Wie Blended Finance durch multilaterale Institutionen die deutsche Verteidigungfinanzierungslücke lösen kann.

Deutschlands Sicherheit ist nicht bloß eine Frage des Verteidigungshaushalte, sondern der Finanzarchitektur. Was das mit den Bilanzen deutscher Banken zu tun hat, erklären die Ökonomen Rebecca Harding (Centre for Economic Security) und Said D. Werner (MIT).

Bis 2029 soll der Kernverteidigungsetat auf 3,5 Prozent des BIP steigen, weitere 1,5 Prozent sind für Sicherheits- und Resilienzinfrastruktur vorgesehen – zusammen rund 216 Milliarden Euro jährlich, gut 130 Milliarden mehr als heute. Über die historische Dimension dieses Kurswechsels ist genug gesagt. Ökonomisch spannend wird es jetzt: Was passiert, wenn die Nachfrage explodiert, das Angebot aber nicht mitkommt?

Wenn Nachfrage schneller wächst als Angebot

Die ökonomische Antwort ist banal, die politische Konsequenz wird unterschätzt: längere Lieferzeiten, steigende Preise, wachsende Importabhängigkeit. Noch immer stammen rund 64 Prozent der europäischen Rüstungsbeschaffung laut SIPRI aus den USA. Eine solche Abhängigkeit verschwindet nicht binnen weniger Haushaltsjahre und politischer Wille allein schafft keine Produktionskapazitäten.

Die Rüstungsinflation liegt NATO-weit bei etwa sechs bis zehn Prozent jährlich und damit deutlich über der allgemeinen Teuerungsrate. Wächst der deutsche Verteidigungsetat nominal um zehn bis fünfzehn Prozent, bleiben real nur drei bis sechs Prozent mehr Kapazität. Mehr Geld bedeutet also nicht automatisch mehr Abschreckung: Wer Etatzeilen mit Stückzahlen verwechselt, überschätzt die Wirkung höherer Budgets.

Kapitalmärkte haben das früh eingepreist. Als der Bundestag im März 2025 Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausnahm, stiegen die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen binnen weniger Tage um rund 40 Basispunkte. Das war kein Misstrauensvotum gegen Deutschlands Bonität, sondern eine Neubepreisung von Unsicherheit. Risiken lassen sich kalkulieren und versichern. Unsicherheit nicht.

Der Engpass liegt deshalb nicht beim Geld, sondern bei der Produktion: Ohne zusätzliche Kapazitäten treibt mehr Nachfrage vor allem die Preise – nicht die Stückzahlen von Munition, Drohnen oder Ersatzteilen.

Der Engpass sitzt im Mittelstand

Der Flaschenhals sitzt tief in den Lieferketten. Nicht bei den großen Systemhäusern mit Kapitalmarktzugang, sondern bei tausenden mittelständischen Zulieferern: Spezialisten für Elektronik, Präzisionsteile und Werkstoffe, häufig mit Dual-Use-Geschäft. Sie müssen Personal, Material, Zertifizierungen und neue Fertigungslinien vorfinanzieren – oft Monate, bevor der erste Auftrag Geld einspielt.

Dass Banken dabei zögern, wurde bis zuletzt gern mit ESG erklärt. Doch das greift zu kurz. Weder Berlin noch Brüssel verbieten die Finanzierung von Verteidigung. Das Problem ist klassischer: Viele kleinere und junge Zulieferer haben kein externes Rating, kaum Sicherheiten und wenig Eigenkapital. Es fehlt nicht an politischer Nachfrage, sondern an bankfähiger Bonität, die Basel-Regulierungen gereicht.

Wie eng der Finanzierungsspielraum für KMU sektorunabhängig ist, zeigt die KfW-ifo-Kredithürde: Im zweiten Quartal 2026 berichteten 40,5 Prozent der kreditverhandelnden Mittelständler von restriktivem Bankverhalten – ein Rekord seit Beginn der Erhebung 2017. Für Banken sind Kredite an kleine, kapitalintensive und oft unbewertete Verteidigungsunternehmen zusätzlich teuer: Sie binden regulatorisches Kapital und konzentrieren Risiken auf wenige Programme.

Damit entsteht ein Paradox: Was strategisch dringend geboten ist, bleibt für einzelne Banken betriebswirtschaftlich wenig attraktiv. Das Problem ist daher weniger fehlendes Vertrauen als eine falsche Verteilung von Risiken. Genau hier setzt Blended Finance an.

Was Blended Finance wirklich bedeutet

Blended Finance klingt technischer, als es ist. Gemeint ist die gezielte Kombination von öffentlichem und privatem Kapital: Der Staat übernimmt über Garantien und Risikoteilung genau jenen Teil des Risikos, der kommerzielle Finanzierung bislang verhindert. Öffentliches Kapital soll privates also nicht ersetzen, sondern mobilisieren. Einen Euro kann man nur einmal ausgeben, es sei denn, man hebelt ihn.

Dafür stehen heute mehrere Instrumente bereit. SAFE stärkt über günstige EU-Kredite vor allem die Nachfrageseite; KfW, Deutschlandfonds und das in der neuen Startup- und Scaleup-Strategie angekündigte Investitionsvehikel für Verteidigungsunternehmen sollen zusätzlich die Angebotsseite stützen. Was jedoch weiterhin fehlt, sind Garantieprogramme, die auf Verteidigungs-KMU zugeschnitten sind: mit höheren Haftungsfreistellungen, größeren Kreditvolumina und vor allem geografischer Flexibilität. Deutschlands Sicherheit endet nicht an der Elbe – Lieferketten deutscher KMU reichen naturgemäß bis ins Baltikum und weit darüber hinaus.

