Außerdem haben sich in Europa die Faktorkosten für Material, Personal und Energie in den letzten Jahren deutlich erhöht. Eine weitere Herausforderung ergibt sich daraus, dass der Übergang zur Elektromobilität länger dauern wird als noch vor ein paar Jahren erwartet. Hohe Produktkomplexität und erschwertes Auslastungsmanagement sind wichtige Konsequenzen für Zulieferer. Zusätzlich führen geopolitische Spannungen sowie gerade auch die in jüngster Vergangenheit sich verstärkenden Handels- und Zollkriege zu weiteren Unsicherheiten und Belastungen.
Bei vielen Zulieferern ist die Gewinn- und Liquiditätssituation mittlerweile sehr angespannt. Dies kommt zu einer Zeit, in der sie investieren müssten, um die zahlreichen Geschäftschancen nutzen zu können, z. B. neue Projekte und Produkte, Elektrifizierung, Software, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren.
Strategische Neuausrichtung: Fokussierung und mutige Entscheidungen
Um profitables Wachstum zu ermöglichen, ist für viele Zulieferer eine umfassende Neuausrichtung dringend erforderlich. Aus strategischer Sicht sind die zukünftigen Prioritäten festzulegen: Zulieferer müssen bewusst entscheiden, welche Technologien, Produkte und Regionen verstärkt bearbeitet werden sollen – und welche nicht. Neue Technologien sollten zügig entwickelt und vermarktet werden. Falls dies in einzelnen Fällen nicht erreichbar erscheint, ist zu prüfen, ob beispielsweise durch Partnerschaften eine Beschleunigung erzielt werden kann. Entwicklungsprojekte mit geringen Marktchancen sollten konsequent eingestellt werden. Auch das Kundenportfolio ist zu überdenken: Derzeit ist eine deutliche Verschiebung von Marktanteilen unter den Fahrzeugherstellern zu beobachten:
Insbesondere einige neue chinesische Hersteller zeigen starkes Wachstum, während der eine oder andere etablierte Hersteller Marktanteile verliert. Für die Zulieferer ist es entscheidend, die großen Projekte der zukünftigen Markführer zu beliefern.
Weiterhin sind Geschäftschancen in anderen Marktsegmenten (z. B. Off-Highway, Aftersales) sowie außerhalb des Fahrzeuggeschäfts (z. B. Rüstung, Industriegüter) zu untersuchen. Unattraktive Geschäftsbereiche sollten schnell beendet bzw. veräußert werden. Auch die Chancen des M&A-Markts sind zu berücksichtigen: Wer das nötige Kapital hat, kann zurzeit Unternehmen zu vergleichsweise niedrigen Preisen erwerben.
Organisatorische Anpassungen: Agilität und Flexibilität als Erfolgsfaktoren
Zusätzlich zur strategischen Neuausrichtung sollten Zulieferer darüber nachdenken, ihre Organisationen anzupassen. Heutige Standorte, Kapazitäten und Prozesse sind vielfach immer noch von den überwiegend positiven Rahmenbedingungen zwischen den Jahren 2010 und Anfang 2020 geprägt. Daher ist es sinnvoll, dass Zulieferer die eigenen Organisationen rasch an den neuen Strategien ausrichten. Hierbei sind nicht nur Kostengesichtspunkte zu beachten, sondern auch Tempo und Flexibilität. Europäische Zulieferer, die zukünftig verstärkt chinesische Hersteller beliefern wollen, müssen sich auf einige Änderungen einstellen, z. B. deutlich kürzere Entwicklungszeiten, stärkere Verwendung von nationalen Normen und Standards statt von Herstellerstandards sowie häufigerer Einsatz von Komponenten und Systemen, die von Zulieferern bereits fertig oder weitgehend fertig entwickelt wurden.
Umsetzung und Change Management
Damit die Neuausrichtung gelingt, müssen Zulieferer umfangreiche Anpassungen in kurzer Zeit vornehmen. Hierzu sind die richtigen Aktivitäten zu definieren, aufeinander abzustimmen und umzusetzen. Eine starke Einbindung der Mitarbeiter sowie der weiteren Stakeholder sind entscheidend für den Erfolg. Die Anforderungen an das Management-Team, strategisch-organisatorische Neuausrichtungen richtig aufzusetzen und zügig zu implementieren, sind hoch. Wer die hierfür notwendige Expertise nicht im eigenen Haus hat, sollte erfahrene externe Partner hinzuziehen.