Sanierung unter Extrembedingungen

Es begann mit einem Anruf an einem späten Freitagabend. Der Geschäftsführer eines mittelständischen Zulieferers klang gefasst, fast ruhig – und doch lag in seiner Stimme eine Dringlichkeit, die keinen Aufschub duldete. „Wir haben noch drei Wochen Liquidität“, sagte er. „Die Aufträge sind da.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG von April 2026

Aber die Bank zögert, Investoren sind abgesprungen. Was jetzt?“ Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Geschichte vermutlich anders ausgegangen. Heute steht sie exemplarisch für eine neue Realität: Sanierung unter Extrembedingungen.

Druck aus allen Richtungen

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich spürbar verschärft. Hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten, fragile Lieferketten und eine schwächelnde Konjunktur ergeben eine Gemengelage, die selbst robuste Geschäftsmodelle unter Druck setzt. In diesem Umfeld geraten Unternehmen schneller in Schieflage – und gleichzeitig wird es schwieriger, sie wieder zu stabilisieren. Die Suche nach frischem Kapital gleicht zunehmend einem Hürdenlauf mit ungewissem Ausgang.

Der „Investorenstreik“

In der Branche macht ein Begriff die Runde: „Investorenstreik“. Gemeint ist keine völlige Abwesenheit von Kapital, sondern eine deutlich gewachsene Zurückhaltung. Investoren prüfen kritischer, verhandeln härter und steigen im Zweifel später oder gar nicht ein. Das überrascht nicht. Denn selbst wirtschaftlich stabile Unternehmen kämpfen mit sinkenden Margen, unsicheren Absatzmärkten und steigenden Finanzierungskosten. Wer Kapital bereitstellt, wägt Risiken heute deutlich genauer ab als noch vor wenigen Jahren.

Banken werden vorsichtiger

Auch Banken agieren zurückhaltender. Kreditentscheidungen werden intensiver geprüft, Covenants enger gefasst, Sicherheiten werden stärker unter die Lupe genommen. Regulatorische Vorgaben und interne Risikosteuerung zwingen die Institute dazu, potenzielle Krisenentwicklungen frühzeitig einzupreisen. Hinzu kommen externe Faktoren: So hat das Institut der Wirtschaftsprüfer darauf hingewiesen, dass geopolitische Ereignisse nach dem 31. Dezember 2025 stärker in der finanziellen und nichtfinanziellen Berichterstattung berücksichtigt werden müssen. Solche Hinweise schärfen den Blick für Risiken zusätzlich.

Distressed M&A passt sich an

Auch im M&A-Geschehen ist die angespannte Lage deutlich spürbar. Die Aktivität im Bereich notleidender Unternehmen zieht an. Distressed M&A gewinnt an Bedeutung. Doch die Unsicherheit bleibt hoch: Kaufpreise sind schwer zu bestimmen, Finanzierungszusagen stehen unter Vorbehalt, Prozesse ziehen sich. Für Berater hat das unmittelbare Folgen. Da Erfolgshonorare unsicherer werden, gewinnen feste Vergütungsbestandteile – etwa Retainer – an Gewicht.

Wenig Zeit, weniger Optionen

Für Unternehmen in der Krise entsteht daraus ein doppelter Druck. Einerseits bleibt kaum Zeit für die Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen. Liquiditätsengpässe dulden keinen Aufschub, operative Maßnahmen müssen schnell greifen. Andererseits schrumpfen die verfügbaren Finanzierungsoptionen. Kreditlinien werden nicht verlängert, neue Investoren lassen auf sich warten oder stellen hohe Anforderungen.

Wenn der Spielraum schwindet

Die Folge ist eine gefährliche Dynamik: Wer ohne ausreichenden finanziellen Puffer und ohne frühzeitige Vorbereitung in eine Liquiditätskrise gerät, verliert rasch an Handlungsspielraum. Selbst Unternehmen mit tragfähigem Geschäftsmodell und guten Perspektiven können dann in eine Abwärtsspirale geraten. In stabileren Zeiten wären sie attraktive Übernahmekandidaten oder Sanierungsfälle mit klarer Perspektive gewesen. Heute droht ihnen im schlimmsten Fall das Aus, bevor sich überhaupt eine Lösung abzeichnet.

Vorsorge wird zur Pflicht

Die Lehre aus dieser Entwicklung ist ebenso klar wie unbequem: Krisenprävention wird immer wichtiger. Frühzeitige Transparenz über die eigene Finanzlage, belastbare Szenarioanalysen und der Aufbau von Finanzierungsspielräumen sind keine Kür mehr, sondern Voraussetzung. Ebenso entscheidend ist eine offene, realistische Kommunikation mit Kapitalgebern und anderen Stakeholdern – und die Bereitschaft, auch unkonventionelle Wege zu prüfen.

Der Anruf vom Freitagabend endete übrigens nicht mit einer schnellen Lösung. Er führte jedoch zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme und zu Entscheidungen, die sonst vielleicht noch aufgeschoben worden wären. In Zeiten wie diesen entscheidet nicht nur die Qualität des Geschäftsmodells über das Überleben eines Unternehmens – sondern vor allem die Geschwindigkeit und Konsequenz, mit der gehandelt wird.

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Die Suche nach frischem Kapital gleicht zunehmend einem Hürdenlauf mit ungewissem Ausgang.

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