Im Interview mit MBDA-Deutschland-Geschäftsführer Thomas Gottschild

„Die Thesen der SVI-Strategie müssen in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden.“

Anlässlich der Handelsblatt Konferenz Sicherheit & Verteidigung sprach Volker Schubert mit dem Geschäftsführer der MBDA Deutschland GmbH und Executive Group Director Strategy MBDA, Thomas Gottschild, über unternehmensstrategische Vorleistungen, die Performance des bayerischen Systemhauses, die verteidigungspolitische Re-Priorisierung des Bundeshaushalts und die unternehmerische Bewertung der Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie (SVI-Strategie).

NV: First Impression Report zur 2025er Konferenz, Herr Gottschild: Wir befanden uns bei der Handelsblatt Konferenz 2024 an gleicher Stelle im intensiven verteidigungspolitischen Dialog. Wenn Sie heute das damals identifizierte rüstungsstrategische Delta noch einmal Revue passieren lassen, was hat sich in den letzten 365 Tagen aus verteidigungsunternehmerischer Sicht in puncto Perzeption und Schlussfolgerungen zur globalen Sicherheitslage verändert?

Gottschild: Wenn ich die diesjährige Handelsblattkonferenz mit der des Jahres 2024 vergleiche, dann war die Konferenz im letzten Jahr sehr taktisch geprägt. Es ging dabei um konkrete Aufträge: Wie können wir jetzt schnell konkret unter Vertrag kommen? Dieses Jahr empfinde ich den Kongress als strategisch geprägt. Hier wurde mehr in langfristigen Dimensionen gedacht. Themen wie die Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie wurden aufgenommen, ebenso die all gemeine Sicherheitslage. Insofern ist es ein Shift, ein Stück weit weg von der taktisch-operationellen Ebene hin zur strategischen Ebene.

NV: Mit dem Spatenstich in Schrobenhausen im Spätherbst letzten Jahres hat MBDA Risiko kapital investiert und ist industriepolitisch im Bereich Raketenbau mit einer Erweiterung der Produktionskapazitäten um bis zu 50 Prozent massiv in Vorleistung gegangen. Sie sprachen gerade das regierungsseitig veröffentlichte Konzeptpapier zur Rüstungsindustriestrategie an; was erwarten Sie angesichts Ihres unternehmerischen Engagements im Gegenzug von den verteidigungspolitischen Entscheidungsträgern?

Gottschild: Wir haben viel investiert, wie Sie richtiger weise sagen! Wir sind auch in Vorleistung gegangen und gehen damit unternehmerische Risiken ein, weil wir der Überzeugung sind, dass der Markt diese Nachfrage auch bedienen wird. Aber trotz dem brauchen wir langfristige Verträge, die dann auch die Investitionen, die wir machen, absichern. Die thematisierte Sicherheits- und Verteidigungsstrategie beinhaltet auch eine langfristige Kapazitäts- und Auslastungsplanung – zwar mit Prüfvermerk – aber dieser Punkt ist überaus wichtig. Es ist Zeit, dass dies aufgenommen, durchdacht und mit der Industrie besprochen wird, um zu definieren, wie wir hier gemeinsam vorankommen.

NV: Mit Blick auf die im Sommer 2025 in Den Haag stattfindende NATO-Tagung steht schon jetzt fest, dass die kommenden Lastenhefte der NATO-Partner nicht nur neue und kriegstüchtige Strukturen, sondern auch einen deutlichen Anstieg bei den waffentechnologisch relevanten Mengengerüsten beinhalten werden – im Lenkflugkörpersegment plant die NATO unter anderem eine Verfünffachung der bodengebundenen Luftverteidigung in Kombination mit hochagilen Deep-Precision-Strike-(DPS)-Fähigkeiten. Spiegelt sich in Ihrer Aussage zu den angestrebten Kapazitätserweiterungen bereits die rüstungsstrategische Antizipation der in Den Haag zu erwartenden NATO-Entscheidungen wider?

Gottschild: Wir fühlen uns gut aufgestellt. Die Forderungen, die auf uns zukommen, grundsätzlich zu bedienen. Dies gilt auch im Hinblick auf den NATO-Planungsprozess, der auf dem Gipfel in Den Haag entschieden werden soll. Wir dürfen aber nicht einhalten, sondern müssen noch mehr tun! Genauso, wie unsere Regierungen, die ihrerseits noch einiges beitragen müssen, um diesen Forderungen nachzukommen. Die von Ihnen angesprochene Stückzahlerhöhung ist so enorm, dass wir mit den zurzeit bestehenden Finanzmitteln in den geplanten Haushalten nicht auskömmlich dastehen. Wir brauchen dafür mehr Geld und langfristige Verträge!

