Transformation- M&A im Mittelstand: Strategische Entscheidung oder unvermeidliche Handlung?

In der Volks- und Betriebswirtschaftslehre beschreibt eine Transformation den „Prozess der substanziellen Zustandsänderung vom aktuellen IST-Zustand zu einem angestrebten Ziel“ und steht wohl sinnbildlich für den Status Quo in einer selten dagewesenen Tiefe innerhalb der deutschen Unternehmenslandschaft.

Die Notwendigkeit für Unternehmen, sich kontinuierlich anzupassen und zu verändern, ist wichtiger denn je. Multiple Krisen, technologische Entwicklungen sowie politische Rahmenbedingungen fordern einen Umbruch und einen tiefgreifenden Wandel, um die Wettbewerbs- als auch Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen auch über die nächsten Jahrzehnte hinaus zu gewährleisten.

M&A kann hier, sicherlich neben vielen anderen Werkzeugen, ein Treiber als auch ein Beschleuniger sein, welches sich Unternehmen bedienen können, um das notwendige Zielbild herzustellen.

Von den „großen“ lernen?

Gerade bei großen Konzernen sind derzeit verstärkt Carve-Out als auch Spin-off Aktivitäten als Teil einer Transformationsstrategie zu beobachten. Oft dient eine solche Transaktion dem Hintergrund, Unternehmenseinheiten, die nicht zum Kerngeschäft gehören, oft auch verlustbringende Einheiten, abzuspalten und zu veräußern. Motiviert sind solche Transaktionen häufig von strategischen Fragestellungen, unter anderem die Konzentration auf das Kerngeschäft, priorisierte Wachstumsfelder fokussierter entwickeln zu können oder finanzielle Mittel zu mobilisieren, um sich wieder zukunftsfähig aufzustellen. Transformation M&A ist somit in vielen Konzernstrategien ein fest verankerter Bestandteil.

Gerade mit der COVID-Pandemie, die für den Auftakt einer Reihe von wirtschaftlichen Herausforderungen und Krisen steht, sind Themen wie Refokussierung, als auch Handlungsnotwendigkeiten aufgrund akuter Existenzbedrohung, in den Vordergrund gerückt. Während man in den ersten beiden Quartalen des Jahres 2021 noch eine abwartende Haltung beobachten konnte, sind Desinvestitionen seit dem dritten Quartal des Jahres sprunghaft angestiegen. Haupttreiber hierfür sind im Wesentlichen Konzerne, die damit zügig auf die sich verändernden Rahmenbedingungen reagiert haben.

Entwicklung an Divestments in Deutschland
(Anzahl je Quartal, Q1 2019 – Q4 2023)

 Quelle: MergerMarket (Divestments: Carve-outs, Spin-offs, Sell-offs und Split-offs)

 

Während man hier sicherlich häufig von strategischer Entscheidung sprechen kann, drängt sich die Frage auf, warum nur wenige mittelständische Unternehmen als auch Familienunternehmen dieses Instrument nutzen, um Ihre Transformation zu beschleunigen.

Alles eine Frage der Größe?

Der Mittelstand ist die tragende Säule unserer Wirtschaft und trägt maßgeblich zu unserer Wirtschaftsleistung bei. M&A-Transaktionen gehören mittlerweile ins Reportire vieler Mittelständler, wenn es darum geht, Unternehmen aus dem direkten Wettbewerbsumfeld zu erwerben. Aus unserer Erfahrung lässt sich jedoch oft ein zögerliches Verhalten feststellen, wenn diese selbst in die Situation kommen, sich auf der Verkaufsseite mit M&A zu beschäftigen. Häufig konzentrieren diese sich auf organisches Wachstum und nutzen M&A, wenn sich eine Gelegenheit bietet, sehen dies aber weniger als langfristiges Strategiewerkzeug.

Sicherlich spielt hierbei die Eigentümerstruktur der Unternehmen eine Rolle, bei der im Mittelstand im Regelfall Eigentum, Verantwortung und Kontrolle bei einer oder einem kleinen Kreis an nahestehenden Personen liegt. Entscheidungen, die eine tiefgreifende Auswirkungen auf das eigene Unternehmen haben, werden häufig zurückhaltender getroffen werden, schließlich kann, im Falle eines Scheiterns, das Lebenswerk von Generationen gefährdet werden. Dabei ist die enge Verbindung zu dem eigenen Unternehmen häufig ausgeprägter, was zu einer höheren Emotionalität führt und Veränderungsprozesse hemmt.

