Cohere und Aleph Alpha: Der Deal der Firmen hat einen Haken. (Foto: Stephan Scheuer, GPT Image 2)
Einerseits entsteht ein ernst zu nehmender Anbieter mit deutscher Verankerung. Andererseits markiert dieser Schritt das Ende eines zentralen Versprechens: dass Deutschland aus eigener Kraft einen globalen KI-Champion hervorbringen kann.
Warum das wichtig ist: Der Zusammenschluss ist die wohl pragmatischste Antwort, die die Politik in Berlin auf das KI-Duopol aus dem Silicon Valley und China noch geben konnte – und zugleich ein Eingeständnis. Laut Insidern sollen die Anteilseigner von Cohere rund 90 Prozent halten, jene von Aleph Alpha etwa zehn Prozent. Der Wert des fusionierten Unternehmens wird auf rund 20 Milliarden Dollar geschätzt. Cohere wurde zuletzt mit 6,8 Milliarden Dollar bewertet, Aleph Alpha vor mehr als zwei Jahren mit 446 Millionen Euro.
Die frühzeitige Berichterstattung über Zahlen und Hintergründe dieses Deals ist das Ergebnis wochenlanger Recherchen mehrerer Handelsblatt-Redakteurinnen. Sowohl Berlin als auch Ottawa trieben die Fusion aktiv voran und stellten den beteiligten Unternehmen Großkundenrollen in Aussicht.
Ein Insider aus dem Umfeld der Verhandlungen beschreibt den Schritt drastisch als „Tod von Aleph Alpha“. Cohere sei die „letzte Rettung“, um ein großes KI-Unternehmen nach Deutschland zu holen. Offiziell wird zwar von einem Zusammenschluss gesprochen, faktisch gehe es jedoch weniger um die Technologie von Aleph Alpha als um zugesicherte Regierungsaufträge.
Evan Solomon (v.l.), Rolf Schumann, Samuel Weinbach, Aidan Gomez, Karsten Wildberger: Digitalminister, Gründer und CEOs verkünden den Deal. (Foto: IMAGO/Political-Moments)
In Berlin wurde hingegen eine andere Lesart vermittelt. Cohere-Chef Aidan Gomez sprach von einem „globalen, unabhängigen KI-Powerhouse“, das aus der Fusion hervorgehen solle. Globales Wachstum sei notwendig, „um mit Big Tech zu konkurrieren“. Auch Schwarz Digits betonte den Aufbruch: Gemeinsam mit Cohere und Aleph Alpha wolle die Digitalsparte der Schwarz Gruppe zum „technischen Rückgrat dieser transatlantischen KI-Initiative“ werden. Mit 500 Millionen Euro tritt die Gruppe zudem als Lead-Investor auf.
Cohere selbst gehört zu den leistungsstärksten KI-Anbietern außerhalb des Silicon Valley. Sollte es gelingen, künftig mehr Entwicklerkompetenz in Berlin zu bündeln und mit Behörden- sowie Industriekontakten zu verknüpfen, könnte ein relevanter Anbieter für souveräne KI entstehen.
Ein zentraler Profiteur des Deals dürfte die Schwarz Gruppe sein. Die Digitalsparte des Handels- und IT-Konzerns zählt zu den größten Anteilseignern von Aleph Alpha, hat die Verhandlungen mitgeführt und wandelt nun einen schwer monetarisierbaren Minderheitsanteil in eine Beteiligung an einem deutlich höher bewerteten Unternehmen.
Auch Investoren von Cohere profitieren. Dazu zählen neben US-Unternehmen wie Nvidia und AMD auch deutsche Akteure wie SAP sowie DTCP.
Top-Sprachmodelle aus Deutschland fehlen:
Trotz dieser positiven Aspekte bleibt ein strukturelles Problem bestehen. Trotz Unterstützung durch Großkonzerne wie Bosch und SAP sowie politischer Initiativen ist es Aleph Alpha nicht gelungen, ein KI-Unternehmen aufzubauen, das im Wettbewerb um universelle Sprachmodelle mit OpenAI, Anthropic oder Google mithalten kann.
Zwar existieren in Deutschland erfolgreiche Spezialisten – etwa Black Forest Labs im Bereich Bildgenerierung oder DeepL bei Übersetzungen. Doch im Rennen um universelle Sprachmodelle, die die digitale Wertschöpfung der kommenden Jahre prägen dürften, spielt kein deutsches Unternehmen in der Spitzengruppe.
Der Zusammenschluss allein wird diese Lücke nicht schließen.
Damit aus dem Deal mehr wird als ein politisches Symbolprojekt, liegt die Verantwortung vor allem beim Unternehmen selbst. Entscheidend sind Modelle, die technisch mit den führenden Anbietern mithalten können. Politische Unterstützung, Souveränitätsversprechen und staatliche Aufträge ersetzen keine Spitzenforschung. Ebenso wenig können staatliche Stellen dauerhaft gezwungen werden, aus industriepolitischen Gründen auf unterlegene Technologien zu setzen.
Der Kontext verdeutlicht die Ausgangslage: In einem Umfeld wie dem Silicon Valley wäre Aidan Gomez einer von vielen Gründern. In Berlin hingegen wird er zur zentralen Hoffnungsfigur. Das sagt weniger über ihn aus als über die strukturellen Herausforderungen Europas im globalen KI-Wettbewerb.
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