Was wäre aus Ihrer Sicht der wirksamste Weg, Regulierung spürbar zu vereinfachen?
Regulierung wird – entgegen aller Bestrebungen – immer komplexer und schwerer handhabbar, nicht zuletzt, weil sie in kurzen Abständen immer weiter wächst. Wenn wir die Regulierung vereinfachen wollen, reicht es nicht, an einzelnen Paragrafen zu feilen. Vereinfachung beginnt schon bei der Frage, ob und wie viel neue Regulierung überhaupt notwendig ist. Anstatt neue Detailregeln zu schaffen, sollte sich die Regulierung auf das Nötigste und Wirksamste konzentrieren und dabei in bereits bestehende Regelungen eingegliedert werden.
Dazu gehört auch, ganzheitliche und in sich konsistente Regulierungspakete zu erlassen, statt in häufigen Schritten nachzubessern. Ständige, auch kleine Änderungen – etwa bei Meldepflichten oder technischen Standards – belasten, da wir uns ständig in Umsetzungen befinden, anstatt mit stabilen Regeln zu arbeiten.
Ein weiterer Schlüssel zur Vereinfachung liegt im Abbau von unnötiger sowie Doppel- und Mehrfachregulierung. Oft entstehen neue Regelungen parallel zu bereits bestehenden, ohne diese zu ersetzen oder zu ergänzen. Neue Anforderungen sollten, wenn möglich, nicht „on top“ gesetzt, sondern in bestehende integriert und mit ihnen konsolidiert werden. Einheitliche und harmonisierte Regelungen könnten die Umsetzung erleichtern und gleichzeitig die Vergleichbarkeit und Qualität erhöhen.
Regulierung zu vereinfachen bedeutet also nicht nur, weniger zu regulieren, sondern auch, Regulierung besser zu integrieren, zu konsolidieren und planbarer zu machen. Weniger häufige, dafür in sich schlüssige Regelungspakete sowie der Abbau von Mehrfachvorgaben schaffen Klarheit – für Institute, Aufsicht und letztlich auch für Kundinnen und Kunden. So kann Regulierung wirksam sein, ohne durch zu starke Komplexität selbst zum Risiko zu werden.
Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie für die Finanzbranche in den nächsten fünf Jahren, um einerseits Stabilität zu sichern und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben – und wo sollte man jetzt ansetzen?
Als etablierter Dienstleister im Wertpapiergeschäft gilt für uns: Leading Edge statt Bleeding Edge. Die zentrale Herausforderung besteht darin, technologische Neuerungen so umzusetzen, dass Stabilität, Effizienz und regulatorische Sicherheit gewahrt bleiben. Dies bleibt für die Branche eine anspruchsvolle Aufgabe, da hohe regulatorische Anforderungen mit einem immer schnelleren technologischen Wandel einhergehen. Wir sehen mehrere Transformationslinien aufeinandertreffen:
Einerseits beobachten wir einen strukturellen Wandel des Kapitalmarkts. Neue DLT-basierte Infrastrukturen versprechen hier langfristig mehr Effizienz und Kosteneinsparungen, doch die Koexistenz mit klassischen Marktinfrastrukturen erhöht auch die Komplexität. DLT könnte zudem die Infrastruktur für die Umstellung auf T+1 im Oktober 2027 und langfristig auf T+0 für Echtzeittransaktionen bereitstellen und gleichzeitig die Datensicherheit sowie die Transparenz steigern. Dafür sind jedoch einheitliche und verbindliche Rahmenbedingungen für alle erforderlich. Das umfangreiche Regulierungspaket zu Marktinfrastrukturen der EU-Kommission kann einen integrierten EU-Kapitalmarkt weiter vorantreiben und Barrieren abbauen. Gleichzeitig müssen Marktteilnehmer ihre Systeme und Prozesse sukzessive digitalisieren und automatisieren. Vor dem wachsenden Kosten- und Effizienzdruck können neue Technologien wie KI und Cloud hier Chancen hinsichtlich Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit eröffnen, sofern sie mit Augenmaß integriert werden. Denn die Anforderungen an die operationale Resilienz steigen. Mit DORA verschiebt sich der Fokus von formaler Compliance hin zu nachweisbar robuster Betriebsfähigkeit.
Zudem ist davon auszugehen, dass sich der Wettbewerb für die Institute im Depotgeschäft durch sinkende Markteintrittsbarrieren und die Kundensegmentierung weiter verstärkt. Wir sehen einen Wachstumsmarkt mit einer sehr heterogenen und anspruchsvollen Anlegerschaft – vom langfristigen Sparer bis zum professionellen Anleger. Mobile-First-Erlebnisse, nahtloses Onboarding, durchgängig digitale Prozesse und attraktive Konditionen sind nicht mehr Differenzierungsmerkmale, sondern werden zum Marktstandard. Um diese Bandbreite an Marktanforderungen für unsere Kundeninstitute bestmöglich zu bedienen, setzen wir auf Modularität. Dafür haben wir ein einzigartiges Ökosystem für hochverfügbare Wertpapierservices geschaffen. Es berücksichtigt die unterschiedlichen IT-Reifegrade der Institute und ermöglicht es ihnen, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Anlegerinnen und Anlegern im Lebenszyklus bestmöglich zu adressieren – Stichwort: mitwachsendes Depot.
