Vom ersten Code zur KI-Realität

Was wir von Bertha Benz in Sachen Mut lernen können

Ich erinnere mich noch ziemlich genau: Vor 25 Jahren saß ich vor einem Röhrenmonitor, die Hände über einer Tastatur, auf der die Tasten noch herausragten wie kleine Türme aus Plastik. Mein erster selbst geschriebener Code war nichts Spektakuläres: Ein paar Zeilen, die ein kleines Programm zum Laufen brachten. Aber für mich war es ein magischer Moment. Etwas, das vorher nur in meinem Kopf existierte, funktionierte plötzlich auf dem Bildschirm.

Damals war Programmieren für viele noch eine absolute Nische, etwas für Nerds. Seitdem hat sich die Technologie mit enormer Geschwindigkeit entwickelt und ist zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden. Jetzt sind wir an einem neuen Wendepunkt angekommen, der so tiefgreifend ist wie die Erfindung des Automobils: Künstliche Intelligenz bricht sich Bahn in unseren Alltag. Schon heute verändert sie Arbeitsprozesse grundlegend – von automatisierten Analysen über intelligente Assistenzsysteme bis hin zur Neugestaltung ganzer Berufsbilder.

„Bertha-Spirit“ im KI-Zeitalter

KI und ihre rasante Entwicklung sind in meinem Kopf verknüpft mit etwas, was zunächst paradox erscheinen mag: einem Blick in die Vergangenheit, nämlich in die Geschichte von Bertha Benz. Ihr Leben und Handeln sind eine echte Inspiration. Als sie im Sommer 1888 frühmorgens aus Mannheim aufbrach, war das kein spontaner Ausflug. Es war eine Mission. Der Motorwagen ihres Mannes Carl war eine bahnbrechende, weltverändernde Technologie. Doch viele Menschen hielten ihn für eine rätselhafte Spielerei.

Bertha verstand: Die Menschen mussten erleben, dass er funktioniert, dass er alltagstauglich ist und sicher ans Ziel bringt. Also setzte sie sich in aller Frühe ohne Carls Wissen hinter das Steuer, nahm ihre beiden Söhne mit und fuhr los: 106 Kilometer, von Mannheim nach Pforzheim, über staubige Landstraßen, Kopfsteinpflaster und Feldwege. Es gab keine Tankstellen; den Treibstoff kaufte sie unterwegs in einer Apotheke. Als die Benzinleitung verstopfte, reinigte sie sie kurzerhand mit ihrer Hutnadel. Eine aufgescheuerte Zündleitung flickte sie mit ihrem Strumpfband. Bertha Benz bewies ungeheuren Mut und machte mit ihrer Fahrt etwas, das in jeder technologischen Revolution entscheidend ist: Sie übersetzte Vision in erlebte Realität.

Genau diesen „Bertha-Spirit“ brauchen wir heute im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Auch KI ist eine Erfindung, die fasziniert und verunsichert zugleich. Viele sehen die Möglichkeiten, aber ebenso viele zögern: aus Sorge vor Risiken, Kontrollverlust oder schlicht, weil sie den Nutzen noch nicht selbst erleben konnten. Wer wartet, bis jede Frage geklärt und jede Unsicherheit aus dem Weg geräumt ist, wird nie losfahren können. Stattdessen müssen wir mutig sein und die Technologie in den Alltag bringen: ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Fehler korrigieren und die Ergebnisse miteinander teilen. So wie Bertha Benz den Motorwagen aus der Werkstatt auf die Landstraße gebracht hat, müssen wir KI aus der Testphase in den produktiven Einsatz bringen. Entschlossen, mit Verantwortung und dem Mut, unterwegs zu lernen und den Kurs wo nötig zu korrigieren.

KI ist nicht Ersatz, sondern Co-Pilot: eine Technologie, die Menschen befähigt, kreativer und schneller zu arbeiten.

Katrin LehmannCIO, Mercedes-Benz Group AG und Mercedes-Benz AG

Von der Disruption zur souveränen Anwendung

KI ist heute keine ferne Vision mehr, sondern fester Bestandteil unseres Arbeitsalltags. In der Automobilbranche genauso wie in vielen anderen Industrien. Bei Mercedes-Benz haben wir aktuell über 800 Anwendungsfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette identifiziert. Konkrete Beispiele sind eine vereinfachte Nutzung von Daten per Chat in den Werkshallen, KI-gestützte Lackieranlagen in der Produktion und erleichterte Schadenserkennung in den Werkstätten. KI beschleunigt Innovationen, steigert Qualität, macht Prozesse effizienter und entlastet unsere Mitarbeitenden.

