Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG von April 2026
Strukturelle und personelle Anpassungen sind leider unausweichlich. Klassische Personalinstrumente wie Stellen- oder Arbeitszeitreduzierungen greifen dabei als alleinige Maßnahmen zu kurz. Zwar lösen sie Kostenprobleme, können aber mittel- bis langfristig zum Verlust von Kompetenzen führen und kulturelle Herausforderungen mit sich bringen. Bei Bosch wollen wir den Umbau proaktiv und möglichst sozialverträglich gestalten. Dazu setzen wir auch auf innovative Instrumente wie die Personaldrehscheibe.
Von der Reaktion zur Aktion: Menschen gezielt in die Zukunft führen
Im Kern begleitet die Personaldrehscheibe Menschen von Arbeit in Arbeit. Mit ihr agieren wir vorausschauend und ganzheitlich. Wir steuern den Personalumbau zentral, indem wir betroffene Mitarbeitende bei ihrer beruflichen Neuorientierung aktiv unterstützen. Der Arbeitsvertrag bleibt für die Zeit in der Personaldrehscheibe bestehen, während die Teilnehmenden ihre Zukunft aktiv mitgestalten. Die Personalverantwortung verbleibt bei der bisherigen Führungskraft oder wird durch den Arbeitgeber auf die Leitung der Personaldrehscheibe übertragen.
Mit diesem holistischen Ansatz verfolgt Bosch das Ziel, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden und Mitarbeitende in neue Beschäftigungsverhältnisse zu begleiten – intern und extern. Dies fördert einen positiven Umgang mit Veränderungen und trägt dazu bei, Knowhow zu sichern.
Die praktische Umsetzung: Begleiten, Qualifizieren, Vermitteln
Die Personaldrehscheibe steht auf drei wesentlichen Säulen.
1. Begleiten – unterstützen bei der Neuorientierung: Zertifizierte Job Coaches beraten die Teilnehmenden – sei es bei einem Wechsel innerhalb der Bosch- Gruppe, einem externen Wechsel oder dem Schritt in die Selbstständigkeit. Zusätzlich werden Führungskräfte gezielt geschult, um die Neuorientierung für alle Seiten konstruktiv und wertschätzend zu gestalten. Die Erfolge können wir messen: Bei Bosch liegt die Vermittlungsquote bei Teilnehmenden bei rund 80 Prozent. Etwa ein Drittel davon haben wir intern vermittelt, zwei Drittel verfolgen ihren beruflichen Weg außerhalb des Unternehmens weiter.
2. Qualifizieren – die entscheidende Brücke: Die zweite Säule ist die Qualifizierung. Re- und Upskilling- Programme erhöhen die Vermittlungschancen auf dem internen wie externen Arbeitsmarkt signifikant. Bei Bosch unterstützen wir 85 Prozent der Teilnehmenden mit identifiziertem Qualifizierungsbedarf mit individuell vereinbarten Programmen.
3. Vermitteln – intern wie extern: Gestartet wird mit einem mehrwöchigen Orientierungsprogramm. Die Mitarbeitenden werden individuell beraten, um Stärken sowie mögliche Zielpositionen herauszuarbeiten. Die interne Vermittlung mobilisiert sie in Zukunftsbereiche, und die externe Vermittlung sorgt durch Kooperationen mit Partnerfirmen und der Bundesagentur für Arbeit für leicht zugängliche Karrierechancen. Zudem laden wir Recruiter zu internen Jobmessen ein, um unsere Mitarbeitenden mit potenziellen neuen Arbeitgebern in Kontakt zu bringen.
Erfolgsfaktor Partnerschaft: Warum Wandel nur miteinander gelingt
Ein Instrument wie die Personaldrehscheibe zu implementieren, bedarf einer strategischen Allianz aus Unternehmensleitung, Führungskräften, Personalbereich und Sozialpartnern. Hier gibt es drei entscheidende Erfolgsfaktoren: Erstens das uneingeschränkte Engagement der Unternehmensleitung. Sie muss dazu bereit sein, in Menschen und ihre Zukunft zu investieren. Zweitens die konstruktive Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern, die oft in einer „lernenden“ Betriebsvereinbarung verankert wird. Und drittens eine transparente Kommunikation über die gesamte Laufzeit. Gelingt dieser Dreiklang, wird die Personaldrehscheibe zu einem kraftvollen Motor für den Strukturwandel. Dann vollziehen wir den entscheidenden Schritt: von reiner Sozialverträglichkeit zu gelebter Sozialverantwortung. Natürlich braucht ein solches Instrument vor allem auch einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt, um seine volle Kraft zu entfalten. Umso entscheidender ist es, dass Unternehmen, Politik und Gesellschaft konsequent in Bildung und Qualifizierung für den Standort Deutschland investieren. So sichern wir langfristig Beschäftigung und Innovationen im Land.