Abwärme aus Rechenzentren

Vom Pflichtprogramm zur Standortstrategie

Sinnvolle Abwärmenutzung: warum sie nicht als nachträgliches Nachhaltigkeitsargument, sondern als frühe Standort- und Infrastrukturentscheidung verstanden werden muss – und warum sie dort nicht endet.

Die Zukunft nachhaltiger Rechenzentren ist davon abhängig, wie gut digitale Infrastruktur mit Energieinfrastruktur, Stadtentwicklung und industriellen Bedürfnissen verbunden wird.

Rechenzentren sind längst nicht mehr nur technische Gebäude am Rand der digitalen Wirtschaft. Sie sind zu kritischer Infrastruktur geworden – für Unternehmen, öffentliche Verwaltung, Künstliche Intelligenz, Cloud-Anwendungen und digitale Souveränität. Mit dieser Rolle wächst auch die Verantwortung: Energie muss effizient genutzt, transparent gemessen und, wo immer sinnvoll, mehrfach verwendet werden. Denn Energie wird nicht vernichtet, sie wird immer umgewandelt.

Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden, sondern nur zwischen verschiedenen Formen umgewandelt werden (Energieerhaltungssatz: wikipedia)

Ein besonders naheliegendes Thema ist die Abwärme. Denn nahezu die gesamte elektrische Energie, die ein Rechenzentrum aufnimmt, wird am Ende in Wärme umgewandelt. Diese Wärme einfach ungenutzt an die Umgebung abzugeben, wird gesellschaftlich, regulatorisch und wirtschaftlich immer schwerer zu rechtfertigen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Abwärmenutzung als universelle Standardlösung darzustellen. Sinnvoll wird sie erst dann, wenn sie frühzeitig, realistisch und standortbezogen geplant wird. Es gibt aber mittlerweile auch herausragende technische Möglichkeiten, um die Wärmeenergienutzung nachträglich zu implementieren.

Die Umsetzungslücke ist noch groß

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt der Blick auf die verfügbaren Zahlen. Plattformen wie DataCenterMap erfassen weltweit inzwischen mehr als 10.000 Rechenzentrumsstandorte. Demgegenüber stehen nach der öffentlich zugänglichen Best-Practice-Übersicht von Bytes2Heat bislang weniger als 100 dokumentierte Beispiele, in denen Abwärme aus Rechenzentren nachweislich sinnvoll weitergenutzt wird – etwa in Wärmenetzen, Schwimmbädern, Gewächshäusern, Lebensmittelproduktion, industriellen Prozessen oder

Aquakultur. Beispiele reichen von der Versorgung einer Käserei in der Ostschweiz bis zur Nutzung von Rechenzentrumswärme für Lachsfarmen in Norwegen.

Selbst wenn diese Zahlen nicht jeden Einzelfall vollständig abbilden, ist die Größenordnung eindeutig: Abwärmenutzung ist technisch bewiesen, aber noch lange kein industrieller Standard. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung. Es fehlt nicht am physikalischen Potenzial, sondern an frühzeitiger Standortplanung, passenden Abnehmern, klaren Verantwortlichkeiten und tragfähigen Geschäftsmodellen. Die frühzeitige Standortplanung ist allerdings schwierig, wenn die Priorität der Grundstücksverfügbarkeit nach „Powered Land“ und Zeitfaktor „go to market“ entschieden werden muss.

Abwärme braucht einen passenden Abnehmer

Der entscheidende Punkt ist, auch bei nicht perfekter Lage, einen Zukunftsplan zu haben. Zu welcher Zeit, am richtigen Ort, im richtigen Temperaturniveau und in verlässlicher Menge wird die Wärme in Zukunft benötigt? Ein Rechenzentrum produziert kontinuierlich Wärme, während viele potenzielle Abnehmer saisonale oder tageszeitliche Lastprofile haben. Wohnquartiere, Schwimmbäder, Gewächshäuser, Wäschereien, Lebensmittelproduktion, Fischzucht, Trocknungsprozesse oder industrielle Anwendungen können sehr gute Partner sein – aber nicht jeder Standort passt zu jedem Konzept.

