Alternative Kreditvergabe am Wendepunkt: Ohne digitale Infrastruktur kein Fortschritt

Nicht-bankliche Kreditvergabe wächst rasant, doch in der Refinanzierung herrschen noch analoge Strukturen. Warum die Digitalisierung dieser Prozesse zur zentralen Voraussetzung für Effizienz, Transparenz und Wachstum im Kreditmarkt wird.

Die Kreditlandschaft in Europa befindet sich mitten in einer stillen, aber tiefgreifenden Transformation. Neben Banken ist in den vergangenen Jahren ein dynamisch wachsender Markt entstanden, der zunehmend ganze Bereiche der Unternehmensfinanzierung für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) prägt. Unter dem Begriff Non-Bank-Lending, oder „alternative Kreditvergabe“, bündeln sich Modelle, die Kapital flexibler, datengetriebener und jenseits traditioneller Bankstrukturen verfügbar machen.

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind strengere Eigenkapitalanforderungen im Zuge von Basel III und IV, die den Spielraum klassischer Banken in ihrer Kreditvergabe spürbar einschränken. Laut der jüngsten „Bank Lending Survey“ der Deutschen Bundesbank lag der Saldo der Banken, die ihre Kreditvergaberichtlinien strafften, bei drei Prozent, wovon ausschließlich KMU betroffen waren. Und was ergibt sich daraus? Die KfW fand in ihrer „ifo-Kredithürde“-Umfrage heraus, dass nur 19,5 Prozent der befragten KMU im dritten Quartal 2025 Gespräche zu Unternehmenskredite mit Banken führten – der niedrigste Wert seit Ende 2023.

Der Finanzierungsbedarf bleibt jedoch bestehen. Damit öffnet sich Raum und dringender Bedarf nach alternativen Anbietern – insbesondere in Segmenten, die Banken aus regulatorischen Gründen meiden, etwa kurzfristige Betriebsmittelfinanzierungen oder datenbasierte Working-Capital-Lösungen.

Das Volumen der Unternehmenskredite aus nicht-banklichen Quellen hat sich in Europa seit 2015 mehr als verdoppelt. Inzwischen stammen rund 23 Prozent der Kreditvergabe an nicht-finanzielle Unternehmen in der EU aus diesen Quellen (European Systemic Risk Board). Laut Research & Markets wird sich dieses Wachstum rasant fortsetzen, von 89,4 Milliarden US-Dollar (2024) auf 126,5 Milliarden US-Dollar (2028), eine jährliche Steigerung von rund neun Prozent. Besonders stark expandieren Plattformen für KMU-Finanzierung, Buy-Now-Pay-Later (BNPL) und Factoring.

In Deutschland verzeichnete der Factoring-Sektor 2024 ein Umsatzwachstum von 398,8 Milliarden Euro (+3,7 Prozent), während BNPL-Transaktionen einen geschätzten Volumen von rund 25 Milliarden Euro erreichten (EHI Retail Institute). Damit verlagert sich die Kreditvergabe europaweit Schritt für Schritt in neue Strukturen: flexibler, dezentraler und näher an den Bedürfnissen der Realwirtschaft.

Während sich die nicht-bankliche Kreditvergabe selbst immer stärker digitalisiert, hinken die zugrunde liegenden Refinanzierungsprozesse zwischen alternativen Kreditgebern und ihren institutionellen Kapitalgebern stark hinterher. Excel-Tabellen, PDF-Reports und individuelle Datenabfragen bestimmen den Informationsfluss zwischen Kreditgebern, Servicern und institutionellen Investoren. Das erschwert Transparenz, verlangsamt Risikoanalysen und hemmt das Wachstum.

Viele FinTechs, Factoring- und BNPL-Anbieter haben ihre Schnittstellen zum Kunden längst automatisiert. Auf der Debt-Seite jedoch – dort, wo Kapital gebunden und neu strukturiert wird – dominieren analoge Systeme und Insellösungen. Genau hier liegt die Achillesferse des Non-Bank-Lending: Ohne digitale Infrastruktur bleibt die Effizienz auf halbem Weg stecken.

Die nicht-bankliche Kreditvergabe kann nur dann eine echte Alternative sein, wenn die Refinanzierung denselben technologischen Standard erreicht wie die Kreditvergabe selbst. Effizienz allein reicht dafür nicht aus. Es geht darum, Kreditrisiken systemisch zu erkennen, Datenströme zu standardisieren und Vertrauen zwischen Kredit- und Kapitalgebern zu schaffen. Erst wenn Portfoliodaten in Echtzeit verarbeitet werden können, entsteht ein belastbares Fundament für Wachstum – und eine Basis, auf der sich Risiken frühzeitig identifizieren und steuern lassen.

Auch für institutionelle Investoren verändert sich die Erwartungshaltung. Asset Manager, Versicherer und Family Offices wollen zunehmend dauerhaften Einblick in ihre Engagements, nicht nur quartalsweise Reports. Sie suchen nach Plattformen, die Kapitalallokation und Risikomanagement in einem durchgängigen Datenfluss abbilden.

Der nächste Entwicklungsschritt des Kreditmarkts liegt daher nicht in der Produktinnovation, sondern in der Professionalisierung der Infrastruktur. Digitalisierte und automatisierte Refinanzierungsprozesse schaffen die Grundlage für Transparenz, Nachvollziehbarkeit und regulatorische Sicherheit. Sie verbinden Kapitalquellen und Kreditportfolios auf einer gemeinsamen, datengetriebenen Ebene – und heben damit die Effizienz der gesamten Wertschöpfungskette.

Non-Bank-Lending steht damit an einem Wendepunkt. Was im Zahlungsverkehr vor einem Jahrzehnt begann – die Öffnung geschlossener Systeme zugunsten vernetzter, standardisierter Plattformen – wiederholt sich heute im Kreditwesen. Die Digitalisierung der Refinanzierungsprozesse ist der letzte, entscheidende Schritt dieser Entwicklung.