Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG vom 15.05.2025
Laut Conren Research beläuft sich das Volumen ausstehender Unternehmensanleihen weltweit auf 25,3 Billionen US-Dollar, wobei allein in den nächsten drei Jahren rund elf Billionen US-Dollar zur Refinanzierung anstehen. Diese Entwicklung führt zu einem Ende des sogenannten „Refinanzierungskarussells“, bei dem Unternehmen ihre Schulden zu günstigen Konditionen kontinuierlich erneuern konnten.
Steigende Zinsen erschweren Refinanzierung
Mit dem Anstieg der Leitzinsen sehen sich Unternehmen nun mit höheren Refinanzierungskosten konfrontiert. Unternehmen, die in den kommenden Jahren ihre Schulden refinanzieren müssen, stehen somit vor der Herausforderung, neue Anleihen zu höheren Zinssätzen auszugeben, was ihre finanzielle Belastung erhöht.
Auswirkungen auf die Immobilienbranche
Besonders betroffen ist die Immobilienbranche, die in der Niedrigzinsphase hohe Kredite aufgenommen hat. Mit sinkenden Immobilienwerten und restriktiveren Kreditvergabekriterien der Banken müssen Unternehmen nun mehr Eigenkapital für die Refinanzierung aufbringen. Beispielsweise führte eine Wertminderung einer Büroimmobilie von 100 Millionen Euro auf 80 Millionen Euro dazu, dass der Kreditrahmen von 65 Millionen Euro auf 44 Millionen Euro sank, wodurch eine Finanzierungslücke von 21 Millionen Euro entstand.
Strategien zur Bewältigung der Refinanzierungsproblematik
Unternehmen sind gefordert, ihre Finanzierungsstrategien anzupassen, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Ein effektives Liquiditätsmanagement, frühzeitige Kommunikation mit Kreditgebern und die Einbindung externer Kapitalgeber sind entscheidende Maßnahmen, um die Refinanzierung sicherzustellen und finanzielle Engpässe zu vermeiden.
Oft wird nicht rechtzeitig gegengesteuert und zu lange auf Sicht gefahren. Zumal Manager und Gesellschafter und auch Finanzierer ihre Bonus- und Dividendensysteme gelegentlich priorisieren, die somit mit falschen Anreizen zu negativen Effekten auf die Liquidität der Unternehmen führen. Es fehlt der Wille, breitgefächerte Interessenlagen abzuwägen. Die Bereitschaft Missstände und Fehler einzugestehen, nimmt zusehends ab.
Vorausschau und Transparenz sind sogar gesetzlich vorgeschrieben
Das Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) verpflichtet Unternehmen, eine ausreichende Liquidität vorzuhalten, um frühzeitig Krisen entgegenzuwirken. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass § 1 StaRUG zum einen nicht bekannt und zum anderen nicht eingehalten wird.
Mangelnde Liquiditätsplanung in Unternehmen
Viele Unternehmen vernachlässigen eine vorausschauende Liquiditätsplanung. Dies kann mehrere Gründe haben:
- Fehlende finanzielle Expertise: Vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen haben oft keine Fachabteilungen, die eine kontinuierliche Liquiditätsplanung durchführen.
- Kurzfristige Gewinnorientierung: Unternehmen konzentrieren sich häufig auf kurzfristige Rentabilität statt auf langfristige finanzielle Stabilität nach dem Motto: Ergebnis macht frei.
- Unsichere Marktbedingungen: Unvorhersehbare Krisen, wie steigende Zinsen, Inflation oder geopolitische Unsicherheiten, erschweren eine präzise Liquiditätsprognose.
- Fehlendes Bewusstsein für gesetzliche Anforderungen: Trotz gesetzlicher Vorschriften ist vielen Managern nicht bewusst, welche Anforderungen gesetzlich verankert sind und welche Konsequenzen eine Nichteinhaltung haben kann.
Banken tragen nicht selten eine Mitverantwortung für die unzureichende Einhaltung der Liquiditätsanforderungen.
- Mangelnde Kontrolle und lockere Kreditvergabe: Banken fordern von Unternehmen zwar regelmäßig Finanzberichte, prüfen aber in gut laufenden Unternehmen und vor der Kreditvergabe oft nicht konsequent genug, ob ausreichende Liquiditätsreserven bestehen.
- Fokus auf eigene Interessen: Die Marktabteilungen der Banken verfolgen primär ihre Vertriebsziele und setzen oft erst dann Maßnahmen durch, wenn eine Krise bereits eingetreten ist – anstatt präventiv zu handeln.
Um die gesetzlichen Vorgaben konsequenter umzusetzen, sind sowohl Unternehmen als auch Banken gefordert:
- Bessere Früherkennungssysteme: Unternehmen sollten verstärkt digitale Tools nutzen, um ihre Liquidität vorausschauender zu planen.
- Verpflichtende Beratung: Unternehmen in potenziellen Krisensituationen sollten frühzeitig eine verpflichtende Beratung durch Experten erhalten, um präventiv Maßnahmen zu ergreifen. Die Zusammenarbeit zwischen Banken, Unternehmen und Restrukturierungsberatern muss engmaschiger werden, um frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
- Banken sollten ihre Kreditvergabe stärker an nachhaltige Liquiditätskonzepte binden, um Unternehmen zur Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu motivieren. Das sollte auch durch regulatorische Vorgaben konsequenter überprüft werden.
Wenn wir die Refinanzierungsproblematik nicht angehen, wird unser Land – um im Sanierungsvokabular zu bleiben – von einem Sanierungs- zu einem Insolvenzfall. Unser Wachstum liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das DIW in Berlin konstatiert zu Recht die Behinderung privater Investitionen durch überbordende Bürokratie, ein staatliches Investitionsdefizit sowie das verschlechterte Bildungssystem und die inadäquate Infrastruktur.
Wir brauchen Bilanzdisziplin. Sowohl in den Unternehmen als auch bei den Finanzierern und vor allem auf staatlicher Ebene. Wir müssen aufhören, Defizite jeder Art den nachfolgenden Generationen aufzubürden. Die Ansicht „Der Staat wird es schon regeln“ muss unbedingt gestoppt werden.
Fazit
Das Ende des Refinanzierungskarussells markiert einen Wendepunkt für Unternehmen, insbesondere in Deutschland. Steigende Zinsen und strengere Kreditbedingungen erfordern eine proaktive und strategische Finanzplanung, um die Herausforderungen der Refinanzierung erfolgreich zu meistern und die finanzielle Stabilität langfristig zu sichern.