Eine neue Phase der Energietransformation: Wie wir Bezahlbarkeit, Klimaschutz und Versorgungssicherheit in Einklang bringen

Der Umbau des Energiesystems ist weit vorangeschritten, vieles wurde erreicht. Die Energiewirtschaft ist der Wirtschaftssektor mit dem höchsten Dekarbonisierungsgrad. Die Emissionen des Stromsektors konnten in den letzten Jahren massiv gesenkt werden, die Elektrifizierung verschiedener Bereiche unseres Lebens scheint das richtige Rezept zu sein, um Klimaschutz effektiv zu betreiben. Und auch die Investitionsmöglichkeiten für die Energiewirtschaft sind mannigfaltig. Ein wichtiger Teil des Weges im Umbau des Energiesystems liegt hinter uns. Kinderkrankheiten und Anfangsschwierigkeiten sind überwunden.

Doch was kommt jetzt? Mit dem neuen Streckenabschnitt kommen neue Herausforderungen: Der Anteil der volatilen Stromerzeugung wächst und ist nach wie vor mit dem Strombedarf nicht gekoppelt. Und die Investitionen in Netzen und Erneuerbaren müssen amortisiert werden; das erhöht erst mal die Strompreise. Dazu kommen geopolitische Spannungen, Zollrisiken, ein hohes Zinsniveau und fragile Lieferketten, die Projekte verzögern und verteuern. Eine gute Energieversorgung berücksichtigt drei Dimensionen – Bezahlbarkeit, Klimaschutz und Versorgungssicherheit. Lange dachten wir, dass Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit gesichert sind, auch wenn wir wenig dafür machen. Jetzt rücken diese zwei Dimensionen der Energieversorgung wieder stärker ins Zentrum. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, alle drei Dimensionen ausgeglichen voranzubringen. Wir befinden uns in einer neuen Phase der Energietransformation.

Die Herausforderung liegt in der Integration der Erneuerbaren ins Gesamtsystem

Rund 60 Prozent unseres Stroms kommen heute bereits aus Wind, Wasser und Sonne. Der Ausbau geht voran und die Leistungsfähigkeit der Anlagen entwickelt sich stetig weiter. So bauen wir in unserem Offshore-Windpark „He Dreiht“ Anlagen mit je 15 MW Leistung. Das ist eine Versechsfachung der Leistung im Vergleich zu den ersten Offshore-Anlagen. Aber nicht nur die Technik wird besser, auch ihre Systemdienlichkeit erhöht sich – so lassen sich beispielsweise durch Speicher, die wir an jeden neuen Solarpark bauen, Einspeisespitzen abmildern und Netzanschlüsse optimal nutzen. Doch auch hier können noch Potenziale gehoben werden: In unserem neuen Energiepark Gundelsheim forschen wir derzeit, wie Wind, Solar und Speicher optimal kombiniert werden können. In dieser Phase der Energietransformation ist klar: Die Herausforderung liegt nicht mehr im Ausbau der Erneuerbaren, sondern in deren Integration ins Gesamtsystem. Netze und Flexibilitäten müssen mit dem Ausbau Schritt halten.

Erneuerbare und disponible Kraftwerke sind natürliche Partner

Um genügend Flexibilitäten zu schaffen, brauchen wir neben den Erneuerbaren auch disponible Leistung, die ständig zur Verfügung steht, vor allem moderne, wasserstofffähige Gaskraftwerke. Sie sind natürliche Partner der Erneuerbaren und springen ein, wenn Wind und Sonne nicht liefern. In Stuttgart-Münster ging das erste H₂-ready Gaskraftwerk der EnBW in diesem Jahr ans Netz, weitere werden in Altbach-Deizisau, Heilbronn und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an anderen Orten folgen. Damit diese hohe Wahrscheinlichkeit zur Gewissheit wird, brauchen wir unbedingt einen verlässlichen Planungsrahmen. Klare Investitionsbedingungen sind keine neue Forderung, wohl aber dringlicher denn je. Wir brauchen zeitnah unkomplizierte Ausschreibungen und eine Entscheidung über den darauffolgenden Kapazitätsmarkt. Denn Gaskraftwerke werden nur bei Bedarf und wenige Stunden im Jahr laufen, dennoch aber 24 Stunden am Tag verfügbar sein müssen. Diese Bereitschaft kostet Geld und muss passend vergütet werden.

