KI-Modelle aus China beeindrucken die Technologiewelt. (Optik: Michel Becker | Dall-E)
Warum das wichtig ist? Weil so einiges an den heftigen Reaktionen auf die chinesische Firma nicht zusammenpasst.
- Die Aktie des Chipkonzerns Nvidia hat am Montag historische 592,7 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren. Der Abverkauf ist eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass sich KI effizienter betreiben lässt als angenommen. Ja, aber: Wenn Künstliche Intelligenz günstiger wird, werden wir künftig noch viel mehr davon nutzen.
- Der US-Investor Marc Andreessen hat den Überraschungserfolg von Deepseek als „Sputnik-Moment“ der KI bezeichnet. Die USA sind vom KI-Erfolg der Chinesen genauso überrascht wie 1957 vom erfolgreichen Satelliten-Start der Sowjetunion. Ja, aber: Deepseek ist keine Raketentechnologie! Die Sowjets haben sich damals im Rennen ins All einen Vorsprung verschafft. Die Chinesen haben ihr KI-Modell quelloffen veröffentlicht und damit die weltweite KI-Community nach vorn geworfen.
- Anthropic-Gründer Dario Amodei stellt Deepseek als Zeichen einer nationalen Bedrohung dar und warnt, China könne einen größeren Fokus auf die militärische Nutzung legen. Er fordert noch schärfere Exportkontrollen. OpenAI-Chef Sam Altman weist darauf hin, wie wichtig gerade jetzt die Unterstützung der US-Regierung für seine Infrastruktur ist. Ja, aber: Bedroht hier wirklich China die USA? Oder gefährdet Deepseek nicht vielmehr die Bewertung von OpenAI und Anthropic? Noch nie schien der Abstand zwischen den verschlossenen Firmen und der Open-Source-Community so klein wie jetzt.

Anthropic-Chef Dario Amodei (Foto: AP)
Es gibt aber auch chinesische Narrative, die kritisch zu hinterfragen sind. Warum etwa ist zunächst der Eindruck entstanden, bei Deepseek handle es sich um ein Team von Berufsanfängern, die in einem Nebenprojekt für 5,6 Millionen Dollar und auf ein paar veralteten Chips mehr geleistet haben als mächtige US- Technologiefirmen mit ihren gigantischen Rechenzentren? Es ist unklar, ob Deepseek in Wirklichkeit über 50.000 Hochleistungsprozessoren verfügt. Auf jeden Fall aber negiert die Darstellung, dass hinter der Firma ein Hedgefonds und Absolventen von Top-Universitäten stehen. Zudem wurden weder das Geld für Gehälter noch die Rechenleistung für die vorangegangene Forschung bei den Kosten berücksichtigt.
Am Ende ist gerade aus europäischer Sicht gar nicht so entscheidend, ob und wie eine Firma in China Nvidia-Chips ergattert hat. Und es kann uns auch egal sein, was sie sich bei der Entwicklung von OpenAI abgeschaut hat. Der Impuls, dass wir jetzt alle zurück an die Arbeit gehen sollten, ist vor allem für Europa richtig.
Erstens gibt es viel, was die starke Open-Source-Gemeinschaft hier aus den chinesischen Modellen lernen kann. Zwar bleiben in der KI-Welt diejenigen bevorteilt, die ihre Modelle mit der größten Rechenleistung trainieren können. Aber Deepseek hat vorgemacht, dass auch europäische Teams mehr aus ihren begrenzten Ressourcen herausholen können. Und das ganz neue Mistral-Modell (frisch von gestern) baut noch nicht auf den Erkenntnissen auf.
Zweitens führen Tests mit Deepseek vor Augen, wie stark politische Ideologien und Werte in KI-Modelle eintrainiert sind. Wenn sich Europa nicht von Unternehmen aus den USA oder China vorgeben lassen will, wie seine Künstliche Intelligenz tickt, dann muss es dringend an eigenen Systemen arbeiten, die mit den Modellen von OpenAI oder Deepseek mithalten.
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