Darum sollte Abwärme nicht erst am Ende eines Projekts diskutiert werden, wenn Gebäude, Kühlung, Grundstück und Netzanbindung bereits entschieden sind. Wer Abwärmenutzung ernst meint, muss sie in die frühe Standortstrategie integrieren. Die Nähe zu Wärmenetzen, kommunalen Entwicklungsflächen, geeigneten Gewerbebetrieben oder Quartiersprojekten kann dann genauso wichtig werden wie Stromverfügbarkeit, Glasfaseranbindung und Genehmigungsfähigkeit.

Technik allein reicht nicht aus

Technisch ist vieles – auch nachträglich – möglich: direkte Einspeisung in Wärmenetze, Wärmepumpen zur Temperaturanhebung, Niedertemperaturkonzepte, Pufferspeicher oder die Kombination mit lokalen Wärmeabnehmern. Hinzu kommen neue technische Bausteine, die den Handlungsspielraum erweitern können: Hochtemperatur-Wärmepumpen, Rotationswärmepumpen für industrielle Anwendungen, thermische Speicher und Eisspeicher, die Wärme- und Kältebedarfe zeitlich besser entkoppeln. Solche Lösungen können besonders dort interessant werden, wo Abwärme nicht exakt dann benötigt wird, wenn sie entsteht, oder wo höhere Temperaturniveaus für Wärmenetze und industrielle Prozesse erforderlich sind. Die sinnvolle Abwärmenutzung reduziert zudem noch den PUE (Power Usage Effectiveness) Faktor, da die Kompressoren der Chiller nur noch als Backup benötigt werden. Für KI-Server, die mit Liquid gekühlt werden, entstehen auch gut nutzbare Temperaturniveaus, um Adsorptionskälte (nicht zu verwechseln mit Absorption) zu integrieren.

Die größere Herausforderung liegt häufig jedoch nicht in der Technik, sondern in der Schnittstelle zwischen den Beteiligten. Verträge mit kostenneutraler Wärme-/Kältelieferung und ohne Lieferverbindlichkeit kommen schneller zum Ziel.

Ein Rechenzentrumsbetreiber plant in Verfügbarkeiten, Redundanzen, Sicherheit, Service Level Agreements und IT-Lastprofilen. Ein Wärmenetzbetreiber denkt in erster Linie an die Versorgungssicherheit der Menschen in der Stadt sowie an Vorlauftemperaturen, Netzkapazitäten und Investitionszyklen. Kommunen wiederum betrachten Bürgerakzeptanz, Stadtentwicklung, Klimaziele und Flächennutzung. Diese Welten müssen früher und verbindlicher zusammengebracht werden. Deutschland ist hier schon auf einem guten Weg, aber wir können hier weltweit eine Vorreiterrolle übernehmen.

Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten: Wer investiert in die Übergabestation? Wer betreibt die Wärmepumpe und generiert den Strom dafür? Redundanzen braucht jede Seite, um Abnehmerrisiken zu reduzieren, aber vielleicht müssen die Redundanzen nicht zusätzlich N+1 betragen? Wie werden Mengen, Temperaturen und Verfügbarkeiten gemessen, welches Team kümmert sich 24/7 um den Betrieb? Ohne solche Antworten bleibt Abwärmenutzung ein gutes Konzept auf dem Papier – aber kein belastbares Infrastrukturmodell.

Regulierung kann helfen, ersetzt aber keine Wirtschaftlichkeit

Das Energieeffizienzgesetz hat das Thema deutlich beschleunigt. Es setzt klare Anforderungen an Rechenzentren und rückt Energieeffizienz, erneuerbare Energien und die Wiederverwendung von Energie stärker in den Mittelpunkt. Das ist richtig und wichtig. Dennoch darf Regulierung nicht dazu führen, dass Projekte formal geplant, aber praktisch kaum wirksam umgesetzt werden.

