Artikel aus dem Handelsblatt Journal Future Workplace vom 07.08.2023
Warum der Arbeitsplatz ein Safe Space sein sollte
Bitte keine Gefühle im Büro! Emotionen im beruflichen Kontext gelten bis heute als unprofessionell. Doch ist das so und was macht es mit uns, wenn wir Emotionen einen Teil des Tages unterdrücken? Eines vorweg: Es liegt nicht in der menschlichen Natur, Gefühle an der Bürotür abzustellen.
Jenseits ihrer Rolle als diskriminierungsfreie Zufluchtsorte werden Safe Spaces in der Arbeitswelt zunehmend als Orte emotionaler Sicherheit verstanden. Ein New Work-Ansatz, der der Gefahr mangelnder Kompetenz im Umgang mit Gefühlen entgegenwirkt und ein holistisches Menschenbild vertritt. Denn die Annahme, dass Arbeit etwas Rationales ist, wird schon dann widerlegt, wenn wir ganz nüchtern betrachten, dass Emotionen ein integraler Bestandteil des Menschseins sind. Wir sind emotionale Wesen und alle Emotionen ein Teil von uns, die wichtige Funktionen erfüllen. Angst warnt uns vor Gefahren, Wut weist uns darauf hin, dass unsere Rechte verletzt wurden, und Frustration zeigt uns, dass etwas fehlt. Ohne Emotionen könnten wir nicht intuitiv handeln. Kurz: Emotionen sind eine wichtige Informationsquelle für Entscheidungen. Emotionen im Arbeitskontext zu zeigen, bedeutet natürlich nicht, sie an anderen auszulassen. Beim Arbeitsplatz als Safe Space geht es darum, dass es absolut in Ordnung ist, zu zeigen, wie es einem geht und darüber zu sprechen, ohne dass andere Personen damit überfordert werden oder das Gegenüber eine Wertung vornimmt.
Emotionen am Arbeitsplatz sind der Schlüssel zur Produktivität
Insbesondere negativ konnotierte Emotionen beeinflussen nicht nur die eigene Leistung, sondern zum Beispiel auch die Stimmung im Team oder die Produktivität. Und das vor allem dann, wenn Gefühle nicht offen gezeigt werden. Je mehr Gefühle zurückgehalten werden, desto schwieriger wird es, den Arbeitsalltag zu bewältigen. Es kostet Energie und verstärkt Unsicherheiten. Die Forschung zeigt, dass das Unterdrücken der eigenen Bedürfnisse zu einem dauerhaften Erschöpfungszustand führen kann. Auch Arbeitspsychologen raten immer wieder, offen mit Gefühlen umzugehen. Nicht zuletzt, um Fehlinterpretationen und Missverständnisse zu vermeiden und um Wut oder Trauer nicht an anderen auszulassen. Dazu braucht es nicht nur Führungskräfte und Mitarbeitende, die über ihre Gefühle sprechen, sondern auch solche, die zuhören können. Natürlich dürfen oder sollen Führungskräfte beide Rollen einnehmen. Denn wenn ich als Führungskraft nichts von mir und meinen Emotionen zeige und Distanz schaffe, dann bauen auch meine Mitarbeitenden weniger Bindung zu mir auf. Es sollte ganz normal sein, auch als Führungskraft äußern zu dürfen, dass es mir gerade nicht gut geht oder ich wütend bin. Der Beziehungsaufbau ist für Unternehmen extrem wichtig. Zudem lassen Führungskräfte, die Emotionen zulassen, mehr Intuition sprechen, was laut Studien zu schnelleren und effizienteren Lösungen führt.
Wie können Unternehmen zu einem Safe Space werden?
Schon kleine Maßnahmen können Unsicherheiten nehmen. Check-in-Fragen bei Meetings zum Beispiel geben allen die Möglichkeit, einen Einblick in ihre Stimmung zu zeigen. Dieser Einblick kann fröhlich, nüchtern, angespannt, wütend oder traurig sein. Wir brauchen Meetings, in denen auch „schwierige“ Gespräche möglich sind und in denen Emotionen Raum bekommen. Nur so kann sich eine Vertrauenskultur entwickeln. Nicht umsonst haben aktuell diskutierte Führungsthemen oft mit emotionaler Kompetenz zu tun. Die Förderung offener Kommunikation sollte in den Fokus rücken. Die Einrichtung von Ruhezonen und die Schulung von Führungskräften zum Umgang mit psychisch belasteten Beschäftigten können außerdem unterstützend wirken. Emotionen zuzulassen hat viele Vorteile: Die Anerkennung und der Umgang mit Emotionen fördern ein positives Arbeitsumfeld, steigern die Zufriedenheit und verbessern die Arbeitsleistung. Denn wer sich emotional sicher fühlt, ist eher bereit, Risiken einzugehen und kreativ zu denken. Beschäftigte fühlen sich zudem wertgeschätzt, weil sie nicht nur funktionieren müssen. Langfristig könnten so Krankheitsausfälle reduziert werden. Darüber hinaus hilft schon ein einfaches „sich von der Seele reden“, Emotionen zu lösen. ■