Deutsche Isar-Aerospace-Rakete erfolgreich ins All gestartet

Isar Aerospace schreibt Geschichte mit dem erfolgreichen Start seiner Trägerrakete und übertrifft in einem Punkt sogar Elon Musks SpaceX. An dem Erfolg ist auch die Bundeswehr interessiert.

Rakete von Isar Aerospace in Andøya: Erster Start vom europäischen Festland aus. Foto: via REUTERS

Düsseldorf. Das deutsche Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace hat am Samstag mit einer Trägerrakete vom Typ „Spectrum“ unerwartet die Erdumlaufbahn erreicht. Dies ist der erste kommerzielle Orbitalflug, der von europäischem Boden ausging.

Die Rakete hob um 22.12 Uhr vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya ab und übertraf danach alle Erwartungen. Nach zehn Minuten riss die Videoübertragung zum Boden ab. Es begann eine halbe Stunde Warten, bis Isar Aerospace wieder Kontakt mit der zweiten Stufe seiner Rakete aufnehmen konnte. Dann kam die erlösende Nachricht: Die gesamte Fracht konnte erfolgreich ausgesetzt werden.

„Wir haben ein neues Kapitel für die europäische Raumfahrt aufgeschlagen“, sagte Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler. Er sei unglaublich stolz auf sein Team, das diesen Erfolg ermöglicht habe. „Das sind die Momente, für die wir seit der Gründung vor acht Jahren Blut und Schweiß gegeben haben“, sagte Metzler auf einer Pressekonferenz – mit deutlich hörbar rauer Stimme von der langen Nacht.

Friedrich Merz sprach von einem „Beginn einer neuen Ära“. Der Bundeskanzler hatte sich den Startplatz am Nordkap erst vor wenigen Monaten angesehen. Marco Fuchs, Chef des Raumfahrtunternehmens Otto Hydraulik Bremen (OHB) und Großaktionär des Isar-Aerospace-Konkurrenten Rocket Factory Augsburg (RFA), sagte dem Handelsblatt: „Wow, großer Erfolg! Gratulation, das ist der tolle Lohn für harte Arbeit.“

Kein Börsengang in naher Zukunft

Nicht nur erhält die Firma einen Eintrag in die Geschichtsbücher, auch wird sich die Bewertung des Unternehmens sprunghaft erhöhen. Erst vor wenigen Wochen hatte es durch eine Finanzierungsrunde in Höhe von 270 Millionen Euro eine Bewertung von zwei Milliarden Euro erzielt.

Nach dem gelungenen Raketenstart könnte die Bewertung nach Ansicht einer mit dem Vorgang vertrauten Person auf bis zu vier Milliarden Euro steigen.

Metzler stellte klar, dass Isar Aerospace derzeit keine neue Finanzierungsrunde anstrebe. Das Unternehmen habe aber „große Pläne“ für die Zukunft. Einen Börsengang schloss der Isar-Chef explizit aus. „Wir konzentrieren uns auf unsere langfristigen Ziele und da sind Quartalsberichte nicht hilfreich.“

SpaceX übertroffen

Isar Aerospace ist nun der erste erfolgreiche kommerzielle Orbitalstart direkt vom europäischen Festland gelungen. Bisher mussten europäische Missionen meistens vom Weltraumbahnhof Kourou im südamerikanischen Französisch-Guayana starten.

Frühere Versuche wie von der Otrag AG Ende der Siebzigerjahre kamen auf 30 Kilometer Höhe. Zum ersten Start der Isar-Aerospace-Rakete im Jahr 2025 gibt es keine Höhenangabe – der Flug der Spectrum wurde nach 30 Sekunden abgebrochen.

Erfolg beim zweiten Versuch: Isar Aerospace schreibt Geschichte. Foto: -/Isar Aerospace/dpa

Isar Aerospace hatte den Flug wegen der gewonnenen Daten dennoch als Erfolg gewertet. Die 28 Meter lange Spectrum-Rakete kann derzeit Nutzlasten von bis zu einer Tonne transportieren. Mit ihr will Europa unabhängiger von außereuropäischen Anbietern wie Elon Musks SpaceX werden.

SpaceX hatte es 2008 erst nach vier Anläufen mit seiner Falcon-Rakete in den Orbit geschafft. „Wir wollen schneller in den Orbit kommen“, hatte CEO Metzler immer gesagt – und damit einen Erfolg im dritten Start gemeint. Jetzt hat er sein eigenes Ziel übertroffen und ist in diesem Punkt auch an SpaceX vorbeigezogen.

Die Rakete hatte fünf kleine Satelliten sowie ein technologisches Experiment an Bord. Der Zugang zum Weltraum bleibe eine der größten Hürden für die Raumfahrtindustrie und die nationale Sicherheitsarchitektur, erklärte Isar-Aerospace-Chef Metzler.

