Quantencomputer + KI: Europas Chance wagen

Alle paar Jahrzehnte erleben wir einen so tiefgreifenden Technologiesprung, dass er die Wettbewerbsregeln neu schreibt, Volkswirtschaften umgestaltet und neue Geschäftsmodelle eröffnet. Die Kombination von Quantencomputing und Künstlicher Intelligenz, die wir gerade erleben, ist genau solch ein Moment. Jetzt heißt es für Europa: Wagen wir den Quantensprung oder bleiben wir wieder einmal hinter unseren Möglichkeiten zurück?

Europa baut auf einem Fundament aus wissenschaftlicher Forschung und intellektuellen Errungenschaften auf. Im Jahr 2025 feiern wir 100-Jahre Quantenmechanik und nicht zufällig kommen die Väter dieser Wissenschaft aus Europa. Wir blicken auf eine lange Geschichte technischer Durchbrüche zurück, von den Quantenpionieren des letzten Jahrhunderts bis zu den Weltklasseforschern, die heute an unseren Universitäten und in unseren Laboren arbeiten.

Wir verfügen über ein robustes, wenn auch fragmentiertes Netzwerk von Forschungseinrichtungen und einen großen Talentpool. Doch unsere derzeitige Entwicklung ist nicht mehr von einer Führungsrolle geprägt. Während die USA und China mit massiven öffentlichen und privaten Investitionen um die Spitze neuer Technologien wetteifern, bleiben Europas Bemühungen größtenteils eine Ansammlung unterschiedlicher nationaler Projekte.

Was wir brauchen, ist eine von der Privatwirtschaft mitgetragene europaweite Anstrengung, um bei diesen neuen Technologien wieder vorne mit dabei zu sein. Und hierbei sollten wir nicht einfach blind versuchen, die immensen Investitionssummen aus den USA zu spiegeln oder das zentralistische System in China zu imitieren. Wir brauchen unseren eigenen europäischen Weg.

Was wir brauchen, ist eine von der Privatwirtschaft mitgetragene europaweite Anstrengung, um bei diesen neuen Technologien wieder vorne mit dabei zu sein.

Dr. Jan GötzCEO & Co-Founder, IQM Quantum Computers

Das Potenzial von Quantencomputern und KI

Warum also sind Quantencomputer und KI so wichtig? Aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht wird Quanten-KI in Sektoren spürbar sein, in denen eine winzige Optimierung oder eine neuartige Entdeckung einen immensen Wert schaffen kann. Von der Arzneimittelentwicklung über nachhaltige Materialien bis hin zur globalen Logistik werden die Auswirkungen von Quanten-KI jeden Winkel unseres Lebens berühren.

Das Potenzial von Quantencomputern liegt in der Fähigkeit, Probleme zu lösen, die klassische Computer nicht bewältigen können oder für deren Bearbeitung Jahre nötig wären. In Kombination mit den Mustererkennungs- und Vorhersagefähigkeiten der KI wird diese Konvergenz Durchbrüche in wichtigen Sektoren hervorbringen.

Es handelt sich hierbei um Billionen-Euro-Chancen mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Auswirkungen. Gerade in Zeiten, in denen Milliarden Euros und Gigawatt an Leistung in Rechenzentren gesteckt werden, müssen wir in Europa einen effizienteren Weg einschlagen. Dies können beispielsweise energieeffiziente Rechenzentren oder auch neue Computer-Ansätze sein. Europa mit seiner Tradition menschenzentrierter Innovation und regulatorischer Weitsicht ist ideal aufgestellt, um solche innovativen Lösungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Europas Chance: Die Integration von Quantencomputern in KI-Fabriken

Die Entscheidung, Quantencomputer in bestehenden Hochleistungsrechenzentren (HPC) und KI-Fabriken zu integrieren, ist ein strategischer Geniestreich, den wir aus Europa heraus prägen. So haben wir schon heute mehr Quantencomputer in HPC-Zentren integriert als die USA. Damit können wir sicherstellen, dass Quantencomputer zu einer Erweiterung des digitalen Rückgrats unserer Wirtschaft werden und für Forscher, Start-ups und die Industrie gleichermaßen zugänglich sind.

Mit diesem Ansatz kann Europa seine eigenen KI-Fabriken etablieren: vernetzte, demokratisierte Innovationszentren, in denen Algorithmen auf beispiellose Rechenleistung treffen. Doch im Vergleich zu den USA und China investiert Europa zu wenig, um die neue Technologie hochzuskalieren. Unsere fragmentierten Finanzierungsstrukturen, langsame Beschaffungsprozesse und der risikoscheue Privatsektor drohen, diese Vision unerfüllt zu lassen.

Um beispielsweise derzeitige Quantencomputer von Hunderten von Qubits auf Millionen zu skalieren – um die Hardware, Software und den Algorithmen-Stack für industrietaugliches Quantencomputing aufzubauen – benötigen wir erhebliche private Investitionen. Hier muss die Industrie auch im Eigeninteresse handeln, wenn sie auch in Zukunft auf souveräne Leistungen zugreifen will. Eine Skalierung der Technologie erfordert strategische Investitionen und die Verpflichtung, die Technologie langfristig zu fördern.

