Die vergangenen Jahre haben die Energiepolitik geerdet. Nachhaltigkeit bleibt das Ziel, doch Resilienz ist zur Bedingung geworden. Das Energiesystem der Zukunft muss sauberer, aber auch sicher und bezahlbar sein. Gas erfüllt dabei eine Doppelfunktion: Es stabilisiert die Strompreise und schafft die Flexibilität, die ein wachsender Anteil volatiler Erneuerbarer erfordert.
Moderne Gas-und-Dampf-Kraftwerke (GuD) reagieren binnen Minuten auf Netzschwankungen und können mittelfristig auch mit Wasserstoff betrieben werden. Sie sind der notwendige Puffer in einem System, das immer stärker vom Wetter abhängt. Anders als Kohle- oder Kernkraftwerke können sie binnen Minuten auf Schwankungen im Netz reagieren. Diese Flexibilität wird unverzichtbar, wenn Sonne und Wind den größten Teil der Erzeugung tragen müssen.
Speicher als Versicherung des Energiesystems
Neben der flexiblen Erzeugung wird die Bedeutung von Speichern häufig unterschätzt. Gasspeicher sind mehr als technische Infrastruktur – sie sind ein strategisches Element der Krisenvorsorge. Sie wirken als Puffer gegen Preisschocks und geopolitische Risiken, stabilisieren Gas- und Strompreise und schützen damit sowohl Haushalte als auch Arbeitsplätze. Eine Studie von Frontier Economics beziffert den möglichen volkswirtschaftlichen Schaden unzureichender Füllstände bei kälteren Wintertemperaturen auf bis zu 25 Milliarden Euro.
Das derzeitige Marktsystem setzt hier falsche Anreize: Händler buchen Kapazitäten, füllen sie aber nicht verlässlich. 2022 musste der Staat Milliardenbeträge aufwenden, um Mindestfüllstände zu sichern. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass es anders geht. Dort sorgen Einspeicherpflichten und regulierte Erlösmechanismen für stabile Füllstände und Investitionssicherheit. Ein solches Modell könnte auch in Deutschland die Resilienz erhöhen – heute für Erdgas, künftig für Wasserstoff.
Wasserstoff braucht Pragmatismus
Der Hochlauf des Wasserstoffmarkts verläuft langsamer als geplant. Regulatorische Unsicherheiten und komplexe EU-Vorgaben bremsen Investitionen aus. Wasserstoff wird jedoch entscheidend für die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien sein. Bis dahin braucht es daher eine realistische Übergangsstrategie.
Carbon Contracts for Difference können helfen, Kostenlücken zu schließen und die Nachfrage zu stimulieren. Ebenso wichtig ist Pragmatismus bei der Zertifizierung: Blauer Wasserstoff kann eine Brückenfunktion übernehmen, solange grüne Mengen noch knapp sind. Nur ein technologieoffener, schrittweiser Ansatz schafft Investitionssicherheit und Akzeptanz.
Planbare Energiepreise als Wettbewerbsfaktor
Die Energiekrise hat gezeigt, wie gefährlich Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten sein kann. Deutschland hat reagiert: LNG-Terminals wie in Wilhelmshaven sind in Rekordzeit entstanden, neue Lieferverträge mit Kanada, den USA und Australien stärken die Versorgung. Doch Diversifizierung allein reicht nicht – sie muss auch wirtschaftlich tragfähig sein.
Nach dem Wegfall der russischen Gaslieferungen steht Deutschland vor einem strukturellen Wettbewerbsnachteil: Wir zahlen im internationalen Vergleich die höchsten LNG-Preise. Viele Mengen sind spotmarkt-indiziert und damit stark schwankenden Großmarkt-Preisen ausgesetzt. Langfristige Verträge mit mindestens fünf- bis siebenjähriger Preisbindung könnten hier Abhilfe schaffen: Sie schaffen Planbarkeit für industrielle Verbraucher und Stabilität für Anbieter. So wird Diversifizierung nicht nur zur geopolitischen, sondern auch zur ökonomischen Versicherung der Energiewende.
Ohne Gas keine sichere Energiewende
Erdgas wird länger Teil des Energiesystems bleiben – als Partner der Transformation, nicht als ihr Gegner. Es stabilisiert Preise, sichert Versorgung und schafft die notwendige Flexibilität für den Ausbau der Erneuerbaren. Wer Versorgungssicherheit als nachrangig behandelt, gefährdet nicht nur die Energiewende, sondern auch den Industriestandort. Nur ein System, das Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz ausbalanciert, kann mittel- und langfristig erfolgreich sein.