Elektrifizierung stößt an Grenzen
Zwar gilt Elektrifizierung zurecht als stärkster Hebel zur Dekarbonisierung, doch nicht alle Sektoren lassen sich einfach von Molekülen auf Elektronen umstellen. Industrieprozesse, Luft- und Seeverkehr benötigen alternative Energieträger. Zudem hinkt der Netzausbau hinterher, was die Integration neuer Verbraucher und Erzeuger erschwert. Die Energiewende ist also nicht nur technisch, sondern auch infrastrukturell und politisch herausfordernd.
Erdgas und LNG: Versorgung sichern, Emissionen senken, Resilienz erhöhen
Erdgas ist der emissionsärmste fossile Energieträger und spielt eine Schlüsselrolle beim Kohleausstieg. Verflüssigtes Erdgas (LNG) ermöglicht flexible Gasimporte und stärkt die Resilienz des Energiesystems – gerade in geopolitisch herausfordernden Zeiten. Shell deckt die gesamte LNG-Wertschöpfungskette ab und verkaufte 2024 weltweit 66 Mio. Tonnen – genug, um 67 Mio. europäische Haushalte zu heizen. Die Integration ermöglicht es uns, Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen, sodass wir unseren Kunden jederzeit und überall Gas anbieten können.
LNG ersetzt Kohle, Schweröl und Diesel in Industrie, Transport und Energieerzeugung und trägt so zur CO₂-Reduktion bei. Wir gehen davon aus, dass die Lieferung von LNG in den nächsten zehn Jahren unseren größten Beitrag zur internationalen Energiewende leisten wird, und richten unser globales Portfolio entsprechend aus.
Davon kann auch die deutsche Industrie profitieren: So ist Shell Energy Deutschland in der Lage zum Beispiel Gaslieferverträge anzubieten, die auch mit LNG im Portfolio abgesichert sind. Das bedeutet: Zugang zu global diversifizierten Bezugsquellen, Orientierung an außereuropäischen Preisniveaus und schließlich mehr Versorgungssicherheit für energieintensive Industrien. Gerade in einem volatilen Marktumfeld ist das ein echter Mehrwert: Preis-Diversifizierung, Flexibilität und Resilienz.
Bio-LNG: Dekarbonisierung auf der Straße
Ein praktisches Beispiel dafür, dass LNG keine fossile Sackgasse, sondern transformatorisch ist: Lkw mit Gasmotoren emittieren mit fossilem LNG rund 20 % weniger CO₂ als Diesel (B7) – mit Bio-LNG sinken die Emissionen nochmals erheblich. Mit diesem Dekarbonisierungspfad im Kopf investierte Shell bereits vor Jahren in LNG-Tankstellen für den Schwerlastverkehr – zunächst versorgt mit fossilem LNG. Parallel dazu wurde eine Lieferkette für Bio-LNG aufgebaut, mit Produktion im Shell Energy and Chemicals Park Rheinland. Heute betreiben wir mehr als 30 Shell Stationen entlang deutscher Hauptverkehrsrouten, die nunmehr ausschließlich Shell BioLNG Blend anbieten.
Biomethan: Skalierbare Lösung für Industrie und Transport
Biomethan ist nicht nur nahezu CO2-neutral, sondern auch speicher- und flexibel einsetzbar – ein idealer Partner zur Elektrifizierung. Als heimische Energiequelle stärkt es zugleich die Energiesouveränität und die Wertschöpfung im ländlichen Raum.
Mit der Übernahme von Nature Energy (jetzt Shell Biogas), einem der größten Produzenten von erneuerbarem Gas in Europa, baut Shell eine integrierte Biogas-Wertschöpfungskette weiter auf. Shell Biogas betreibt 14 Anlagen und plant rund 30 weitere in Europa und Nordamerika. Mit industriellen Großanlagen kann Shell dazu beitragen, die fragmentierte Biogaslandschaft in Deutschland schrittweise in eine wettbewerbsfähige, subventionsunabhängige Industrie zu transformieren.
Wasserstoff: Schlüsseltechnologie mit Anlaufproblemen
Shell investiert in grünen Wasserstoff, etwa mit Elektrolyseanlagen im Rheinland (Refhyne 2 mit 100 Megawatt – zusätzlich zum bereits seit vier Jahren betriebenen Refhyne 1 Elektrolyseur mit 10 MW) und den Niederlanden (Holland Hydrogen 1 mit 200 Megawatt). Doch der Markthochlauf um uns herum stockt: Es fehlt an Infrastruktur, Abnehmern und klaren politischen Rahmenbedingungen. Die Wasserstoffwirtschaft leidet unter einem Henne-Ei-Problem – ohne Nachfrage keine Infrastruktur, ohne Infrastruktur keine Nachfrage.
Politik muss Tempo machen Damit die Brücke in die klimaneutrale Zukunft tragfähig bleibt, braucht es:
- Verbindliche regulatorische Leitplanken für Wasserstoff
- Technologieoffene Förderung von Biogas und synthetischen Molekülen – Verbindliche Grüngasquote und eine Gasnetz-Transformation, die erneuerbare Moleküle gleichberechtigt integriert
- Investitionssicherheit durch Fördermechanismen wie Contracts for Difference
- Beschleunigte Genehmigungsverfahren
- Europäische Harmonisierung von Standards
Time to tango
Wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will, müssen Moleküle und Elektronen Hand in Hand gehen. Shell steht bereit, die Brücke zwischen beidem zu schlagen: mit Investitionen in CO₂-arme Lösungen, Infrastruktur für Bio-LNG und Wasserstoff sowie Unterstützung für Kunden beim Dekarbonisieren. Jetzt braucht es Zusammenarbeit und auch politisches Tempo, um die Brücke zu stärken und entschlossen zu begehen.