Wasserstoff auf der Überholspur: Infrastruktur und Martkpotenziale
Die europäische und deutsche Gesetzgebung hat in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft voranzutreiben. Mit der nationalen Wasserstoffstrategie wurden gezielte Maßnahmen implementiert, die den Ausbau einer nachhaltigen Infrastruktur in Deutschland fördern und Deutschland zum Vorreiter machen sollten.
Ein zentrales Element der in Teilen neu zu schaffenden Infrastruktur ist das inzwischen genehmigte Wasserstoff-Kernnetz, das eine überregionale Versorgung mit Wasserstoff ermöglichen und damit die Grundlage für einen wettbewerbsfähigen Markt schaffen soll. Allein 2025 sollen bereits über 500 Kilometer Wasserstoffleitungen entstehen. 40 Prozent des Wasserstoff-Kernnetzes sollen nach aktuellen Planungen Neubau-Leitungen sein. Langfristig soll das Netz auf über 9.000 Kilometer anwachsen, mit einer geplanten Fertigstellung bis 2032.
Badenova Netze, eine Tochtergesellschaft der Badenova-Gruppe und einer der Verteilnetzbetreiber, die gemeinsam mit den Fernleitungsnetzbetreibern das Kernnetz umsetzt, hat als erster Betreiber in Süddeutschland Anfang 2025 die ersten Wasserstoffleitungen verlegt. Im März 2025 begann der Netzausbau mit einer rund neun Kilometer langen Trasse im Rahmen des Projekts H2@Hochrhein, sowie eine 58 km lange Hauptstrecke, die als erste H2-Leitung im Süden der Republik bis 2030 energieintensive Industrien am Hochrhein mit grünem Wasserstoff versorgen soll.
Parallel entstehen entlang des Kernnetzes bedeutende Wasserstoff- Hubs, darunter etwa eines der größten deutschen Wasserstoffprojekte im Chemiepark Piesteritz in Wittenberg. Dort plant das Leipziger Unternehmen VNG den Bau eines Elektrolyseurs zur Produktion von grünem Wasserstoff mit einer Kapazität von 500 Megawatt. Auch Siemens Energy und der norddeutsche Versorger EWE treiben mit der geplanten 280-Megawatt-Elektrolyseanlage in Emden die Wasserstoffproduktion voran – mit dem Ziel, ab 2027 jährlich 26.000 Tonnen grünen Wasserstoff bereitzustellen. Denn: Deutschland hat sich in seiner Wasserstoffstrategie vorgenommen, bis 2030 eine Elektrolysekapazität von 10.000 Megawatt zu erreichen. Ambitionierte Ziele, die einen schnellen Ausbau der Infrastruktur erfordern – der bislang nur schleppend vorangeht.
Auf dem Weg zu grünem Wasserstoff ist noch allerhand zu tun: Die Zertifizierung von grünem Wasserstoff, regulatorische Anforderungen an den Transport und internationale Handelsbedingungen stellen Unternehmen vor komplexe rechtliche Fragestellungen. Ein aktuelles Beispiel für die Herausforderungen der Wasserstofftechnologie zeigt sich jüngst in der Luftfahrtbranche: Der Luftfahrt Pionier Airbus hat seine ambitionierten Pläne für ein wasserstoffbetriebenes Verkehrsflugzeug auf frühestens 2035 verschoben – ein deutlicher Dämpfer für die Branche und den Konzern. Als Grund wird genannt, dass die Technologie langsamer als erwartet vorangekommen sei, insbesondere bezüglich der Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff in großen Mengen. Die Airbus-Revolution bleibt damit vorerst aus.
Wasserstoff als Schlüssel der Energiewende?
