Frage 1: Herr Schönenberger, wo stehen wir bei der Nachhaltigen Transformation im Energie- und Immobiliensektor?
Wir sind mittendrin, und stehen doch am Anfang. Mittendrin deswegen, weil wir gerade in jüngerer Vergangenheit an vielen Stellen gute Fortschritte in der Transformation erzielt haben. Etwa was den Ausbau der erneuerbaren Energien angeht. So stammte im vergangenen Jahr erstmals mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Gleichzeitig war die Stromversorgung in der Fläche stets gewährleistet. Auch der Netzausbau nimmt Fahrt auf: 2023 gingen doppelt so viele Trassenkilometer in den Bau wie 2021 und im laufenden Jahr könnte sich die Zahl erneut verdoppeln.
Auf der anderen Seite sind wir in vielen Bereichen nach wie vor zu langsam: etwa beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft oder bei der Transformation des Immobilienbestands. Zum Beispiel ist nur etwa jedes zwanzigste installierte Heizsystem in deutschen Wohngebäuden eine Wärmepumpe. Selbst bei den Neuinstallationen blieb die Nachfrage zuletzt gering. Im europäischen Vergleich sind wir damit ein Schlusslicht, insbesondere gegenüber den skandinavischen Ländern.
Frage 2: Was muss geschehen, um den Prozess weiter zu beschleunigen?
Wir müssen aktuell und in den nächsten Jahren gewaltige Summen in die Nachhaltige Transformation von Energiesektor und Immobilien investieren. Und bei Investitionen im Rahmen eines grundlegenden Umbruchs lässt sich nicht immer im Vorhinein genau sagen, ob und wie stark sie sich auszahlen. Das liegt in der Natur der Sache und damit müssen und können Unternehmen umgehen. Umso wichtiger ist es also, dass die übrigen Rahmenbedingungen verlässlich sind – Stichwort Regulierung – und, dass wir keine zusätzlichen unnötigen Hürden aufbauen – Stichwort Bürokratie. Aktionen, wie das Hin und Her beim Heizungsgesetz oder der überraschende Ausfall bei der KfW-Förderung „Klimafreundlicher Neubau“ zum Ende vergangenen Jahres setzen fatale Signale.
Regulatorische Rahmenbedingungen und das Marktdesign müssen also so gesetzt werden, dass das private Kapital dorthin fließt, wo es am wirksamsten zur Erreichung der Klimaschutzziele beitragen kann. Das ist heute in vielen Bereichen leider nicht der Fall. Beispielsweise gibt es viele innovative Möglichkeiten, die energetische Gebäudesanierung im Bestand durch serielle und industrielle Konzepte zu beschleunigen. Ein Ansatz der mangels ausreichender Innovationsforschung und staatlicher Förderung kaum zum Tragen kommt. Damit werden wichtige Potenziale verschenkt – im Übrigen nicht nur für das Klima, sondern auch mit Blick auf Fachkräfte, Kosten, Bauzeiten und Planbarkeit.
Frage 3: Immobilien und Energieinfrastruktur gemeinsam denken ist das Motto der Veranstaltung – warum ist das aus Ihrer Sicht so wichtig?
Die Transformation in beiden Sektoren bedingt sich gegenseitig: Wenn wir Immobilien „grün“ bekommen wollen, wird das flächendeckend nur über eine grundlegende „Vergrünung“ der Energieversorgung funktionieren. So hängt etwa die CO2-Bilanz einer Wärmepumpe ganz wesentlich vom Strommix ab. Diese „Vergrünung“ kann wiederrum auch stark durch den Gebäudesektor selbst bewerkstelligt werden, etwa durch die noch intensivere Nutzung von Dachflächen für Photovoltaik. Dafür wiederum müssen die Netze entsprechend ausgerichtet sein. Und grundsätzlich müssen wir in einer Welt der Erneuerbaren Energien, Verbrauch und Energieangebot besser aufeinander abstimmen – was nur „smart“ funktionieren kann, also mit Hilfe von IT- und zukünftig immer mehr KI-gestützter Steuerung. Die Verschränkungen sind mannigfaltig. Und deshalb müssen wir beide Themen zusammendenken. Wir bei der LBBW machen das schon seit langem. Aber wir alle können auch hier sicher noch besser werden. Deshalb freue ich mich sehr auf die Veranstaltung.
Frage 4: Was wäre aus Ihrer Sicht eine wesentliche Sache, die sich ändern muss?
Es gibt viel zu tun: Das Thema Regulierung habe ich erwähnt. Auch bei den Berichtspflichten im Nachhaltigkeitsbereich ist das Rad, nicht nur nach meiner Auffassung, an vielen Stellen überdreht. Künftig etwa greifen die neuen Berichtspflichten nach CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) – mit mehr als 2000 neuen Erhebungspunkten, enormen Einführungskosten und teils auch sehr hohen dauerhaften Mehraufwendungen, etwa durch Personal, welches man extra für die Bewältigung des Bürokratieaufwands einstellen muss. Das sind Ressourcen, die an anderen Stellen fehlen. Hier brauchen wir eine neue Balance zwischen notwendigem Reporting und Flexibilität. Was ich mir aber unabhängig von diesen Themen wünsche ist, dass wir das Thema mit dem richtigen Mindset angehen. Bei der LBBW haben wir derzeit eine Kampagne, die unter dem Motto „Nur Mut“ steht. Ich finde das bringt es ganz gut auf den Punkt: Mut zur Klarheit. Mut zur Debatte. Und vor allem: Mut zum Handeln. Das gilt im Übrigen für Politik und Verwaltung, Unternehmen und Finanzierer gleichermaßen.