Der nächste Schritt: Einbindung von Endnutzern und Industrie

Europäische Quantenakteure würden von verstärkten Möglichkeiten profitieren, ihre hochmodernen Technologien Endnutzern aus der Industrie zur Verfügung zu stellen und somit das Bewusstsein und Vertrauen der Wirtschaft zu stärken.

Die KI-Fabriken der Europäischen Union und die kommenden KI-Gigafabriken bieten hierfür konkrete Möglichkeiten. Diese Plattformen sollen unter anderem als Knotenpunkte dienen, um KI-Anwender und Industrie mit Quantentechnologieanbietern zu verbinden, die Zusammenarbeit zu fördern und die laufende Hybridisierung von Quanten- und Hochleistungsrechnen zu beschleunigen.

Um noch einen Schritt weiterzugehen, könnten die KI-Fabriken und KI-Gigafabriken den europäischen Endnutzern einen Cloud-basierten Zugang zur Quantencomputing-Infrastruktur bieten – ein Modell, das europäischen Unternehmen zunehmend von großen US-Technologieunternehmen vorgeschlagen wird. Der Zugang zu Quantencomputern kann bestimmte KI-Rechenaufgaben beschleunigen und in Zukunft komplexere Aufgaben ermöglichen.

Von der Arzneimittelentwicklung über nachhaltige Materialien bis hin zur globalen Logistik werden die Auswirkungen von Quanten-KI jeden Winkel unseres Lebens berühren.

Dr. Jan GötzCEO & Co-Founder, IQM Quantum Computers

Unsere Stärken: Talent und Werte

Darüber hinaus müssen wir uns mit dem kritischen Thema Talente auseinandersetzen. Die weltweit führenden Quantenphysiker und KI-Ingenieure sind ein seltenes und begehrtes Gut. Europa bringt zwar viele der weltbesten Wissenschaftler hervor, doch wir haben Mühe, sie zu halten. Sie werden oft mit dem Versprechen höherer Gehälter, reichlicherer Ressourcen und eines dynamischeren, weniger bürokratischen Forschungsumfelds in die USA oder China abgeworben.

Um dem entgegenzuwirken, muss Europa nicht nur in hochmoderne Einrichtungen und großzügige Zuschüsse investieren, sondern auch eine Kultur des Unternehmertums fördern. Wir müssen ein Ökosystem schaffen, in dem brillante Quantenforscher nicht nur die Finanzierung ihrer akademischen Arbeit sichern, sondern auch problemlos ein Start-up gründen, Risikokapital anlocken und ihre Ideen kommerzialisieren können, ohne durch übermäßige oder überflüssige Regulierung oder bürokratische Verfahren behindert zu werden.

Hier kommen Europas starke Werte und Ethik ins Spiel. Während die USA und China sich ausschließlich auf kommerzielle und strategische Dominanz konzentrieren, hat Europa die Chance, auf eine andere, tiefgreifendere Weise eine Führungsrolle zu übernehmen: durch den Aufbau einer Quanten-KI-Zukunft, die auf ethnischen Prinzipien basiert. Unser gemeinsames Engagement für Datenschutz, Menschenrechte und demokratische Regierungsführung verschafft uns einen einzigartigen Vorteil bei der Gestaltung der Spielregeln für dieses neue Zeitalter. Da KI immer leistungsfähiger und undurchsichtiger wird, steigen die Risiken von Voreingenommenheit, Überwachung und Missbrauch exponentiell.

Unsere Herausforderung: Zersplitterung

Bei alledem müssen wir mit einer kohärenten europäischen Strategie handeln. Wir können uns keine 27 separaten Quanteninitiativen mit jeweils eigenen Zielen, Finanzierungsquellen und Regeln zum geistigen Eigentum leisten. Das Ausmaß der Herausforderung erfordert ein geschlossenes Auftreten.

Die EU muss als geschlossene Einheit agieren, Ressourcen bündeln, Forschungsprotokolle standardisieren und einen gemeinsamen Markt für Quantentalente und -innovationen schaffen. Wir müssen aus den Erfolgen und Misserfolgen unserer bisherigen technologischen Bemühungen lernen und sicherstellen, dass wir uns diesmal nicht mit bloßem Reagieren zufriedengeben, sondern entschlossen sind, die Zukunft proaktiv zu gestalten.

Für Europa ist dies ein Moment der Entscheidung: Werden wir in zwanzig Jahren zurückblicken und eine verpasste Chance beklagen, eine Zeit, in der das Genie unseres Kontinents ausgelagert und unser Schicksal anderswo bestimmt wurde? Oder werden wir mit Stolz zurückblicken, wissend, dass wir diesen Moment genutzt haben, um ein neues Fundament für Wohlstand, Sicherheit und ethische Führung zu schaffen?

Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit zum Handeln. Wir sollten unsere intellektuellen und finanziellen Ressourcen bündeln, einen gemeinsamen Markt für Talente und Innovationen schaffen und eine Quanten-KI-Zukunft gestalten, die unsere gemeinsamen Werte und Ziele widerspiegelt. Dies ist der entscheidende Moment für Europa. Lassen wir ihn uns nicht entgehen.

Bild: © IQM

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal
„Zukunft IT & KI“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
Zum Journal