Sie ist nicht Ersatz, sondern Co-Pilot: eine Technologie, die Menschen befähigt, kreativer und schneller zu arbeiten. Aber Disruption allein reicht nicht. Die wahre Herausforderung liegt darin, von der ersten Begegnung mit KI zu ihrer breiten, souveränen Anwendung zu kommen. Der Sprung von der Faszination zum sicheren Umgang erfordert Mut, ständige Lernbereitschaft und strukturiertes Handeln. Und die Überzeugung: Technologie allein verändert nichts, Menschen tun es.

Der 3-Klang für erfolgreiche KI-Adaption

1. Tone from the Top: KI ist Chefsache: Unser Management durchläuft „hands-on“ Trainings und wir investieren jede Woche Zeit zum Lernen. In der IT nutzen wir zum Beispiel unsere „DEAL Hour“ (Drop Everything and Learn), in der wir uns jeden Freitag eine Stunde lang einem neuen Thema widmen. Ebenso setzen wir auf Reverse Mentoring: Führungskräfte lernen von KI-Expertinnen und -Experten aus dem eigenen Unternehmen.

2. AI Foundation: Eine durchdachte technische und organisatorische Basis bildet die Grundlage für den erfolgreichen Einsatz von KI. Dazu gehört nicht nur eine moderne Infrastruktur, sondern auch ein beschleunigter Model-Intake-Prozess. Dieser sieht aktuell eine Implementierungszeit für neue KI-Modelle von fünf Wochen bei fünf Tagen Testphase vor. Neben einer sauberen Datengrundlage, die wir durch radikale Standardisierung unserer Daten erreichen, hilft uns eine strikte Priorisierung von Use Cases. Unser Center of Competence AI bewertet und steuert die Use Cases strategisch, sodass wir am Ende die Anwendungsfälle mit dem größten Mehrwert weiterverfolgen.

3. Befähigung und Inspiration: der für mich wichtigste Punkt. KI kann nur so gut sein wie die Menschen, die sie gestalten, trainieren und verantwortungsvoll einsetzen. Deshalb investieren wir nicht nur in Technologie, sondern vor allem in die Fähigkeiten unserer Mitarbeitenden. In einer Welt, die sich in rasantem Tempo verändert, ist lebenslanges Lernen kein Bonus mehr, sondern Grundvoraussetzung. Bereits in diesem Jahr konnten wir die tägliche KI-Nutzungsrate in der Belegschaft verdoppeln. Dieses Momentum werden wir nutzen. Wir wollen, dass KI ein natürlicher Teil jedes Arbeitsplatzes wird, indem die Technologie als Co-Pilot fungiert, während der Mensch am Steuer bleibt.

Wer wartet, bis jede Frage geklärt und jede Unsicherheit aus dem Weg geräumt ist, wird nie losfahren können.

Katrin LehmannCIO, Mercedes-Benz Group AG und Mercedes-Benz AG

Deshalb verfolgen wir einen 360-Grad-Ansatz für die Befähigung unserer Mitarbeitenden, von Grundlagenkursen über praxisnahe Schulungen bis zu Expertentrainings, für technische Nutzende genauso wie für Business User und das Top Management. Da die Technologie so vielschichtig ist, muss das Enablement ebenso umfassend sein. Unsere „GenAI Lernreisen“ etwa geben allen Mitarbeitenden unabhängig von Rolle oder Vorwissen die Möglichkeit, fundiertes Wissen aufzubauen, um sicher mit KI zu arbeiten. Peer-to-Peer-Learning, eine aktive GenAI-Community mit über 13.000 Mitgliedern und Events wie die konzernweite „AI Week“ in diesem Sommer mit über 80 digitalen Lernangeboten bringen das Thema ins Herz des Unternehmens.

Ein Appell weit über Mercedes-Benz hinaus

Wir bei Mercedes-Benz setzen KI dort ein, wo sie echten Mehrwert schafft: für Kundinnen und Kunden, für unsere Teams und für die Gesellschaft. Damit Deutschland und Europa im KI-Zeitalter wettbewerbsfähig bleiben und ihre digitale Souveränität sichern können, brauchen wir mehr als nur Leuchtturmprojekte in einzelnen Unternehmen. Europa muss eine führende Rolle bei der KI-getriebenen Wertschöpfung übernehmen. Und dafür brauchen wir ein starkes, innovationsfreundliches KI-Ökosystem mit klaren Rahmenbedingungen, die Sicherheit geben, ohne den Fortschritt zu bremsen. Europa hat das Potenzial, nicht nur mitzuhalten, sondern Maßstäbe zu setzen bei der Technologie und einem ethischen Umgang mit ihr. Dazu müssen wir Geschwindigkeit mit Verantwortung verbinden. Wir müssen die Chancen ergreifen, bevor sie an uns vorbeiziehen.

Vor 25 Jahren habe ich gelernt, dass ein paar Zeilen Code die Welt verändern können. Zumindest meine eigene. Heute bin ich überzeugt: Mit KI stehen wir vor einer Chance, die vielleicht noch größer ist als die Erfindung des Automobils. Nutzen wir sie.

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