NV: Generalinspekteur Carsten Breuer sprach davon, dass sowohl die deutschen Streitkräfte als auch die Rüstungsindustrie zukünftig „schneller, flexibler und agiler“ auf die kommenden sicherheitspolitischen Herausforderungen reagieren müssten. 2024 wurde die Zwei-Prozent NATO- Quote im Bundeshaushalt erstmals, aber nur unter Anrechnung des 100 Milliarden Euro Bundeswehr-Sondervermögens, erreicht. Was erwarten Sie von der Politik, damit es ab 2027 im Wehretat nicht zu einer finanziellen Abbruchkante kommt und Sie die militärischen Mobilitätsanforderungen des Generalinspekteurs auch erfüllen können?

Gottschild: Die Politik steht nach meinem Dafürhalten vor einer riesigen Herausforderung. So muss die Politik der Bevölkerung reinen Wein einschenken, was die Sicherheitslage in Deutschland und in Europa betrifft. Wenn sie dann die Lösung aufzeigen, nämlich, dass wir mehr rüsten müssen, um uns verteidigungs- und kriegstüchtiger zu gestalten, dann geht das natürlich auch mit entsprechend hohen Kosten einher. Und diese Kosten können nicht durch Schulden allein gedeckt werden. Von daher muss es außerdem um eine Re-Priorisierung des Haushaltes gehen. Und der Bevölkerung klarzumachen, dass es in diesem Zusammenhang Einschnitte geben wird, ist eine immense Aufgabe vor der die Politik steht.

NV: Die Handelsblatt Sicherheitskonferenz labelte 2025 unter der Headline „Sind wir bereit? Und wozu?“. Herr Gottschild, ist Ihr Systemhaus bereit und wozu, wenn es waffensystemspezifisch etwa um bodengebundene Luftverteidigung, kommende DPS-Kapazitäten, um Lenkflugkörper zur Panzerabwehr oder im infanteristischen Einsatzspektrum im Hinblick auf Ihre unternehmenspolitischen Weichenstellungen geht?

Gottschild: Wir sind gut vorbereitet. Das bedeutet: wir tätigen Investitionen in großer Höhe. Wir verdoppeln zudem unsere Produktionskapazitäten und sind auch deshalb gut aufgestellt. Sind wir damit schon am Ende oder gar dort angelangt, wo wir hinmüssen? Ich glaube, noch nicht. Es muss mehr getan werden. Aber das können wir nur gemeinsam mit unserem Kunden, sprich mit der Politik und auch mit dem Nutzer, der Bundeswehr, entscheiden.

NV: Die Regierung Scholz hat die „Nationale Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie“ – kurz SVI genannt – auf den Weg gebracht. Kern des Papiers ist die Identifizierung wehrpolitisch relevanter Schlüsseltechnologie-Kompetenzen eingedenk rüstungsindustrieller Ressourcen und einschließlich relevanten Wissenstransfers. Der rüstungspolitischen Programmatik dieses Positionspapier stellen Sie rüstungsindustriell gewichtige Handlungsoptionen gegenüber; betrachten Sie die fünf Säulen Ihres Forderungskonzepts dabei als gleichrangig oder gibt es hier eine Priorisierung, um die SVI mit Leben zu füllen?

Gottschild: Die Thesen meines Vortrags drehen sich um das Thema Beschaffung, kontinuierliche Produktion, Forschung und Entwicklung, Schlüsseltechnologie und Exportkontrolle. Die fünf genannten Thesen greifen ineinander. Es macht wenig Sinn, eine einzige These aus diesen fünf herauszulösen. Sie müssen gesamtheitlich gedacht und gelöst werden. Das ist übrigens noch nicht umfassend, sondern es gibt noch wesentlich mehr, das bearbeitet werden muss.

Dipl.-Kfm. Volker Schubert NV Hauptstadtkorrespondent

Diplom-Kfm. Volker Schubert ist als Hauptstadtkorrespondent Politik in den Themenfeldern Verteidigung und Rüstung sowie Innere Sicherheit und Kriminalpolitik für deutsche Spezialmedien tätig.