Noch in den Neunzigerjahren wurde angenommen, dass das Stromnetz nicht mehr als einen Anteil von 2 % erneuerbarer Energien bewältigen könnte. Vergangenes Jahr lieferten Erneuerbare in Deutschland bereits 60 % der Nettostromproduktion. Und eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien könnte ebenfalls möglich sein, wenn der aktuelle Kurs konsequent fortgesetzt wird.
Die neu entfachten Grundsatzdiskussionen über unsere Energiezukunft schaffen jedoch Unsicherheit in der Wirtschaft. Sie hemmen das Investitionsklima und gefährden den objektiven Blick auf die Situation. Auch wenn es Bedarf an Veränderungen gibt – dies darf keinen Rückschritt bedeuten. Denn der dringend notwendige Ausbau der Energieinfrastruktur, der in den vergangenen Jahren spürbar an Fahrt aufgenommen hat, läuft Gefahr, dadurch ausgebremst zu werden.
Die deutschen Netzbetreiber stehen bereit, über 500 Milliarden Euro in die Energieinfrastruktur zu investieren. Das ist das wohl größte Investitionsprogramm für Deutschland seit der Nachkriegszeit. Dafür muss aber nicht nur ein klarer politischer Kurs für das Land gesetzt, sondern vor allem auch gehalten werden. Mit Entscheidungen, die über Legislaturperioden hinweg verlässlich sind.
Fünf Handlungsfelder
Wenn wir den Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig sichern wollen, dann geht das nur mit verlässlicher und günstiger Energie. Dazu sollte eine neue Bundesregierung umgehend nach der Wahl fünf zentrale Handlungsfelder anpacken. Erstens: Wir müssen moderne, steuerbare Kraftwerke bauen, um Versorgungslücken wie bei der jüngsten Dunkelflaute zu schließen und veraltete Kraftwerksreserven zu ersetzen. Zweitens muss der Netzausbau weiter beschleunigt werden. Die Genehmigungen für wichtige Projekte werden aktuell durch politische Verzögerungen ausgebremst – was viel Geld kostet und den Ausbau um Jahre zurückwerfen könnte.
Drittens gilt es, die Energiewende effizienter zu gestalten. Statt nur auf installierte Kapazitäten zu setzen, sollten tatsächliche Energieerträge im Mittelpunkt stehen. Eine bessere Flächennutzung bei Offshore-Windparks und der Verzicht auf den Erdkabelvorrang könnten Milliarden einsparen, ohne die Akzeptanz oder Versorgungssicherheit zu gefährden. Viertens müssen die Kosten fairer verteilt werden: Es ist an der Zeit, Stromerzeuger stärker an den Netzkosten zu beteiligen, um Verbraucher zu entlasten und systemdienliches Verhalten anzureizen.
Abschließend muss Deutschland für Investoren attraktiver werden. Nur durch international wettbewerbsfähige Renditen für Investitionen können die nötigen privaten Mittel mobilisiert und unsere Infrastruktur zukunftsfähig gestaltet werden.
Verlässliche Weichenstellung
Jeder Kilometer neue Stromleitung und jede verlässliche politische Entscheidung bringen Deutschland seinem Ziel einer sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Energieversorgung näher.
Allein TenneT Germany plant mehr als 4.000 Kilometer neue Stromleitungen. Dazu kommen noch 2.500 Kilometer in der Pipeline, die der Gesetzgeber noch bestätigen muss.
Damit dieses ambitionierte Ziel erreicht werden kann, braucht es jetzt eine nachhaltige politische Weichenstellung. Nur so können wir den „Krisenmodus“ verlassen, wie es sich der Energiegipfel 2025 zum Thema gemacht hat.