Dabei hat sich der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge an der Produktion von 2 Prozent im Jahr 2019 auf 23 Prozent im Jahr 2024 erhöht, in diesem Jahr werden hierzulande etwa 1,3 Mio. E-Pkw produziert. Der Standort Deutschland ist damit Vorreiter in der Herstellung von Elektro-Pkw, liegt weltweit sogar auf dem 2. Platz. Mit der Transformation der Automobilindustrie in Deutschland wandeln sich auch die Berufe der Menschen, die für sie arbeiten. Manche Berufe sind heute weniger relevant als noch vor einigen Jahren und werden in Zukunft weiter an Relevanz verlieren. Andere Berufe werden hingegen deutlich an Relevanz gewinnen. Was in den vergangenen Jahren konkret passiert ist und welche Entwicklungen für die Zukunft zu erwarten sind, hat der VDA durch das Forschungsinstitut Prognos untersuchen lassen. Hier zeigte sich: Überproportionale Jobverluste gab es bei den bisherigen Top-Jobs der Branche. Von den 10 größten Berufsgruppen in der Automobilindustrie zählen 7 zu denen mit den größten Jobverlusten seit 2019. Besonders Berufe in Maschinenbau- und Betriebstechnik sowie in der Metallbearbeitung haben an Relevanz verloren. Zuwächse gab es hingegen beispielsweise in der Informatik, der Elektrotechnik und der Softwareentwicklung. So ist zum Beispiel die Beschäftigung in IT-Berufen in der Automobilindustrie seit 2019 um etwa ein Viertel gestiegen, seit 2013 sogar um 85 Prozent.
Transformation in vollem Gange
Die Transformation ist längst nicht abgeschlossen, sondern – im Gegenteil – in vollem Gange. Das gilt sowohl mit Blick auf die Beschäftigungsentwicklung allgemein als auch die Entwicklung in einzelnen Berufsgruppen. Die Betrachtung der einzelnen Berufsgruppen verdeutlicht die unterschiedlichen Effekte der demografischen Entwicklung. Wie in der Gesamtwirtschaft geht auch in der Automobilindustrie etwa ein Viertel der Beschäftigten in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Während dies in einigen Berufsgruppen dazu führen kann, anstehende Veränderungen abzufedern, drohen in anderen Berufsfeldern erhebliche Engpässe, vor allem in der Elektrotechnik, Energietechnik und der IT. Problematisch aus Sicht der Fachkräftesicherung sind Berufe, bei denen die Bedeutung in Zukunft steigt, aber das Angebot an Arbeitskräften sinkt. Das sind Berufe in den Bereichen Maschinenbau und Betriebstechnik, Kunststoff- und Kautschukherstellung oder in der IT. Hier dürfte sich der Fachkräftemangel in Zukunft noch weiter verschärfen. In einigen Berufen mit steigender Relevanz bestehen bereits heute Engpässe. Es zeigt sich außerdem, dass das Wachstum in anderen Bereichen, in denen eine Steigerung zu erwarten gewesen wäre, ausbleibt. Das gilt zum Beispiel für Berufe in der Kunststoff- und Kautschukherstellung. Es darf angenommen werden, dass dies mit den hohen Energiepreisen in Deutschland zusammenhängt, die Kunststoffverarbeitung zählt zu den energieintensiven Wirtschaftszweigen. In anderen Berufen sinkt sowohl die Bedeutung des Berufs als auch das Angebot. Das bedeutet, dass ein Teil des Personalabbaus möglicherweise durch Verrentungen erfolgen kann. Dies betrifft vor allem die Berufe wie Metallbau und Schweißtechnik oder Metallbearbeitung.
In einigen Berufen, deren Bedeutung steigt, wird auch ein Anstieg des Angebots von Arbeitskräften erwartet. Aufgrund der günstigen Altersstruktur der in diesen Berufsgruppen beschäftigten Personen erreichen bis zum Jahr 2035 nur wenige das Renteneintrittsalter, gleichzeitig treten neue Nachwuchskräfte in den Arbeitsmarkt ein. Das betrifft Berufe in der Informatik-, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe. In weiteren Berufen wird durch deren sinkende Bedeutung und ein gleichzeitig steigendes Angebot ein Überangebot an Arbeitskräften entstehen. Abgesehen von der Technischen Forschung und Entwicklung sind davon insbesondere Berufe betroffen, die eher indirekt die Produktion betreffen und stattdessen die betriebswirtschaftliche Steuerung und Verwaltung der Unternehmen umfassen.
