Was wäre aus Ihrer Sicht der wirksamste Weg, Regulierung spürbar zu vereinfachen?
Aus meiner Sicht führt der wirksamste Weg zu einer spürbaren Vereinfachung der Bankenregulierung nicht über pauschale Entlastungsmaßnahmen für alle, sondern über eine deutlich stärker zielgerichtete und differenzierte Aufsicht. Wir brauchen ein Aufsichtsregime, das nicht nur an einfachen Bilanzsummen-Schwellenwerten ansetzt, sondern auch qualitative Kriterien – etwa Geschäftsmodell, Risikoprofil, Governance und Komplexität – systematisch berücksichtigt. Für sehr kleine Institute sollte der Rahmen bewusst konservativ, aber klar, schlank und leicht anwendbar ausgestaltet sein. Mittelgroße Institute sollten die Möglichkeit erhalten, stärker risikosensitive Elemente zu nutzen, wenn sie die dafür notwendigen Daten, Prozesse und Modelle vorhalten. Und bei großen, komplexen Häusern sollte ein möglichst voll risikosensitiver Ansatz gelten – mit hoher Detailtiefe, aber gezielt dort, wo er für die Stabilität des Finanzsystems tatsächlich einen Mehrwert bringt.
Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie für die Finanzbranche in den nächsten fünf Jahren, um einerseits Stabilität zu sichern und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben – und wo sollte man jetzt ansetzen?
In den nächsten fünf Jahren sehe ich drei eng miteinander verknüpfte Herausforderungen: Erstens müssen Banken in einem unsicheren Makroumfeld mit höherem Zinsniveau und steigenden Kreditrisiken ihre Bilanzen sehr viel aktiver steuern – mit konsequenten Stresstests, Frühwarnindikatoren und einer professionellen NPE-Strategie. Zweitens wird die Umsetzung der nächsten Regulierungswelle – von Basel III/CRR3 bis ESG – nur dann beherrschbar bleiben, wenn Institute eine klare Regulatory Roadmap aufsetzen und Komplexität in der internen Steuerungslogik bewusst reduzieren. Drittens entscheidet die Fähigkeit, Digitalisierung und KI intelligent zu nutzen und gleichzeitig robuste Data Governance und IT-Sicherheit zu gewährleisten, darüber, ob etablierte Häuser gegenüber FinTechs und BigTechs wettbewerbsfähig bleiben oder weiter Marktanteile verlieren.
Welche Rolle spielt KI bereits in Ihrer täglichen Arbeit – und wo sehen Sie das größte Potenzial im Risikomanagement bzw. in der Aufsicht?
KI ist heute bereits ein selbstverständlicher Bestandteil meiner täglichen Arbeit – von der schnellen Analyse komplexer Datenlagen bis hin zur Unterstützung bei regulatorischen Einschätzungen. Das größte Potenzial im Risikomanagement sehe ich in echtzeitnahen Frühwarnsystemen und in der Nutzung von KI und Machine Learning für die Entwicklung und laufende Kalibrierung von PD- und LGD-Modellen. Meine Aufgabe sehe ich darin, Banken und Aufsicht dazu zu bringen, KI verlässlich und verantwortungsvoll einzusetzen – auf Basis robuster Governance und klarer Leitplanken. Entscheidend wird dabei sein, neue Validierungsansätze zu entwickeln, mit denen sich diese Modelle wirklich durchdringen, testen und überwachen lassen, sodass ihre Ergebnisse dauerhaft belastbar bleiben.