Die Umsetzung des Wasserstoff-Kernnetzes ist jedoch nicht nur ein infrastrukturelles Großprojekt, sondern ein entscheidender Baustein für das Erreichen der deutschen und europäischen Klimaziele. Während die Kraftwerkstrategie der Ampelregierung nicht mehr realisiert wurde, bleibt abzuwarten, welche Leitlinien die neue Koalition verfolgt. Sicher ist jedoch, dass sich die neue Regierung an den bereits formulierten Anforderungen aus der Branche orientieren muss, denn die Konsultationen mit den Verbänden haben klare Erwartungen aufgezeigt: verlässliche Rahmenbedingungen, Technologieoffenheit und eine stärkere Einbindung aller systemrelevanten Akteure in die Refinanzierung und Ausgestaltung des Netzausbaus.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow neue Kriterien für grünen Wasserstoff angekündigt. „Wasserstoff wird im zukünftigen Energiesystem eine Rolle spielen“, sagte die ehemalige Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrates.“
Im Koalitionsvertrag 2025 stellt die neue Bundesregierung technologieoffene Ausschreibungen in den Vordergrund und verbindet diese mit Investitionsanreizen für bis zu 20 GW neuen Gaskraftwerken bis 2030, bevorzugt an bestehenden Standorten. Ein marktwirtschaftlicher Kapazitätsmechanismus soll einen flexiblen Mix aus Kraftwerken, Kraft-Wärme-Kopplung, Speichern und Bioenergie fördern. Auch Reservekraftwerke sollen verstärkt zur Strompreisstabilisierung beitragen. Auffällig ist, dass eine ausdrückliche Verknüpfung des Wasserstoffhochlaufs mit der Kraftwerksstrategie fehlt.
Damit unterscheidet sich die neue Linie von den ursprünglichen Plänen der Ampelkoalition, die in einem gescheiterten Entwurf eines Kraftwerksicherheitsgesetzes aus dem Herbst 2024 den Bau neuer Gaskraftwerke vorgesehen hatte, die perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden sollten („H2- ready“-Kraftwerke), um in Zeiten geringer erneuerbarer Stromproduktion (sog. Dunkelflauten) die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Die Strategie sah vor, die zunächst mit Erdgas betriebenen Kraftwerke ab 2035 bis 2040 auf grünen Wasserstoff umzustellen. Hierfür waren Ausschreibungen für eine Gesamtkapazität von 7 GW geplant, ergänzt durch 500 MW für Wasserstoff- Sprinterkraftwerke, die von Beginn an allein mit Wasserstoff betrieben werden sollten. Trotz wiederholter Mahnungen aus der Branche, insbesondere auch durch den BDEW, hat es Bundeswirtschaftsminister Habeck nicht geschafft, in drei Jahren eine tragfähige Kraftwerksstrategie zu entwickeln und auf den Weg zu bringen. Die Folgen sind dramatisch. In den nächsten drei Jahren geht weitere verlässliche Erzeugungskapazität aus dem Markt. Neue konventionelle Gaskraftwerke sind im selben Zeitraum nicht absehbar. Große Preisausschläge, wie zuletzt im November 2024 mit 936 EUR/ MWh, werden zunehmen.
Ob Wasserstoff tatsächlich von einer Zukunftsvision zu einer tragenden Säule der Energiewende wird, hängt maßgeblich von der wirtschaftlichen Tragfähigkeit, dem Abbau regulatorischer Hürden und der Marktentwicklung ab. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich frühzeitig auf diese Transformation einzustellen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Wie schnell geht der Wandel?
Wasserstoff ist dabei sicher nicht für jedes Unternehmen gleichermaßen relevant. Während einige Branchen schneller von einer zukünftigen Nutzung profitieren können, stellt sich für andere die Frage, ob sich die Investitionen zum aktuellen Zeitpunkt lohnen. Besonders für Unternehmen mit einem hohen Energieverbrauch oder emissionsintensiven Prozessen – etwa in der Stahlindustrie, der chemischen Industrie oder in Teilen der Logistikbranche – kann Wasserstoff sicher eine sinnvolle Alternative darstellen. Dabei wird diese Frage derzeit noch durch die Fokussierung auf sog. „grünen Wasserstoff” erheblich erschwert. Dabei ist schon jetzt klar, dass allein die Produktion von Wasserstoff aus regenerativer Energie selbst bei Ausschöpfung aller nationaler Kapazitäten nicht reichen wird, zumal hier erhebliche Ineffizienzen liegen (erhebliche Mehrinstallation von regenerativer Erzeugung, um bestimmte Jahresbenutzungsstunden für Wasserstoff sicherzustellen). Der Import insbesondere von erheblichen Mengen von Wasserstoff bzw. Wasserstoffderivaten ist erforderlich. Erste weltweite Beschaffungsvorhaben, etwa durch die H2Global-Stiftung und ihr Tochterunternehmen HINT.CO laufen bereits. Über deutsche, belgische und niederländische Häfen soll insbesondere erneuerbares Methanol, erneuerbares Ammoniak und „eSAF” (erneuerbares Sustainable Aviation Fuel) in drei Tranchen für ein Ausschreibungsvolumen von 900 Mio. EUR in den Jahren 2025/2026 in einem Gebotsverfahren beschafft werden.