Weiterhin trägt die oft personenidentische Ausübung von Verantwortung und Kontrolle dazu bei, dass strategische Fragestellungen durch die Eigentümer selbst getroffen werden und eine weniger ausgeprägte Tendenz besteht, externe Berater hinzuzuziehen, die jedoch oft als Impulsgeber fungieren. Dies führt vermehrt dazu, dass die Auseinandersetzung mit M&A häufig erst dann stattfindet, wenn das Thema unvermeidlich wird, was meistens erst in einer akuten Krisensituation der Fall ist.

Beides verdeutlicht, dass Größe tatsächlich ein entscheidender Faktor zu sein scheint, warum sich weniger mittelständische Unternehmen mit M&A im Bereich Ihrer eigenen Unternehmenstransformation beschäftigen.

Transformation M&A als geeignetes Strategiewerkzeug im deutschen Mittelstand?

Die Nutzung von M&A in der Unternehmenstransformation bietet eine große Bandbreite an Möglichkeiten, vom Erwerb disruptiver, junger Unternehmen zur Stärkung der Zukunftsfähigkeit, über die Veräußerung verlustbringender Unternehmenssparten, bis hin zur Kapitalbeschaffung in einer akuten Krisensituation. Auch wenn nicht alle Transaktionsanlässe gleichermaßen für jedes mittelständische Unternehmen geeignet sind, eröffnet die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema M&A im Rahmen einer Unternehmenstransformation eine Vielzahl an Perspektiven.

Verdeutlichen möchte ich dies anhand eines Beispiels aus unserer Beratungspraxis.

Eine mittelständische, familiengeführte Unternehmensgruppe mit Kerngeschäftstätigkeit im Bereich Anlagenbau steuert auf eine absehbaren Liquiditätskrise zu. Nach erfolgter Beratungstätigkeit einer anerkannten Sanierungsberatung zeichnet sich ab, dass die Krise nicht durch interne Optimierungs- und Sanierungsmaßnahmen abgewandt werden kann. Die externen Marktgegebenheiten lassen eine Verbesserung der finanziellen Performance derzeit kurzfristig nicht in ausreichendem Maße zu. Maßgeblicher Treiber des Liquiditätsverzehrs bildet eine nicht mehr zum Kerngeschäft gehörende Einheit. Der Gesellschafter-Geschäftsführer zeigt eine gewisse Skepsis, sich von der Einheit zu trennen, da der Geschäftsbereich den Gründungskern der Unternehmensgruppe darstellt und in der Vergangenheit auch zur Profitabilität beigetragen hat.

Nach gemeinsamer Diskussion stellt sich allerdings heraus, dass ein Verkauf der Geschäftssparte die einzig vielversprechende Möglichkeit zu sein scheint, den Liquiditätsengpass und die damit einhergehende, drohende Insolvenz noch abzuwenden. Trotz eines ambitionierten Zeitfensters konnte der Geschäftsbereich erfolgreich positioniert werden und wurde von einem lokalen, strategischen Erwerber übernommen. Die Unternehmensgruppe konnte Ihre Restrukturierung fortsetzen und die Insolvenz, die konkret im Raum stand, wurde abgewendet.

Dieses Beispiel zeigt auf, dass M&A, als Teil einer Transformationsstrategie, ein geeignetes Mittel für den deutschen Mittelstand ist, welches auch komplementär zu weiteren Maßnahmen angewandt werden kann. Ebenfalls, dass eine frühe Implementierung in die allgemeine Unternehmensstrategie ratsam ist, denn die Erfolgsaussichten einer wohlüberlegten, strategischen Entscheidung fallen deutlich höher aus, als wenn im letzten Moment ein M&A-Prozess angestoßen wird, der unausweichlich ist. Daher – Transformation M&A ist oftmals zeitkritisch, eine frühe Auseinandersetzung mit dem Thema in einer transformativen Unternehmensphase zahlt sich aus.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass Transformation-M&A mit Nichten ein Werkzeug ist, welches nur großen Konzernen vorbehalten ist. M&A bietet Unternehmen jeder Größe effektive Strategien, um Wert zu schaffen, Werte wiederherzustellen oder das Wachstum voranzutreiben, wenn sie als Werkzeug im Rahmen der Transformationsstrategie sorgfältig geplant und umgesetzt werden.