Alle reden über den Wasserstoff-Hochlauf, doch das Angebot bleibt knapp. So knapp, dass in Deutschland voraussichtlich bis zu 70 Prozent des für 2030 prognostizierten Wasserstoffbedarfs durch Importe aus dem Ausland abgedeckt werden müssen. Wo genau diese Importe herkommen, was sie kosten und ob sie grün, grau oder blau produziert werden sollen, ist dabei noch unklar. Für Industrieunternehmen, die ihre Produktionsstandorte gerade auf H2-Readyness umbauen, eine schlechte Nachricht, drohen ihre Pipelines noch bis auf unbestimmte Zeit leer zu bleiben. Produktionsausfälle, Umsatzverluste und weniger CO2-Einsparungen wären das Resultat. Vom Best-Practice-Beispiel zum Stranded Asset – um dieses Szenario abzuwenden, braucht der Staat schnell einen Fahrplan.
Staat muss zum Matchmaker werden
Auf einem funktionierenden Markt mit Angebot und Nachfrage entscheidet für gewöhnlich der Preis, wer welche Mengen eines knappen Gutes erhält. Das Problem bei Wasserstoff: Das allgemeine Interesse an dem Energieträger ist zwar groß, doch für Investitionen fehlt es Unternehmen noch an einem verlässlichen Marktumfeld. Ob Produzenten, Importeure, Netzbetreiber oder Industriekonzerne – kaum einer will ins Risiko gehen, solange sich das Geschäftsmodells nicht vollständig durchrechnen lässt. Damit diese Zurückhaltung nicht weiter zulasten der Wasserstoffpioniere aus der Industrie geht, muss der Staat das Henne-Ei-Problem durchbrechen und zum Matchmaker zwischen den verschiedenen Akteuren werden. In Punkto Preise, könnten die vom Wirtschaftsministerium ausgerollten Klimaschutzverträge dabei ein geeignetes Instrument sein. Als Betriebskosten-Förderung bezuschussen sie Aufwände aus dem laufenden Betrieb, die als Folge einer grünen Investition zusätzlich entstehen können. Im Fall eines von Kohle auf Wasserstoff umgerüsteten Stahlwerks hieße das beispielsweise, dass die Kosten für den Betrieb mit Wasserstoff über Zuschüsse auf das Niveau eines Kohlebetriebs gesenkt werden. Eine erste Ausschreibungsrunde wurde bereits umgesetzt und fand in der Industrie viel Zustimmung. Der Haken: Die Ausschreibungsrunde ist auf ein Volumen von 4 Milliarden Euro begrenzt. Um noch mehr Wirksamkeit zu erreichen, gilt es hier künftig weiter nachzulegen.
Lücken im Kernnetz schließen
Ohne Netz kein Wasserstoff, weshalb Industrieunternehmen für ihre Transformation auf einen klaren Zeitplan beim Netzausbau angewiesen sind. Hier hat die Politik in den vergangenen Monaten zum Glück schon ordentlich Tempo gemacht. Die Kernnetzpläne stehen, die Finanzierung wird aller Voraussicht nach über ein mit Netzentgelten befülltes Amortisationskonto vorgestreckt. Effektiv also ein zinsloser Kredit, vorgeschlagen vom Bundeswirtschaftsminister. Für die Netzbetreiber eine gute Lösung. Beim Blick auf die Landkarte fällt allerdings auf, dass es in Süddeutschland noch größere Lücken im Kernnetz gibt. Dabei finden sich gerade hier zahlreiche Industrieunternehmen – ob Autobauer oder Chemiewerk. Da sie aufgrund unzureichender Grünstrom-Kapazitäten in ihren Regionen wohl kaum eine eigene Wasserstoffproduktion aufbauen werden, sind sie bis auf weiteres auf den Fremdbezug angewiesen. Buy or Die. Die Netzplanungen sollten deshalb in Süddeutschland um weitere Pipelines ergänzt werden.
Deutschland wird zur Wasserstoff-Drehscheibe
Grün vor blau und blau vor grau – so die Wasserstoff-Farbenlehre aus Sicht der Klimapolitik. Heißt konkret: Wasserstoff, der aus mit Grünstrom betriebenen Elektrolyseuren stammt, sollte fossilen Produktionsverfahren immer vorgezogen werden. Ist aufgrund fehlender Angebotsmengen allerdings noch kein grüner Bezug möglich, haben fossile Produktionsverfahren mit CO2-Abscheidung (blau) Vorfahrt gegenüber solchen ohne CCS bzw. CCU (grau). Damit die Beschaffung von blauem und grauem Wasserstoff jedoch erst gar nicht nötig wird, gilt es sich zügig um eine vorausschauende Importstrategie zu bemühen. Wasserstoffallianzen mit Norwegen, Spanien oder Portugal wären dabei am naheliegendsten, um Wasserstoff in größeren Mengen ins Land zu holen. Aber auch Schottland, Frankreich, Chile und die nordafrikanischen Staaten bieten viel Potenzial. Eines wird dabei immer deutlicher: In der EU hat Deutschland eine Schlüsselrolle als Drehscheibe und Anker für Nachfrage von europäischem Wasserstoff. Somit besteht auch ein gesamteuropäisches Interesse daran, dass der Wasserstoffhochlauf in Deutschland gelingt.
Inländische Produktion weiter beschleunigen
Bleibt noch der Ausbau im eigenen Land. Hier hat die Bundesregierung bereits angekündigt, analog zum Ausbau der Erneuerbaren vorgehen zu wollen. Das hieße, dass Verfahren zur Genehmigung von Elektrolyseuren, Leitungen und Speichern ein überragendes öffentliches Interesse zugesprochen wird und sie damit deutlich schneller abgewickelt werden können. Aus der Sicht vieler Verbände ist das aber noch nicht genug, um die potentielle Nachfrage aus der Industrie rechtzeitig abzudecken. Da eine verspätete Versorgung mit Wasserstoff immer auch entgangene CO2-Einsparungen bedeutet, sollte hier über weitere Hebel zur Beschleunigung nachgedacht werden. Geeignete Maßnahmen könnten eine Ausweitung der Investitionsbeihilfen beim Bau von Elektrolyseuren und mehr Wasserstoff-Ausschreibungen sein. Mit Blick auf den anstehenden Wahlkampf im kommenden Jahr sollten all diese Maßnahmen möglichst schnell angegangen werden. Worst Case abwenden, Business Case ermöglichen – für den Industriestandort Deutschland hängt viel davon ab.