Auf der Habenseite steht, dass durch Wasserstoff schrittweise neue Geschäftsmodelle entstehen können, insbesondere für Unternehmen im Energiesektor oder im Bereich der Mobilität, die Wasserstoff als alternative Antriebs- und Versorgungsquelle etablieren möchten. Auch Kooperationen mit innovativen Start-ups oder etablierten Technologieanbietern versprechen wirtschaftliche Synergien und Marktvorteile. Wer hier frühzeitig in die richtigen Partnerschaften investiert, kann sich entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern und von der Dynamik der Entwicklung profitieren.
Gleichzeitig gibt es zahlreiche Unternehmen, für die Wasserstoff derzeit noch wenig wirtschaftlichen oder technischen Mehrwert bietet. Unternehmen mit geringem Energiebedarf oder solche, deren Prozesse bereits effizient durch andere Technologien abgedeckt werden, dürften zum jetzigen Zeitpunkt kaum Vorteile aus einer Umstellung ziehen. Auch Sektoren mit kurzen Innovationszyklen, wie etwa die IT-Branche oder viele Dienstleistungsunternehmen, werden kurzfristig kaum Nutzen aus Wasserstoff ziehen können. Zudem sind die Kosten der Wasserstoff-Infrastruktur derzeit noch enorm hoch, und flächendeckende Versorgungsnetze müssen wie aufgezeigt erst entstehen. Daher wird Wasserstoff für viele Unternehmen erst dann eine realistische Option, wenn die Technologien weiterentwickelt, die Produktionskosten gesenkt und die regulatorischen Rahmenbedingungen klarer definiert sind.
Die Relevanz von Wasserstoff außerhalb der energieintensiven Industrie hängt damit stark davon ab, wie schnell und wie kostengünstig die Versorgung mit Wasserstoff in Deutschland voranschreitet. Ob ein frühzeitiges Engagement sich langfristig als Wettbewerbsvorteil erweist oder ob alternative Maßnahmen zur Nachhaltigkeit und Dekarbonisierung zunächst die bessere Wahl sind, ist Ergebnis einer strategischen Entscheidung.
Alternativen und nächste Schritte
Trotz zunächst verheißungsvoller Perspektiven werden kritische Stimmen lauter. Sicher ist inzwischen, dass es deutlich langsamer vorangeht als zunächst erwartet.
Ob die Kosten für die Wasserstoffherstellung langfristig günstig genug sein werden, um wettbewerbsfähig mit anderen Energiequellen zu bleiben, wird sich erst zeigen. So wird etwa angeregt, Vorprodukte wie Roheisen, Eisenschwamm, Ammoniak und Methanol kostengünstig aus anderen Ländern zu importieren, um im Zuge einer globalen Arbeitsteilung den Preis zu senken. Damit werden insbesondere in der chemischen Industrie Wertschöpfungsketten gefährdet. Ob dies dem Klima nutzt, wenn in Deutschland Erzeugung abgebaut wird, um dann Produkte zu importieren, ist noch nicht einmal fraglich. Die Antwort ist klar. Es ist Augenwischerei für ein gutes Gewissen. Dafür werden zweifelhafte Umweltstandards in Drittländern, Transportkosten und diverse Rechts- und Zollfragen (CBAM) von der Politik in Kauf genommen oder heruntergespielt. Die Folge könnte sein, dass die Industrie dorthin geht, wo die erforderlichen Vorprodukte am Standort verfügbar sind. Es bleibt zu hoffen, dass auf alternative Strategien, die eine nachhaltige Energieversorgung und Emissionsreduzierung ermöglichen, zurückgegriffen wird.
