Vor dem Powertalk bei „Zukunft Stahl“ teilt der Vorsitzende der Heine + Beisswenger Stiftung + Co. KG seine Perspektiven zu Innovation, Nachhaltigkeit und Zukunft der deutschen Stahlindustrie.
Herr Prof. Dr. Lindner, die globale Wirtschaft steht vor großen Umbrüchen. Welche Herausforderungen stellen sich Ihrer Meinung nach aktuell besonders für die deutsche Stahlindustrie?
Prof. Dr. Rainer Lindner: Wir stehen erneut vor geopolitischen Verwerfungen, die auch die globale Stahlversorgung betreffen. Strafzölle verunsichern Märkte und Unternehmen und reagieren mit einer Regionalisierung der Lieferketten. Während in Europa bereits 68 % des Handels intern abgewickelt werden, ändern sich auch die Strukturen in Asien und Nordamerika. Diese Entwicklungen führen zu veränderten Handelswegen, Lieferketten und Kostenstrukturen.
Die Stahlindustrie gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Wie sehen Sie diese Rolle konkret?
Prof. Dr. Lindner: Die Stahlindustrie trägt wesentlich zur Entwicklung zahlreicher Schlüsselbranchen bei – von der Automobilindustrie über den Maschinenbau bis hin zur Bau- und Energiewirtschaft. Mit rund 800.000 Beschäftigten und einer Produktionsleistung von etwa 35 Mio. Tonnen Stahl jährlich leistet sie einen bedeutenden Beitrag zur Wertschöpfung in Deutschland. Jede Investition in unsere Branche schafft zusätzliche Impulse in den Zulieferindustrien.
Angesichts hoher Energiepreise und unsicherer politischer Rahmenbedingungen: Wie gelingt es der Stahlindustrie, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten?
Prof. Dr. Lindner: Technologische Innovationen und effiziente Produktionsprozesse sind hier entscheidend. Während rund 70 % der Stahlwerke noch mit traditionellen Hochofenprozessen arbeiten, muss der Einsatz von Elektrolichtbogenverfahren zur Herstellung von CO₂-reduziertem Stahl erweitert werden. Allerdings bedarf es stabiler Energiepreise und verlässlicher politischer Rahmenbedingungen etwa in Form von transparenter Subventionspolitik und Planungssicherheit, um langfristig in Innovation und Nachhaltigkeit investieren zu können.
Welche politischen Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um den Industriestandort Deutschland nachhaltig zu sichern?
Prof. Dr. Lindner: Eine zukunftsorientierte Industriepolitik muss den Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere den Ausbau von grünem Wasserstoff, fördern und gleichzeitig für Planungssicherheit sorgen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Investitionen in die Stahlindustrie – und damit in den gesamten Industriestandort – fortlaufend wachsen. Es ist unerlässlich, dass die neue Bundesregierung eine Agenda „Pro Industrieland Deutschland“ entwickelt, in der der Erhalt und die Weiterentwicklung strategischer Branchen Priorität haben.
Abschließend: Brauchen Europas Stahlhändler Ihrer Meinung nach eine heimische Stahlindustrie?
Prof. Dr. Lindner: Definitiv. Eine starke, heimische Stahlindustrie bildet die Basis für stabile und zukunftsweisende Lieferketten. Für Europas Stahlhändler ist es unerlässlich, auf eine verlässliche Produktion und technologische Innovationskraft im eigenen Land vertrauen zu können. Eine heimische Industrie sichert nicht nur wirtschaftliche Stabilität, sondern ermöglicht auch, schnell und flexibel auf globale Herausforderungen zu reagieren – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in einem zunehmend fragmentierten Weltmarkt.