Die Koordinaten in der Restrukturierung verschieben sich: Der konventionelle Ansatz von Kostensenkung und finanzieller Sanierung greift zu kurz, denn in vielen Branchen stehen Unternehmen vor tiefgreifenden strukturellen Veränderungen in einem hochkomplexen Umfeld. Effizienz allein ist eine unzureichende Antwort auf die zugrunde liegende transformative Dynamik einzelner Branchen: Krisenmanagement heißt heute, die Themen E-Mobilität, Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie strategisch zu meistern und gleichzeitig angemessene Antworten auf Energie-, Zins-, Lieferketten- und Geokrisen zu finden. Wer am Status quo festhält, verliert.
Neues Mindset, neue Orientierung
Gleichzeitig bleibt die Lage der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ernüchternd: Die Weltwirtschaft verharrt auf einem historisch niedrigen Niveau von rund drei Prozent Wirtschaftswachstum – von 2000 bis 2019 lag der Jahresdurchschnitt bei knapp vier Prozent. Anders als in der Vergangenheit kann Restrukturierung nicht mehr auf den Rückenwind einer globalen Wachstumswelle und stabiler Marktbedingungen setzen.
In Zeiten vielfältiger Umbrüche muss Restrukturierung neu gedacht werden. Eine transformationsfokussierte Restrukturierung ist der Weg zum Erfolg. Sie sorgt neben einer kostenschlanken Aufstellung für eine kurz- und mittelfristige Stabilisierung der Topline (Umsatz, Produkte, Kunden). Dieses kritische, proaktive Topline-Management adressiert unter anderem Preis- und Margenqualität sowie Vertriebsexzellenz. Damit kann ein wesentlicher Beitrag zur Sicherung der Finanzierung in der Restrukturierungsphase geleistet werden.
Gleichzeitig wird die notwendige strategische Neupositionierung und innovative Weiterentwicklung des Unternehmens vorangetrieben. Ziel ist der direkte Weg aus der Krise in eine gesicherte Zukunftsperspektive. Restrukturierungen werden dadurch komplexer, aber auch nachhaltiger. Diese Transformation des Geschäftsmodells ist das Herzstück des neuen strategischen Restrukturierungsansatzes. Dazu gehört auf den Prüfstand: das unvoreingenommene Abklopfen von vermeintlichen Kernkompetenzen und Wachstumsmärkten, von Innovationsfähigkeit, Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Starkes Team entscheidet mit über Erfolg
Die Komplexität der anstehenden Restrukturierungen stellt die Führungskräfte oft vor völlig neue Herausforderungen. Viele Entscheidungsträger haben einen Großteil ihrer Karriere in den vergangenen zwanzig Jahren in einem überwiegend guten konjunkturellen Umfeld mit niedrigen Zinsen und gesicherter Energieversorgung verbracht. Für einen grundlegenden Wandel fehlen zum Teil Erfahrungswerte und Blaupausen. Und es ist keineswegs sicher, dass die gesamte Führungsmannschaft ohne weiteres mitzieht. Unsere Restrukturierungsstudie, für die wir 650 einschlägige Experten befragt haben, unterstreicht, dass es vielfach den richtigen Anstoß zur Veränderung braucht. Fast die Hälfte der Befragten schätzt die Veränderungsbereitschaft des Managements als niedrig ein.
Die Qualifikation und Zusammensetzung des Restrukturierungsteams wird häufig vernachlässigt. Dabei ist gerade ein schlagkräftiges und durchsetzungsstarkes Kernteam erforderlich, um die oben beschriebene Komplexität zu bewältigen. Gefragt sind Branchen- und Krisenerfahrung, ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, „am Unternehmen“ nicht nur „im Unternehmen“ zu arbeiten. Für den Restrukturierungsberater bedeutet dies, mit branchenspezifischer Expertise und im Lichte der zugrunde liegenden Transformation klar Stellung zur Zukunftsperspektive des Unternehmens zu beziehen – eine Anforderung, die nicht zuletzt auch von allen relevanten Stakeholdern (z.B. Finanzierer, Kunden) formuliert wird.
Umbruchzeiten erfordern Führungspersönlichkeiten, die das Versprechen beider Wortteile einlösen. Mehr denn je kommt es darauf an, die richtigen Weichen zu stellen. Unternehmen in Krisensituationen sind umso mehr gefordert, in dieser hochdynamischen Wirtschaftswelt nicht „abreißen“ zu lassen. Wer den Mut aufbringt, wird mit Chancen belohnt.
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Alexander Müller, Senior Partner, Co-Head Restructuring & Turnaround, Roland Berger, Mailto: alexander.mueller@rolandberger.com
Dr. Adrian Pielken, Senior Partner, Co-Head Restructuring & Turnaround, Roland Berger, Mailto: adrian.pielken@rolandberger.com