Neben dem Einsatz von Solarenergie oder Windkraft gewinnen Biogas, synthetische Kraftstoffe, Carbon Capture and Storage Technologien und Power-to-X-Prozesse zunehmend an Bedeutung. Auch die Integration von Smart-Metering-Technologien ermöglicht es, den Energieverbrauch in Echtzeit zu überwachen und gegebenenfalls zu optimieren. Durch gezielte Effizienzsteigerungen innerhalb bestehender Prozesse können CO₂- Emissionen ebenfalls gezielt gesenkt werden.
Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen befinden sich noch in einem kontinuierlichen Anpassungsprozess. Viele zentrale Rechtsfragen – von dem Netzanschlusszugang bis zur Bilanzierung und Regulierung der Wasserstoffmärkte – sind derzeit noch nicht abschließend geklärt. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) möchte mit den Festlegungsverfahren WasABi (Wasserstoff Ausgleichs- und Bilanzierungsgrundmodell) und WaKandA (Wasserstoff Kapazitäten Grundmodell und Abwicklung des Netzzugangs) einen umfassenden regulatorischen Rahmen für den Hochlauf des deutschen Wasserstoffmarkts entwickeln. Ziel ist es, ein transparentes, verlässliches und rechtssicheres System zu etablieren, das den technischen und wirtschaftlichen Anforderungen der Wasserstoffwirtschaft gerecht wird. Diese Regelungen adressieren sowohl die Abwicklung von Netzzugang und Bilanzierung als auch die Einführung eines deutschlandweiten Marktgebietsmodells für Wasserstoffnetze.
Ein ungelöster Streitpunkt ist das geplante bundeseinheitliche „Hochlaufentgelt“ von 25 €/kWh/h/a für das Wasserstoff-Kernnetz – mehr als das Dreifache der heutigen Gasnetzentgelte und wirtschaftlich damit kaum tragfähig. Industriekunden müssten das Entgelt mehrfach zahlen (Ein- und Ausspeisung, ggf. auch Speicher), was den H₂- Preisanteil der Netzentgelte auf bis zu 17 % treiben könnte. Eine hohe Auslastung im frühen Marktstadium gilt als unrealistisch, das Investitionsrisiko für First-Mover wäre entsprechend hoch.
Parallel läuft die BNetzA-Konsultation zur Netzentgeltsystematik (AgNes), in der auch die bisherige Entgeltbefreiung von Elektrolyseuren auf den Prüfstand kommt – ein potenzieller Hemmschuh für den Wasserstoffhochlauf. Hintergrund ist, dass die Netzintegration erneuerbarer Erzeugungsanlagen inzwischen zum zentralen Kostentreiber geworden ist – ohne Kostenbeteiligung von Einspeisern oder neuen Großverbrauchern wie Elektrolyseuren.
Völlig ausgeblendet wird in der Debatte die Wärmeversorgung der Haushalte. Die Gasnetze werden durch Rückbau, Umbau und Stilllegung in ihrem wirtschaftlichen Wert entwertet. Die Vorstellung, dass Millionen von Haushalten mit Wasserstoff über bestehende und ertüchtigte Gasnetze beliefert werden können, ist unrealistisch. Kochgas wird sich mit Elektro ersetzen lassen, aber die Heizungsfrage bleibt. Mittel der Wahl ist der Fernwärmeausbau und die Wärmepumpe. Alles geht einher mit einem weiteren Netzausbaubedarf für die Stromnetze. Die Wärmewende und der Stromnetzausbau sind ein weiteres ungelöstes Thema.
Zusammenfasend lässt sich festhalten: Die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft ist mit weitreichenden Chancen, aber auch signifikanten Herausforderungen verbunden. Unternehmen sind gut beraten, frühzeitig eine fundierte Strategie zu entwickeln, die technologische Innovationen, wirtschaftliche Aspekte und regulatorische Rahmenbedingungen integriert. Eine vorausschauende rechtliche Beratung ist dabei unerlässlich, um Risiken zu minimieren und langfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern. Wer sich rechtzeitig mit den Möglichkeiten und Herausforderungen auseinandersetzt, kann die Weichen für eine nachhaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft stellen. Auf diesem Weg begleiten wir Sie gerne.