Bundeswehr dürfte erleichtert sein

Der erfolgreiche Start dürfte auch bei der deutschen Bundeswehr für Erleichterung sorgen. Diese will für insgesamt 35 Milliarden Euro verschiedene Satellitenkonstellationen zur Kommunikation und Aufklärung ins All bringen. Für das Projekt SatcomBW Stufe 4, das manchmal als „Starlink der Bundeswehr“ bezeichnet wird, sollen die ersten 50 Satelliten 2029 platziert werden.

Bundeswehr-Kreisen zufolge sollen dann weitere 550 Satelliten in den Orbit gebracht werden. Hochrangige Vertreter der Bundeswehr machten sich Sorgen, ob es in Europa genügend Startkapazitäten dafür gibt. Eine Spectrum-Rakete kann je nach Bauart der Satelliten drei bis vier Satelliten tragen. Somit wären rein rechnerisch bis zu 200 Starts nötig, um SatcomBW Stufe 4 zu realisieren.

Dazu kommen noch viele weitere Projekte, die in Europa geplant sind, wie die Iris2 der Europäischen Union mit 348 Satelliten. Um der hohen Nachfrage zu begegnen, baut Isar Aerospace derzeit eine Raketenfabrik in einem Vorort von München. Dort soll die Produktion der Spectrum bald beginnen. Das Ziel ist, schon bald mindestens 40 Raketen pro Jahr zu bauen.

Neuer Startplatz in Kanada

Derzeit arbeitet Isar Aerospace bereits an den nächsten fünf Raketen, der Spectrum 3 bis 7. Die Spectrum 3 wird laut Metzler „in wenigen Wochen“ fertiggestellt und nach Norwegen verschifft.

Wann der nächste Start erfolgt, sagte Metzler nicht. Nach dem gelungenen Flug und den daraus gewonnenen Daten dürfte er aber in wenigen Monaten bevorstehen. Die nächsten fünf Starts sollen alle vom Weltraumbahnhof in Norwegen ausgehen. Ab 2028 könnten die Raketen auch von einer geplanten neuen Startrampe in Kanada starten.

Der dritte Flug wird für das Unternehmen ein weiterer großer Schritt sein. Dann wird es erstmals kommerzielle Fracht ins All bringen. Die Auftragsbücher sind bis einschließlich 2028 gefüllt und belaufen sich auf viele Hundert Millionen Euro.

Die Nutzlasten der Spectrum 2 wurden im Rahmen des Microlauncher-Wettbewerbs des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ausgewählt und kommen von Bildungseinrichtungen und Start-ups.

Nico Perakis, Chefingenieur von Isar Aerospace, sagte: „Das war einfach unglaublich und das Ergebnis von harter Arbeit.“ Aber der Start sei nur „der zweite Schritt auf einem Weg mit vielen Meilensteinen, die wir vor uns haben“.

Verschiedene Chefs deutscher Raumfahrtunternehmen hatten vor dem Start gesagt: „Wir drücken Isar Aerospace die Daumen.“ Ein Erfolg sei wichtig für die deutsche „New-Space-Szene“.

OHB-Chef Fuchs sagte vor einigen Monaten dem Handelsblatt: „Die Wahrheit ist, dass RFA und Isar Aerospace nur miteinander denkbar sind.“ Ein Erfolg würde auch seiner Raketentochter helfen, Geld und Aufträge einzusammeln. „Das ist so wie im Sport: Ohne Dortmund gibt es auch für Bayern nicht so viel.“ Die wirkliche Herausforderung sei die Physik: „Niemand kann leicht eine Rakete bauen.“

Deutsche Ingenieurskunst im All

„Deutschland kann Raumfahrt“, teilte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) am Samstagabend mit. Dass erstmals eine deutsche Trägerrakete den Erdorbit erreicht habe, sei ein Meilenstein, der die Innovationsfähigkeit und das technische Wissen Deutschlands unter Beweis stelle.

„Er zeigt, dass deutsche Ingenieurskunst nicht nur national, sondern auch international – hier in enger Zusammenarbeit mit unseren norwegischen Partnern – neue Wege im Weltraum eröffnet.“ Sie lobte das Zusammenspiel von Forschung und Industriepolitik sowie die grenzüberschreitende Kooperation.

Isar-Aerospace-Chef Metzler spricht von einem Erfolg historischen Ausmaßes. „Was wir in wenigen Jahren erreicht haben, dafür hat die europäische Raumfahrt Jahrzehnte gebraucht.“

Wir freuen uns auf weitere spannende Einblicke von Daniel Metzler, CEO, Isar Aerospace auf dem Handelsblatt Industrie-Gipfel 2026. Zum Programm: Programm – Industrie-Gipfel 2026 – Handelsblatt Live