden in der Ukraine eingesetzt. Und das, obwohl DJI seine Operationen sowohl in der Ukraine als auch in Russland bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn einstellte. Auch das zeigt sich in diesem Krieg: Zu kontrollieren, ob und wie ihre Produkte eingesetzt werden, kann für private Unternehmen schwierig sein. Eine Entwicklung ist im Gange, die Einfluss auf Staaten und Unternehmen gleichermaßen hat: In der Vergangenheit fanden viele technologische Durchbrüche in staatlich (und oft militärisch) kontrollierten Instituten statt. Vom Internet zu GPS, oft war es das (US-amerikanische) Militär, das neue Technologien entwickelte, die dann militärisch und zivil genutzt wurden. Heute findet die Hochtechnologieentwicklung primär im Privaten statt – besonders auffällig ist das im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Staaten haben somit weniger Kontroll- und Beeinflussungsmöglichkeiten, was und wie entwickelt wird und wer es verwenden kann. Zunehmend haben private Unternehmen nun Fähigkeiten, die Staaten – selbst wohlhabende westliche Staaten – so nicht mehr zur Verfügung stellen können. Der sprichwörtliche „militärisch-industrielle Komplex“, vor dem US Präsident Eisenhower noch warnte, ist heute nicht in der Lage, Drohnen in einer Stückzahl und zu einem Preis wie DJI herzustellen. Kein Land hat eine Satellitenkonstellation wie SpaceX.

Das ist nicht zwangsläufig ein Problem, schließlich ist der Privatsektor effizienter und nicht alles muss mit Steuergeldern finanziert werden. Aber es bedeutet eine Machtverschiebung vom Staat zur Privatwirtschaft. Es stellt auch die privaten Unternehmen vor ganz neue Herausforderungen. Werden zivile Produkte und Dienstleistungen militärisch relevant, müssen sich Unternehmen politisch positionieren. Und wenn die Entscheidung lautet, nicht aktiv zu werden: Ist das Unternehmen dann in der Lage, die Nutzung seiner Produkte zu kontrollieren?

Nicht nur private Unternehmen, auch Privatpersonen führen Krieg
Neben zivilen Privatunternehmen hat der Einsatz neuer Technologien auch dazu beitragen, die Kriegsführung zu individualisieren. Einzelpersonen können sich in das Kriegsgeschehen einbringen, direkt oder indirekt. In der Ukraine bauen und fliegen Privatleute Drohnen und senden per App Informationen zu Raketeneinschlägen und russischen Truppenbewegungen. Das Engagement von Privatmenschen geht weit über das ukrainische Staatsgebiet hinaus: Spendenaufrufe und Sammelaktionen über soziale Medien und Internetplattformen spiele eine relevante Rolle für die Ausstattung des Militärs. Durch dieses „Crowdfunding“ wurden Tausende Drohnen und anderes militärisches Gerät für das ukrainische Militär gekauft. Amateuranalysten in der ganzen Welt nutzen KI-unterstützte Bilderkennung, um über soziale Medien geteilte Videos zu analysieren und so Kriegsverbrecher zu identifizieren. Hacker stellen ihre Fähigkeiten zur Verfügung. Diese Involvierung von Privatpersonen wird nicht nur durch Technologien ermöglicht, neue Technologien motivieren sie auch. Ein Großteil der Privatspenden ging an Drohnenhersteller. Neue Technologien, gerade solche, die auch in Science Fiction Filmen auftauchen könnten, erwecken besonderes Interesse. Nach Berichten über die Erfolge der Bayraktar TB2 Drohne wurde übrigens so viel Geld für deren Anschaffungen gesammelt, dass die Ukraine zu viele TB2 hatte, obwohl sie anderes Equipment besser hätte nutzen können.

Eine neue Situation für alle Beteiligten
Die immer größere Rolle, die private Unternehmen und Privatleute in militärischen Konflikten spielen, ist eine Herausforderung für Staaten, das Militär und den Privatsektor. Firmen, deren Produkte militärisch relevant sind, müssen sich darauf vorbereiten, dass ihre Produkte in Kriegen gefragt sein könnten. Sie sollten Prozesse festlegen, wie sie auf militärische Auseinandersetzungen reagieren. Nicht jeder zukünftige Krieg wird so eindeutig sein, wie Russlands völkerrechtswidriger Angriff auf die Ukraine, in dem westliche Firmen keine Schwierigkeiten hatten, sich zu positionieren. Staaten sollten stärker als bisher Gesprächskanäle zum Privatsektor aufbauen, um im Konfliktfall in der Lage zu sein, mit privater Hilfe zu arbeiten. In manchen Bereichen wie der Internetkonnektivität über Satellit müssen Staaten sich auch die Frage stellen, ob sie stärker in eigene Fähigkeiten investieren wollen, um Abhängigkeiten zu verringern. Gerade für Europa sollte der Krieg in der Ukraine ein Weckruf sein: Europäische Firmen spielen im Gegensatz zu den großen amerikanischen Technologiegiganten kaum eine Rolle.

Auch das Engagement von Privatpersonen muss begleitet werden. Für Demokratien, in denen die öffentliche Meinung zählt, sind engagierte Bürger grundsätzliche eine positive Entwicklung, können aber auch von Gegnern instrumentalisiert werden oder die Diplomatie vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Mechanismen zur Koordinierung ziviler Freiwilliger könnten eingerichtet werden, zum Beispiel in der Cyberverteidigung. Die ukrainische Regierung kann hier Vorbild sein. Ihr ist es bisher auf beeindruckende Weise gelungen, mit der breiten Öffentlichkeit im Westen zu kommunizieren und Privatbemühungen zu ihrem Vorteil zu nutzen – manche der Crowdfundingplattformen betreibt sie selbst. ■

Heute findet die Hochtechnologieentwicklung primär im Privaten statt – besonders auffällig ist das im Bereich der KI.

Durch Crowdfunding wurden Tausende Drohnen und anderes militärisches Gerät für das ukrainische Militär gekauft.

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