Die Herausforderung liegt nicht mehr im Ausbau der Erneuerbaren, sondern in deren Integration ins Gesamtsystem.

Georg StamatelopoulosVorstandsvorsitzender, EnBW Energie Baden-Württemberg AG

Netzausbau muss in hohem Tempo weitergehen

Auch der Netzausbau muss bedarfsgerecht voranschreiten. Verzögerungen bei Genehmigungen und Bauarbeiten müssen dringend vermieden, Lieferketten stabilisiert werden. Die von der Bundesnetzagentur initiierte Diskussion über eine mögliche Senkung der Eigenkapitalrendite bei Netzinvestitionen in Deutschland – im Übrigen einer der niedrigsten in der Europäischen Union – führt nicht zu einer Reduzierung der Strompreise, sondern gefährdet den weiteren Ausbau der Netze und bringt viele Unternehmen an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Denn wir brauchen Anreize für die weitreichenden anstehenden Investitionen. Die mit dem Netzausbau erzielbaren Renditen müssen für Unternehmen und den Kapitalmarkt so bemessen sein, dass sie in der Konkurrenz zu anderen, auch internationalen Investitionsmöglichkeiten mithalten können. Ist das nicht gewährleistet, dann fließt das Kapital in andere Investitionen, der Netzausbau stockt und die Transformation des Energiesystems wird letztendlich teurer, weil sie länger dauert.

Aktuell nutzen wir nicht alle Einsparpotentiale

Es wird aktuell sehr intensiv in die Transformation des Energiesystems investiert und das drückt auf die Strompreise. Wir müssen, wo es geht, Geld sparen. Mögliche Wege zeigt unsere Studie mit Aurora Energy Research: Mit realistischen Stromverbrauchsannahmen und systemdienlichem Ausbau lassen sich bis zu 700 Milliarden Euro einsparen – und das, ohne die Klimaschutzziele zu gefährden. Diesen Weg müssen wir mutig gehen: nicht mehr Akzeptanz durch teure Lösungen erkaufen – Stichwort Erdkabel vs. Freileitungen – oder sich dem Import von günstigerem Wasserstoff und anderen grünen Gasen verschließen, weil in anderen Weltregionen die Wasserstoffherstellungskosten einfach niedriger sind als bei uns.

Auch die Verbraucher brauchen neue Möglichkeiten, ihre Kosten weiter zu senken und vom neuen Energiesystem zu profitieren. Deshalb bieten wir bereits heute zeitvariable Stromtarife und ein neues Heimenergiemanagementsystem an, um günstige Preise zu bestimmten Tageszeiten zu ermöglichen. Die ersten Rückmeldungen unserer Kunden zeigen: Wenn der Nutzen klar ist, sind viele Menschen bereit, ihr Verhalten zu ändern. Wir müssen pragmatisch und unideologisch vorgehen, um diese Phase der Transformation zu meistern Bis 2030 investiert die EnBW bis zu 50 Milliarden Euro – in Netze, Erneuerbare, Elektromobilität und disponible Leistung. Doch Technik allein reicht nicht. Die Energietransformation braucht verlässliche und passende Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen und beschleunigen. Wir müssen pragmatisch und unideologisch vorgehen, um diese Phase der Transformation zu meistern. Am Ende werden wir unserem Auftrag nur dann gerecht, wenn wir die Balance zwischen Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz wahren. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

Bild: © Catrin Moritz

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