Dafür sind hoch anpassungsfähige, regulatorisch robuste Systeme und Services notwendig, die auch in volatilen Märkten verlässlich funktionieren. Mit über zwei Milliarden stabilen technischen Transaktionen im Jahr beweist unsere Wertpapierplattform WP3, dass sich selbst hochkritische Prozesse cloud-nativ und zukunftsfähig gestalten lassen, wenn modulare und moderne Architektur, klare Betriebsmodelle und eine frühzeitige regulatorische Einbindung zusammenspielen. MiCAR ist ein gutes Beispiel dafür, wie regulatorische Klarheit neue Geschäftsmodelle erst ermöglicht. Innovation entsteht dabei nicht im Alleingang, sondern im partnerschaftlichen Austausch mit unseren Kundeninstituten und Technologiepartnern. Denn Vertrauen ist und bleibt die zentrale Währung im Wertpapiergeschäft.
Welche Rolle spielt KI bereits in Ihrer täglichen Arbeit – und wo sehen Sie das größte Potenzial im Risikomanagement bzw. in der Aufsicht?
Für uns ist die nachhaltige Integration von KI in unsere Betriebsprozesse kein reines Technologieprojekt, sondern ein umfassender Transformationsprozess. Dafür haben wir einen klaren Rahmen und Roadmap entwickelt, die Technologie, Regulatorik und kulturellen Wandel gleichermaßen berücksichtigt. 2024 haben wir unsere KI-Reise begonnen und die Voraussetzungen für eine sichere, praxistaugliche und verantwortungsvolle Nutzung von KI in der dwpbank geschaffen. In unserem regulierten Umfeld ist vor allem eine klare Governance entscheidend. Der Einsatz von KI funktioniert nur mit verbindlichen Leitplanken, etwa in Form von KI-Richtlinien und technischen Guardrails, aber auch durch klare Verantwortlichkeiten und die konsequente Einbindung bestehender Kontrollfunktionen wie Datenschutz, Informationssicherheit, Compliance und Revision. Governance steht für uns am Anfang, nicht am Ende.
Mit unserem ersten Piloten, einem KI-gestützten Assistenten im Kundenservicecenter, konnten wir wertvolle Erfahrungen sammeln. Er macht Wissen aus einem 8.000-seitigen Handbuch zugänglich, sodass Mitarbeitende zügig Antworten erhalten und die referenzierten Stellen direkt im Original prüfen können. Dieser Assistent bildet den Proof-of-Concept, um allen Mitarbeitenden noch in diesem Jahr einen dwpbank-Chatbot zur Verfügung zu stellen. Er soll einen einfacheren und schnelleren Zugang zu Informationen ermöglichen und die Qualität unserer Wissensarbeit steigern.
Das größte Potenzial für das Risikomanagement und die Aufsicht sehen wir in der Unterstützung von Analyse, Monitoring und Entscheidungsvorbereitung. Der Zugriff auf eine größere Datenbasis und ein zeitnahes Monitoring ökonomischer Entwicklungen kann dabei helfen, Auffälligkeiten, Trends und Risikoindikatoren früher zu erkennen und so gezielter zu priorisieren. Auch in der Dokumentenarbeit bietet KI erhebliche Effizienzgewinne, etwa beim Strukturieren, Clustern und Zusammenfassen von Prüfberichten, Richtlinien oder Handlungsempfehlungen. Kontrollen und Prüfungen lassen sich unterstützen, indem Evidenzen strukturiert zusammengeführt, Ausnahmen markiert und Plausibilitätsprüfungen vorbereitet werden. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels kann KI zudem helfen, Produktivität zu sichern und Fachkräfte gezielt zu entlasten. So bleibt mehr Zeit für die fachliche Bewertung und weniger für manuelle Routinen.
Kristina Lindenbaum verantwortet als Mitglied des Vorstands den Bereich Kunde und digitale Transformation der Deutschen WertpapierService Bank AG (dwpbank), einem führenden Anbieter für Wertpapierservices. Neben dem Kundenmanagement, dem Vertrieb und der Digitalisierung liegen auch die Bereiche Transformation, Treasury Frontoffice, Performance- und Providersteuerung sowie die Leitung des Vorstandsstabs in ihrem Verantwortungsbereich. Vor ihrem Wechsel zur dwpbank im April 2023 war sie als Executive Director Strategy Global Markets bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) tätig. Dort verantwortete sie strategische Change-Projekte und trieb die Weiterentwicklung des Unternehmenskunden- und Kapitalmarktgeschäfts voran. Kristina Lindenbaum absolvierte ihren Master of Science in Management an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht.