Projekt „World“ – Chance oder Verderben?

Das Projekt World, mit dem OpenAI-Chef Sam Altman und der deutsche Unternehmer Alex Blania echte Menschen im Internet identifizieren wollen, soll in den USA nun großflächig starten.

Mensch oder Roboter? Ein Augenscan soll nach den Plänen von World im Netz Klarheit schaffen. (Optik: Michel Becker | ChatGPT)

Warum das wichtig ist? Bots machen einen immer größeren Anteil des Datenverkehrs im Internet aus. Laut dem amerikanischen Cybersicherheitsunternehmen Imperva waren sie schon vor einem Jahr für fast 50 Prozent des Webtraffics verantwortlich.

Dabei unterschied Imperva zwischen „good bots“ und „bad bots“. Zu den ersteren zählen Crawler, die für Google herausfinden, welche Informationen auf bestimmten Internetseiten stehen und sie für die Suchmaschine indexieren. Zu den letzteren zählen Bots, die unerlaubt Daten absaugen oder Websites so oft aufrufen, bis sie wegen Überlastung zusammenbrechen.

Nun kommt eine neue Qualität von Bots hinzu: KI-Agenten sind im Auftrag konkreter Personen im Netz unterwegs. Sie können etwa Reiserouten recherchieren und künftig auch direkt die Buchung vornehmen. Die Herausforderung: Für Seitenbetreiber wird es dabei zunehmend schwieriger herauszufinden, ob sie es mit einem realen Website-Besucher zu tun haben – und wer oder was genau hinter einem Bot steckt.

Ein bereits weit bekanntes Problem ist, dass KI immer besser darin wird, CAPTCHA-Tests zu überwinden. Das sind die kleinen Bilder- und Zahlenrätsel, die Sie beim Besuch einer Website manchmal lösen müssen, um zu beweisen, dass Sie ein Mensch sind.

Alex Blania (l.) und Sam Altman (Foto: Handelsblatt)

Zu wenig sprechen wir noch über die Tatsache, dass der Test für Dienstleister im Netz ohnehin an Relevanz verliert. Denn für die Lufthansa ist es im Grunde egal, ob eine Kundin – nennen wir sie Penny Richman – selbst vor dem Rechner sitzt oder ein von ihr beauftragter Bot das Ticket von Frankfurt nach New York bucht. Entscheidend ist im Datenzeitalter, dass ein Unternehmen weiß, mit wem es mittelbar oder unmittelbar zu tun hat.

Altman und Blania haben deshalb schon 2019 ein ambitioniertes Projekt gestartet: Sie wollen mit Irisscans aller Menschen weltweit den ultimativen Identitätsnachweis schaffen. Die farbige Regenbogenhaut rund um die Pupille ist bei jedem Menschen einzigartig und gilt bei der Identifizierung als sicherer als der Fingerabdruck. Wer einmal in einen Irisscanner geguckt hat, soll sich künftig im Netz als Mensch ausweisen können. Er könnte, so meine Vermutung, mit einem Blick in die Webcam aber auch eine Armada an Bots losschicken.

Datenschutzbehörden auf der ganzen Welt beobachten das Projekt kritisch und haben es teilweise vorerst gestoppt. Doch von den zuständigen Aufsehern in den USA gab es jetzt das Go für World und das dahinterstehende Start-up Tools for Humanity.

CEO Alex Blania hat umgehend „Standorte in den meisten großen Städten der USA“ angekündigt. Zusätzlich sollen Einzelhändler für World Augen einscannen.

Das neue Worldcoin-System benutzt den sogenannten Orb, um seine Nutzer anhand der Iris zu identifizieren. (Foto: Tools for Humanity, Imago [M])

Trotz bisher eingeschränkter Nutzungsmöglichkeiten haben weltweit schon jetzt zwölf Millionen Menschen ihre Iris von World scannen lassen. Das ist eine Menge, aber deutlich weniger als die eine Milliarde, die das Initiatorenteam bereits für Ende 2023 als Ziel ausgegeben hatte. Ein wichtiger Anreiz war dabei bisher, dass World für die Registrierung Worldcoin-Token ausgibt, eine Kryptowährung. Ob World in den USA nun von der breiten Masse angenommen wird, dürfte aber maßgeblich von den Anwendungsmöglichkeiten abhängen.

Felix Holtermann und Stephan Scheuer berichten über mehrere Partnerschaften, die World dazu geschlossen hat. Eine betrifft Nutzer von Datingplattformen: Durch eine Kooperation mit dem Partnerportal-Betreiber Match Group sollen etwa Tinder-Nutzer sich künftig praktisch mit einem Augenzwinkern bestätigen können, dass sie Menschen mit ehrlichen Absichten sind. Da bekommt die Sache mit der Liebe auf den ersten Blick eine völlig neue Bedeutung.


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