Genau hier setzt die Defence, Security and Resilience Bank (DSRB) an. Als neue multilaterale Bank wird sie öffentliche wie private Finanzierungen ermöglichen. Für Deutschland selbst wären günstige Staatskredite wegen der eigenen hohen Bonität kaum entscheidend. Der Nutzen läge vielmehr bei den Partnerstaaten: Rund zwei Drittel der Bündnispartner könnten sich günstiger refinanzieren – und damit leichter bei deutschen Herstellern einkaufen. Noch wichtiger ist die private Seite. Neben Direktkrediten und Eigenkapitalinstrumenten wird die DSRB Hausbanken durch qualifizierte Garantien entlasten. Werden Kreditrisiken wirksam auf die multilaterale Bilanz übertragen, sinken die regulatorischen Risikogewichte gedeckter Tranchen – und damit die Hürde für neue Kredite an Verteidigungsunternehmen und tiefe Zulieferer.

Das Modell ist nicht neu, das Mandat schon: Weltbank, EIB und EBRD arbeiten seit Jahrzehnten mit ähnlichen Hebeln, bislang jedoch ohne eigenständigen Auftrag für genuine Verteidigungs- und Sicherheitsprojekte. Mitgliedsstaaten erhalten gegen Kapitaleinlagen Eigentums- und Stimmrechte; die DSRB kann dieses Kapital wiederum über eigene AAA-Anleihen um ein Mehrfaches hebeln. Verbindlichkeiten bleiben auf ihrer Bilanz – eine gemeinsame Haftung der Mitgliedstaaten ist damit ausgeschlossen.

Warum Deutschland gefragt ist

Ob Deutschland von einem solchen multilateralen Instrument profitiert, muss es selbst entscheiden. Zu den öffentlich bekannten Gründungsstaaten zählt es bislang nicht. Das ist insofern relevant, denn von vergünstigter Beschaffung, Direktkrediten und Garantien profitieren nur Unternehmen aus Mitgliedstaaten, deren Kapitaleinlagen die Hebeleffekte erst ermöglichen. Zugleich stärken Verteidigungsausgaben die heimische Wirtschaft nur dann nachhaltig, wenn sie tatsächlich in Produktion und Lieferketten ankommen statt in Importen oder bei wenigen großen Systemhäusern zu versickern.

Am Centre for Economic Security gehen wir davon aus, dass die DSRB das selbst unter konservativen Annahmen leisten kann. Deutschland wäre dabei ein natürlicher Nutznießer: Erreicht sie etwa binnen zehn Jahren eine Bilanzsumme von 100 Milliarden Euro, könnten mehr als 16 Milliarden Euro in die deutsche Industrie fließen – über Lieferkettenfinanzierung und Beschaffungsaufträge anderer Mitgliedstaaten. Dabei wäre der finanzielle Einsatz für Deutschland überschaubar: Die nötige Kapitaleinlage dürfte bei bis zu 1,5 Milliarden Euro liegen und gilt nach IWF-Standards als Erwerb eines Vermögenswertes, in Raten gezahlt anrechenbar auf das NATO-Ziel. Hinzu kämen rund sechs Milliarden Euro Callable Capital – eine Eventualverbindlichkeit, die in der Geschichte multilateraler Entwicklungsbanken bislang nie abgerufen wurde.

Industriepolitisch wäre eine deutsche Mitgliedschaft auch deshalb sinnvoll, da man über eine der tiefsten mittelständischen Zulieferstrukturen Europas verfügt. Wird Verteidigungsfinanzierung künftig stärker multilateral organisiert, sollte gerade dieser Mittelstand Zugang zum entstehenden Finanzierungsökosystem haben – nicht nur die großen Systemhäuser. Zudem ist klar: Wer mitgründet, setzt die Regeln. Wer später beitritt, erbt sie. Das ist kein Plädoyer für einen Beitritt um jeden Preis. Aber es ist ein Argument dagegen, die Entscheidung durch Zögern vorwegzunehmen. Die nächste, multilaterale Phase einer Zeitenwende entscheidet sich deshalb nicht nur im deutschen Bundeshaushalt, sondern auch in den Bilanzen der deutschen Banken. Aufträge schaffen Nachfrage. Finanzierung schafft Kapazität. Ob die DSRB dafür das beste Instrument ist, wird sie wie jede neue multilaterale Organisation unter Beweis stellen müssen. Was heute jedoch klar ist: Deutschland kann es sich nicht leisten, diese Frage anderen zu überlassen.

1Dr. Rebecca Harding ist unabhängige Handelsökonomin und Chief Executive des Centre for Economic Security in London. Ihr letztes Buch „The World at Economic War: How to Rebuild Security in a World of Weaponised Economics” wurde von der Financial Times als Best Books in Economics of 2025 ausgezeichnet.

2Said D. Werner ist Research Affiliate am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Affiliate Director des MIT Murray Lab for Deep Tech & Geopolitics sowie Mercator Fellow on International Affairs, wo er sich mit multilateralen Finanzierungsmodellen für Verteidigung und Innovation beschäftigt.