Strom für die KI-Ära: Warum Europa schneller bauen muss

Interview mit Pascal Daleiden

Visualisierung der Transformatoren-Fabrik in Bad Honnef nach der Erweiterung.

Herr Daleiden, künstliche Intelligenz wird immer leistungsfähiger – aber auch immer stromhungriger. Wie groß ist die Herausforderung wirklich?

Die Dimension ist enorm. Die Rechenkapazität für KI wächst exponentiell, und der zusätzliche Strombedarf kommt zu dem hinzu, was wir ohnehin schon durch Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und Gebäuden benötigen. Unsere Analysen zeigen: Der weltweite Stromverbrauch könnte sich bis 2050 mehr als verdoppeln. Strom wird zum zentralen Produktionsfaktor der digitalen Welt. Die gute Nachricht ist: Wir haben erprobte Technologien, um diesen Bedarf zu decken – aber wir müssen schneller werden.

Was bedeutet das für die Energieinfrastruktur in Europa?

Europa muss Erzeugung und Netz viel stärker zusammen denken. Windkraft aus der Nordsee, Solarstrom aus dem Süden und Wasserkraft aus Skandinavien sind da, aber sie erreichen die Verbraucher nicht in ausreichender Menge. Ohne einen massiven Ausbau der Übertragungsnetze bleiben erneuerbare Energien ungenutzt. Genau deshalb setzen wir als Hitachi Energy auf Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-(HGÜ)-Verbindungen, die Strom verlustarm über sehr große Entfernungen transportieren.

Hitachi Energy gilt als Erfinder der HGÜ-Technologie. Welche Rolle spielt sie heute?

Eine zentrale: Die erste kommerzielle HGÜ haben wir 1954 realisiert – also vor mehr als 70 Jahren. Seitdem hat sich viel verändert, doch das Grundprinzip bleibt: Mit HGÜ lassen sich große Mengen erneuerbaren Stroms effizient transportieren, etwa zwischen Offshore-Windparks und Verbrauchszentren im Süden. Europa plant gerade so viele HGÜ-Projekte wie nie zuvor. Ob NordLink, SuedLink oder künftige Nordsee-Projekte: Ohne HGÜ wäre die Energiewende technisch nicht machbar.

Sie erwähnen den strategischen Vorteil von Hitachi Energy bei Halbleitern. Was meinen Sie damit?

Viele Menschen denken bei Halbleitern sofort an Consumer-Elektronik. In der Energietechnik sind sie aber genauso entscheidend. Wir produzieren unsere Leistungshalbleiter – das Herzstück moderner HGÜ-Konverter und STATCOM-Systeme – selbst und in Europa. Das heißt: Die Weiterentwicklung der Halbleiter und der darauf basierenden Anwendungen kommt bei uns aus einer Hand. Das ist ein strategischer Vorteil, weil wir nicht nur Module zusammenbauen, sondern die Technologie vollständig beherrschen.

Wo sehen Sie im Netz die größten Engpässe?

Der Netzausbau hinkt der Erzeugung hinterher. Gleichzeitig führt das heutige Windhundprinzip bei Netzanschlüssen zu Situationen, in denen Projekte zwar realisiert werden könnten – aber keinen Anschluss bekommen. Wir brauchen eine Priorisierung, die volkswirtschaftlichen Nutzen, Systemsicherheit, Versorgungssicherheit und KI-Rechenzentren berücksichtigt. Denn KI-Standorte entstehen nur dort, wo zuverlässig Strom verfügbar ist.

Speicher gelten als zweites Nadelöhr. Welche Lösungen sehen Sie?

Wir brauchen ein Zusammenspiel verschiedener Speichertechnologien. Kurzzeitspeicher stabilisieren Sekunden bis Minuten, Langzeitspeicher gleichen saisonale Schwankungen aus. Besonders spannend sind hybride Lösungen wie unsere „Enhanced STATCOMs“, die Netzstabilität und Speicherleistung kombinieren. Diese Anlagen helfen, Frequenz und Spannung stabil zu halten – etwas, das früher große Kraftwerke übernommen haben.

Was bedeutet die steigende Komplexität für Netzbetreiber?

Moderne Netze bestehen aus Millionen Messpunkten. Mithilfe digitaler Plattformen und künftig zunehmend auch KI können wir diese Daten nutzen, um Engpässe vorherzusagen und Netze resilienter zu machen. KI wird Netze nicht autonom betreiben, aber sie wird sie besser machen: präziser, schneller und stabiler.

Hitachi Energy investiert derzeit viel in Europa. Warum?

Zum einen der Bedarf: Europa muss Schlüsseltechnologien auf dem Kontinent halten. Zum anderen ein klares Bekenntnis zu unseren Standorten. Wir investieren weltweit sechs Milliarden Dollar bis 2027 – auch in Deutschland, zum Beispiel in unser Transformatorenwerk in Bad Honnef. Europa braucht industrielle Stärke in der Energietechnik, und es ist unser Ziel, unseren Teil dazu beizutragen.

Sie sprechen häufig über Fachkräftemangel. Wie groß ist diese Herausforderung für Hitachi Energy?

Es ist eines der zentralen Themen unserer Branche. Wir allein haben allein in Deutschland mehr als 150 offene Stellen. Die gute Nachricht: Ein großer Teil der jungen Generation sucht nach Berufen, die Sinn stiften – Energiewende, Klimaschutz, Technologie. Digitalisierung beginnt mit Energie – das müssen wir jungen Menschen vermitteln. Wer bei Hitachi Energy arbeitet, gestaltet die Zukunft.

Zum Abschluss: Welche Rolle spielt der Austausch mit Politik und Wirtschaft?

Der Dialog zwischen den Akteuren ist wichtiger denn je. Aus diesem Grund unterstützen wir auch den kommenden Handelsblatt Energie-Gipfel als Partner. Wir brauchen einen offenen Austausch darüber, wie wir den Netzausbau beschleunigen, KI-Standorte ermöglichen und die Infrastruktur robuster machen. Die Technologie ist da, die Unternehmen investieren. Jetzt geht es um Geschwindigkeit und Prioritäten.

Weitere Informationen unter: http://www.hitachienergy.com/de/de

Europa braucht industrielle Stärke in der Energietechnik und es ist unser Ziel als Hitachi Energy, unseren Teil dazu beizutragen.

Pascal Daleiden Vorstandsvorsitzender, Hitachi Energy Germany