Eine sinnvolle Abwärmestrategie braucht technische Machbarkeit, wirtschaftliche Tragfähigkeit und langfristige Partner. Wenn Leitungen zu lang, Temperaturen ungeeignet oder Abnehmerstrukturen unsicher sind, entstehen hohe Kosten bei begrenztem Nutzen. Umgekehrt können gut gewählte Standorte echte Mehrwerte schaffen: geringere CO₂-Emissionen im Wärmesektor, bessere lokale Akzeptanz, neue industrielle Symbiosen und eine glaubwürdigere Rolle digitaler Infrastruktur in der Energiewende.

Managementhaltung entscheidet

Am Ende ist Abwärmenutzung nicht nur eine technische oder regulatorische Frage, sondern auch eine Frage der Haltung. Dort, wo C-Levels das Thema frühzeitig als Teil der Standortstrategie wirklich umsetzen wollen, entstehen oft mehr Möglichkeiten, als zunächst sichtbar sind. Dann werden Gespräche mit Kommunen, Energieversorgern, Wärmenetzbetreibern, Industriepartnern und Quartiersentwicklern nicht erst geführt, wenn ein Projekt nahezu abgeschlossen ist, sondern bereits in der Konzeptphase.

Wir alle haben eine Verantwortung wie wir mit dieser Welt umgehen – und Geschäftsführungen insbesondere – eine MEGAWATT Verantwortung.

Natürlich passt nicht jeder Standort. Nicht jede Wärmequelle findet automatisch einen wirtschaftlich sinnvollen Abnehmer. Aber die Erfahrung zeigt: Wo der Wille vorhanden ist, werden Wege gesucht – und häufig auch gefunden. Entscheidend ist, Abwärme nicht als lästige Nebenbedingung zu behandeln, sondern als potenziellen Bestandteil eines regionalen Energie- und Infrastrukturkonzepts.

Vom Rechenzentrum zum Energiepartner

Die zentrale Frage lautet daher nicht: „Verbraucht ein Rechenzentrum zu viel Energie?“ Die bessere Frage lautet: „Welchen Nutzen kann die Abwärmeenergie im regionalen Energiesystem stiften, um dieses zu entlasten?“ Genau hier verändert sich die Perspektive. Das Rechenzentrum wird nicht mehr nur als Stromverbraucher betrachtet, sondern als möglicher Baustein eines lokalen Energie- und Wärmekonzepts. Abwärmeabnehmer können so in Zukunft auf fossile Energieträger verzichten. Abwärme ist dabei kein Allheilmittel. Aber richtig geplant, kann sie aus einem unvermeidbaren Nebenprodukt einen echten Standortvorteil machen.

Jones Lang LaSalle begleitet Unternehmen und Investoren bei der Entwicklung und Implementierung nachhaltiger Rechenzentrumsstrategien – von der Standortwahl über die technische Planung bis zur Umsetzung innovativer Energiekonzepte.

Jens Bertram ist Data Center Director Germany bei JLL und verfügt über langjährige, internationale Erfahrung im Betrieb und in der strategischen Entwicklung kritischer digitaler Infrastruktur. In seiner Rolle verbindet er die Perspektiven von Investoren, Entwicklern, Betreibern und Endkunden. Seine Schwerpunkte liegen auf Standortauswahl, Energieeffizienz, Hochverfügbarkeit, Sicherheit, ESG, Abwärmenutzung, nachhaltigen Standortkonzepten und der Integration von Rechenzentren in regionale Energie- und Wärmesysteme.

Quellenhinweis für die Redaktion

  • DataCenterMap: weltweit mehr als 10.000 gelistete Rechenzentrumsstandorte.
  • Bytes2Heat: Best-Practice-Übersicht mit weniger als 100 öffentlich dokumentierten Abwärmenutzungsbeispielen aus Rechenzentren.
  • Uptime Institute: nahezu die gesamte elektrische Energie eines Rechenzentrums wird letztlich in Wärme umgewandelt; Abwärmenutzung ist technisch bekannt, aber bislang selten skaliert.