Unternehmerische Resilienz ist eine der großen Managementthemen der vergangenen Jahre. Warum gerade jetzt?
Dr. Thomas M. Fischer: Eine Fußballweisheit besagt „Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr Meisterschaften.“ Darauf kommt es im 21. Jahrhundert mehr denn je an. Unternehmen müssen aus einer geordneten Verteidigung agieren, um im Bild zu bleiben. Es geht darum, jederzeit in der Lage zu sein, externe Schocks zu absorbieren. Die Corona-Pandemie, die niemand auf dem Schirm hatte, hat das den Entscheider:innen in der Wirtschaft deutlich vor Augen geführt. Aber das unternehmerische Umfeld verändert sich ohnehin wahnsinnig schnell. Die großen Transformationen – Stichworte sind hier Nachhaltigkeit und Digitalisierung – , laufen parallel und nehmen an Geschwindigkeit zu. Disruptionen wie aktuell durch die generative KI werden immer wahrscheinlicher. Das politische und geostrategische Umfeld gestaltet sich zunehmend schwierig. Dafür sollten sich alle Unternehmen wappnen.
Welche Maßnahmen erweisen sich als besonders wirksam?
Dr. Fischer: Das hat mich auch brennend interessiert, zumal es für die Corona-Zeit überhaupt keine Vorwarnung gab. Es ist phänomenal, wie viele Unternehmen besonders im Mittelstand diese Krise aus dem Stand gemeistert haben. Trotz vieler Schwierigkeiten. Nach Interviews mit 25 Geschäftsführer:innen zu diesem Thema habe ich eine Vorstellung, wie sie es gemacht haben. Beispielsweise sind Geschäftsführung und Gesellschafter:innen eng und vertrauensvoll zusammengerückt. Die Führung war fokussiert und hat dafür gesorgt, dass die Grundfunktionen der Unternehmen in Produktion und Vertrieb so gut es ging weiterliefen. Einige Unternehmen haben ihr Controlling rasch umstrukturiert, so dass sie den Charakter und die Folgen der Krise besser einschätzen und managen konnten. Die Mitarbeitenden erhielten viel Freiraum und Eigenverantwortung. Mal ehrlich, ohne deren Improvisationskunst wären so manche Lösungen nicht gefunden worden.
Denken wir mal nach vorne: Welche Maßnahmen sollten Unternehmen ergreifen, um künftig besser auf Krisen vorbereitet zu sein?
Dr. Fischer: Der Schlüssel zur Resilienz liegt in der Kultur. Vertrauen, Eigenverantwortung und Selbstorganisation kombiniert mit spürbarer Führung – das ist eine gesunde Mischung. Ich kann gar nicht oft genug betonen, wie gewinnbringend Diversität über alle Ebenen des Unternehmens ist. Die Organisation wird kreativer, und sie wird sensitiver für die Veränderungen im Umfeld. Zudem zahlt sich aus, in der Strategiearbeit und in der Planung das Tempo anzuziehen. Es reicht nicht mehr aus, einmal im Jahr in die Zukunft zu blicken. Besser sind rollierende, kurze getaktete Strategiezyklen, um mit der Realität besser Schritt halten zu können. Und wohl dem, der geschäftlich auf mehreren Standbeinen steht und die Volatilität der Märkte in Krisenzeiten ausbalancieren kann! Übrigens: Keines der Unternehmen hat sich vorgenommen, seine Resilienz zu stärken. Alle von mir befragten Unternehmen haben sich auf ihre Stärken und ihre Identität besonnen und daraus quasi „unterwegs“ Lösungen entwickelt. Chapeau!
Was hat Sie besonders beeindruckt, woran fehlt es vielleicht noch?
Dr. Fischer: Einmal mehr haben mich die Familienunternehmen begeistert. Resilienz ist ihre Superkraft. Es ist inspirierend und macht jede Menge Mut, wie sie sich in Krisen verhalten. Da zeigt sich, dass für sie „Familie“ ein umfassendes Konzept ist und Mitarbeitende, Lieferanten sowie Kunden einschließt. Es wird so gut es geht geschaut, dass alle über die Runden kommen. Sie zu übervorteilen oder ihnen nicht zu helfen? Darauf habe ich mehrfach die Antwort bekommen: „Das macht man einfach nicht.“ Außerdem bleiben Familienunternehmen tendenziell bei der generationenübergreifenden Ausrichtung und vermeiden vorschnelle Geschäftsentscheidungen. Natürlich gibt es immer Luft nach oben: Das Thema Nachhaltigkeit strategisch in den Fokus zu nehmen ist noch ein Handlungsfeld für mittelständische Unternehmen. Auch in Sachen Geschwindigkeit und Effizienz können manche noch zulegen. Der Wandel zu einer prozessorientierten, stringent IT-unterstützten Organisation ist für die künftige Wettbewerbsfähigkeit immens wichtig.
Haben Sie noch einen Tipp für eine wirksame Ad hoc-Maßnahme für mehr Resilienz?
Dr. Fischer: Spielen! Sich einmal auszumalen, was im schlimmsten Falle passieren kann, schärft die Sinne und lässt Verbesserungspotenziale sichtbar werden. Welche Wettbewerber können das eigene Geschäftsmodell angreifen? Wie wirken sich verschiedene Krisenarten auf das Unternehmen aus? Welche bekannten Technologien kommen für eine gefährliche Disruption infrage? Es lohnt sich, Teams und Mitarbeitende solche Szenarien durchspielen und der Phantasie dabei freien Lauf zu lassen.
Über den Autor
Dr. Thomas M. Fischer ist Gründer und CEO der Allfoye Managementberatung, Mitglied im Aufsichtsrat der Bauer Gruppe, Chairman des Institute for Leadership & Transformation sowie Startup-Gründer, Coach und Investor. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet von Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsstrategien für den Mittelstand. Für seine Buch-Veröffentlichung „Einfach stark!“ hat er 25 Geschäftsführer:innen befragt und auf 135 Seiten die Faktoren beschrieben, welche diese Unternehmen besonders resilient machen.