Der öffentliche Sektor steht an einem historischen Wendepunkt. Lange wurde Modernisierung als rein technische Disziplin verstanden – eine Frage von Effizienz und „funktionierenden Leitungen“. Doch in einer Welt hybrider Bedrohungen und geopolitischer Verschiebungen greift diese Sicht zu kurz. Der Ruf nach digitaler Souveränität ist heute weit mehr als der Wunsch nach IT-Sicherheit. Es ist die Grundsatzfrage unserer demokratischen Daseinsvorsorge: Wer entscheidet über die Regeln unseres Zusammenlebens und unserer Wirtschaft im digitalen Raum?
Um diese Frage im Sinne Europas zu beantworten, müssen wir zwei Dinge tun, die bisher oft getrennt behandelt wurden: Wir müssen Souveränität breiter verstehen und unsere Infrastruktur ganzheitlicher denken.
Die Illusion der getrennten Welten beenden
In Deutschland neigen wir dazu, in Schubladen zu denken: Hier der Beton und die Kabel (physisch), dort die Cloud und die Daten (digital). Diese Trennung ist gefährlich. Ein hochsicheres Rechenzentrum in Deutschland ist wertlos, wenn die Software, die es betreibt, fernab unserer Kontrolle gesteuert wird. Umgekehrt nützt die beste Open-Source-Software nichts ohne eine resiliente physische Basis vor Ort.
Echte Souveränität entsteht nur, wenn wir physische und digitale Infrastruktur als untrennbare Einheit begreifen. Wir brauchen die Kontrolle über den gesamten „Stack“: Vom Fundament des Rechenzentrums über die Hardware bis hin zur Cloud-Plattform. Nur wer diese Kette lückenlos kontrolliert, schließt Hintertüren und garantiert, dass europäisches Recht nicht nur auf dem Papier steht, sondern physisch durchgesetzt wird.
Vom „Schutzschild“ zum „Ermöglicher“
Doch diese technische Einheit ist kein Selbstzweck. Sie ist das Fundament für unsere strategische Gestaltungsfreiheit. Wenn wir uns aus tiefen Abhängigkeiten (Vendor Lock-in) lösen und die Hoheit über unsere Systeme zurückgewinnen, wandelt sich Souveränität von einer defensiven Notwendigkeit zu einem offensiven Standortvorteil:
- Innovationskraft statt Lizenzgebühr: Wir schaffen die Freiheit, Wertschöpfung in Europa zu halten und zu skalieren, statt lediglich Nutzer fremder Plattformen zu sein.
- Demokratische Resilienz: Unsere Verwaltung basiert auf Technologien, die unseren Werten folgen – transparent, überprüfbar und rechenschaftspflichtig.
Die Praxis: Souveränität als Innovationsmotor
Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigen Vorreiter wie die Polizei Baden-Württemberg oder die Bundesagentur für Arbeit. Sie nutzen souveräne Cloud-Strukturen nicht mehr nur als „Datentresor“, sondern als Sprungbrett. Durch den Einsatz von Open-Source-Technologien (wie bei STACKIT) bleiben Schnittstellen offen und die Wechselfähigkeit gewahrt.
Hier zeigt sich die Stärke der Einheit: Weil die physische Basis sicher ist und die digitale Ebene offen gestaltet wurde, entsteht ein Vertrauensraum. In diesem Raum können wir Zukunftstechnologien wie KI (z. B. Aleph Alpha) mutig einsetzen, ohne die Kontrolle über unsere Daten zu verlieren.
Digitale Souveränität ist die Voraussetzung dafür, dass Europa im 21. Jahrhundert kein bloßer digitaler Absatzmarkt, sondern ein Gestalter bleibt. Wir müssen aufhören, Digitalisierung als reine Software-Frage zu behandeln. Nur wenn wir physische Sicherheit und digitale Freiheit zusammendenken, sichern wir die Handlungsfähigkeit unseres Staates und die Zukunft unserer Wirtschaft.