Aktueller Trend: Transformation könnte etwa 190.000 Jobs bis 2035 kosten
Im Ergebnis zeigt sich ein vielschichtiges Bild mit variierenden Entwicklungen je betrachtetem Beruf. Die bestehenden Herausforderungen sind daher komplex: Es geht nicht nur darum, dass Beschäftigung in der Automobilindustrie verloren geht, sondern auch darum, für relevanter werdende Beschäftigungsfelder Fachkräfte zu gewinnen. Dies geschieht u.a. auch durch Umschulungs- und Weiterbildungsangebote in den Unternehmen selbst. Diese helfen, Beschäftigungseffekte zu dämpfen. Wir erwarten, dass in der Branche große Anpassungen innerhalb der Belegschaften stattfinden und sich die Schwerpunkte verschieben. Es ist deutlich zu sehen, dass viel Neues entsteht: Dem Rückgang der Beschäftigung seit
2019 von 75.000 Beschäftigten steht ein Zuwachs von 29.000 in anderen Bereichen gegenüber. Den größten Rückgang gab es mit einem Minus von 8.900 Personen (-16 Prozent) bei Berufen in der Metallbearbeitung, die zum ganz überwiegenden Teil in der Zuliefererindustrie angesiedelt sind. Das größte Plus gab es mit 10.700 Personen (+14 Prozent) in Berufen der Kraftfahrzeugtechnik, die sich vor allem bei den Herstellern befinden.
Gleichwohl gilt, dass der Saldo der Beschäftigung negativ ist und sich wohl weiter negativ entwickeln wird: Setzt sich der zwischen den Jahren 2019 und 2023 eingesetzte Trend fort, so läge die Beschäftigung in der
Automobilindustrie in Deutschland im Jahr 2035 um 186.000 Personen niedriger als im Jahr 2019, in dem nur wenige rein batterieelektrische Fahrzeuge gefertigt wurden. Hauptursache sind hier Transformationseffekte durch die Umstellung auf alternative Antriebe. 46.000 Arbeitsplätze – also etwa ein Viertel davon – sind in den Jahren 2019 bis 2023 bereits weggefallen, rund 140.000 weitere werden voraussichtlich bis zum Jahr 2035 entfallen. Die geringere Beschäftigung ist damit zuallererst nicht Ausdruck einer Krise, sondern ein Teil der Transformation.
Standortpolitik muss Umwälzungen begleiten
Mit Blick auf das tatsächliche Ausmaß des Beschäftigungsrückgangs besteht allerdings hohe Unsicherheit, denn zum einen kann der in einigen Bereichen bestehende oder sich bereits abzeichnende Fachkräftemangel das Wachstum von in Zukunft relevanter werdenden Bereichen dämpfen. Zum anderen können insbesondere die politischen Rahmenbedingungen den Trend gleichsam verstärken wie mildern. Denn sie entscheiden darüber, ob die Zukunftsinvestitionen am Standort Deutschland stattfinden, ob also Arbeitsplätze, die neu entstehen, hierzulande entstehen können oder ob diese woanders entstehen. Es braucht deshalb wieder einen wettbewerbsfähigen Standort, damit möglichst viel Wertschöpfung und Beschäftigung hierzulande bleibt. Positive Standortsignale sind jetzt entscheidend, um zu zeigen, dass hier nicht nur die perfekte Vergangenheit war, sondern auch Neues entstehen kann. Wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger erdrückende Bürokratie, schnelle Planungs- und Genehmigungsverfahren, ein wettbewerbsfähiges Steuer- und Abgabensystem, mehr Freihandelsabkommen – der politische und drängende Handlungsbedarf ist klar. Die Bundesregierung muss vom Reden ins Handeln kommen.
Eine gute Standortpolitik ist umso wichtiger, als dass die Prognos-Studie verdeutlicht hat, dass die deutsche Automobilindustrie bereits mitten im Wandel steckt und ein Teil der Transformationseffekte auf die Beschäftigung bereits bewältigt ist, ein Großteil der Herausforderungen in Bezug auf den Standort aber erst noch bevorstehen. ■
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