Die deutsche Chemiebranche steckt tief in der Strukturkrise – doch Resignation ist keine Option. Dr. Johannes Ihringer von TTE Strategy zeigt, wie Co-Creation, strategische Präzision und konsequente Umsetzung mittelständischen Unternehmen den Weg aus der Margenfalle ebnen können. Der Schlüssel liegt in einem integrierten Transformationsansatz, der Wissen, Fokus und Agilität vereint.
Die Zahlen zur Lage der deutschen Chemieindustrie geben ein eindeutiges Bild der Strukturkrise: 17 Prozent Produktionsrückgang gegenüber den Vor-Corona-Werten, 75 Prozent Anlagenauslastung deutlich unter rentablem Niveau und die jüngsten transatlantischen Handelsspannungen verstärken die Unsicherheit in einer ohnehin angespannten Marktlage.
Dass bereits jedes vierte Unternehmen Investitionsverschiebungen ins Ausland plant und 23 Prozent über Produktionsverlagerungen nachdenken, ist daher nachvollziehbar – aber nicht alternativlos. Es gibt drei Katalysatoren, die hier helfen können.
1. Co-Creation statt Isolation
Die Strukturprobleme erfordern neue Ansätze. Beispielsweise setzt unser Kunde, die CHT Group, auf Co-Creation statt Top-down-Strategien. CEO Eva Baumann betont: „Substanzielle Transformation funktioniert nur bei aktiver Beteiligung über alle Ebenen hinweg.“
Diese Form der Co-Creation geht über konventionelle Beteiligungskonzepte hinaus. Es geht um die systematische Nutzung des vorhandenen Wissens in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel zum limitierenden Faktor wird. Teams aus verschiedenen Unternehmenseinheiten und Regionen bringen oft genau die Marktnähe und Anwendungserfahrung ein, die für innovative Lösungen unerlässlich ist.
Die Erfahrung zeigt: Die Zusammenarbeit von externen Beratern und internen Führungskräften von Beginn an erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit und schafft höheres Commitment.
2. Strategische Präzision
Der Ausweg aus der Margenschwäche erfordert präzise strategische Positionierung statt nur Kostensenkung. Mit fünffach höheren Energiekosten als in den USA ist Volumenchemie am Standort Deutschland nicht zukunftsfähig.
Erfolgreiche Transformationen basieren auf schonungsloser Analyse der Wettbewerbsvorteile und klarer Fokussierung. Für mittelständische Unternehmen bedeutet dies: Konzentration auf Spezialanwendungen und kundenzentrierte Innovationen. Die Stärke der deutschen Chemie liegt in der anwendungsnahen Problemlösung, nicht in der Massenproduktion.
Entscheidend ist eine verständliche Zukunftsvision, die von der gesamten Belegschaft mitgetragen wird. Komplexe Strategien, die nur im Top-Management verständlich sind, scheitern häufig in der Praxis – während partizipative Ansätze mit klaren Zielen und Messgrößen die notwendige Orientierung geben.
3. Konsequente Umsetzungsdisziplin
Ernüchternd: 75 Prozent aller strategischen Transformationen scheitern in der Umsetzungsphase, wobei die Chemiebranche mit langen Planungszyklen besonders gefährdet ist.
Der dritte Katalysator ist daher ein systematisches Umsetzungsmanagement mit klaren Verantwortlichkeiten, messbaren Meilensteinen und konsequenter Fortschrittskontrolle. Besonders die Konkurrenz zwischen Transformation und operativem Geschäft muss aktiv gesteuert werden.
In einer Branche, wo nur 28 Prozent der Unternehmen auf nachhaltige Transformation setzen, liegt hier der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Mittelständische Chemieunternehmen können durch kurze Entscheidungswege Vorteile gegenüber trägen Konzernen nutzen – wenn ihre Verwaltungsstrukturen entsprechend ausgerichtet sind.
Die Umsetzung bleibt die Achillesferse jeder Transformation. Ein strukturierter Prozess mit detaillierten Plänen, Anpassungsmöglichkeiten und transparenten Entscheidungswegen nach dem Fair-Process-Prinzip unterscheidet erfolgreiche Transformationen von wirkungslosen Strategiepapieren – er sorgt für transparente Entscheidungen und unterstützt eine agile, anpassungsfähige Unternehmenskultur.
Fazit: Transformation als Alternative zur Resignation
Trotz sinnvoller Standortverlagerungen gibt es Alternativen: Erfolgreiche Branchenbeispiele zeigen, dass strukturierte Transformation auch unter aktuellen Bedingungen Wettbewerbsfähigkeit sichern kann.
Der Erfolg basiert auf der Kombination aus hierarchieübergreifender Co-Creation, präziser strategischer Fokussierung und disziplinierter Umsetzung. Diese drei Phasen müssen als integrierter Prozess verstanden werden, nicht als isolierte Schritte.
Besonders für spezialisierte Mittelständler liegt die Zukunft weniger in der Kostenkonkurrenz als in der Ausrichtung auf wissensintensive Anwendungen und reellen Kundenlösungen. Die Transformation der deutschen Chemie von der Grundstoffchemie zu Spezialitäten in den 1990er Jahren und der erfolgreiche Aufbau neuer Geschäftsfelder nach dem Verlust der Pharmasparten belegen die Wandlungsfähigkeit der Branche bei klarer strategischer Ausrichtung. Der aktuelle Strukturwandel erfordert eine Rückbesinnung auf die innovativen Wurzeln dieses prägenden Industriezweigs.