Unter Private Credit versteht man Fremdfinanzierungen, die nicht von klassischen Banken, sondern spezialisierten Debt-Fonds bereitgestellt werden. Private Credit zeichnet sich insbesondere durch eine höhere Flexibilität bei der Vertragsgestaltung und individuell an die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens angepasste Covenant-Pakete aus, die dem Unternehmen regelmäßig mehr Bewegungsspielraum belassen als traditionelle Bankenfinanzierungen. Konkret erlauben Private-Credit-Finanzierungen in der Regel einen höheren Verschuldungsgrad und sind bei Auflagen beispielsweise zur Veräußerung von Vermögenswerten und der Nutzung freier Liquidität weniger restriktiv. Diese Vorteile gehen typischerweise mit höheren Zinsmargen einher. Im Vergleich zu traditionellen Banken unterliegen Private-Credit-Fonds geringeren regulatorischen Beschränkungen. Dies betrifft insbesondere aufsichtsrechtliche Kapitalanforderungen, Eigenkapitalunterlegung, sowie formale Vorgaben bei Kreditvergabe und Dokumentation. Diese regulatorischen Unterschiede ermöglichen es Private-Credit-Fonds, schnellere und stärker individuell zugeschnittene Entscheidungen zu treffen, was in Krisensituationen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen kann.
Als Bestandsfinanzierer ermöglichen Private-Credit-Fonds in Krisensituationen Gestaltungen, mit denen sich viele Banken traditionell schwerer tun und die den beiderseitigen Interessen der Kreditgeber einerseits und Private-Equity-Gesellschafter andererseits häufig eher gerecht werden als die klassischen Treuhand- und ähnliche Lösungen:
- Umstellung von Cash-Zins auf endfälligen PIK-Zins zur Schonung der kurzfristigen Liquidität.
- Equity-Upside-Elemente (Equity Kicker), was es Kreditgebern erleichtert, in schwierigen Situationen engagiert zu bleiben, da sie von späteren Wertsteigerungen ggf. auch über ihr ursprüngliches Investment hinaus profitieren können.
- HoldCo-PIK-Strukturen (Debt Hive-up), was eine Entlastung der operativen Gruppe vom Zins- und Kapitaldienst ohne echten Schuldenschnitt unter Beibehaltung des Wasserfalls zwischen Kreditgebern und Gesellschaftern ermöglicht und damit die Fortführung unter der unverwässerten Kontrolle des Altgesellschafters.
- (Teilweise) Umwandlung der Gläubigerposition in Eigenkapital (Debt-to-Equity-Swap), was entweder eine gemeinschaftliche Fortführung mit neuem Juniorpartner oder als ultima ratio einen direkten Kontrollwechsel auf Gesellschafterebene ohne ggf. langwierigen und teuren M&A-Prozess aus der Verwertungstreuhand herbeiführt.
Equity-Upside-Elemente verschieben das Risiko-Rendite-Profil und erhöhen die Bereitschaft von Private-Credit-Fonds, häufiger als Banken als neuer Geldgeber in der Krise aufzutreten. Beobachten lassen sich insbesondere:
- Punktuelle oder umfassende Refinanzierungen, um einer Liquiditätskrise zuvorzukommen. Im Einzelfall auch auf nachrangiger Basis mit Equity Kicker.
- Deckung des kurzfristigen Kapitalbedarfs in der akuten Liquiditätskrise, regelmäßig mit Absicherung „nach unten“ durch Finanzierung auf vorrangiger Super-Senior-Basis mit Möglichkeit, bei weiterer Verschlechterung der Situation in die Gesellschafterrolle zu wechseln (Loan-to-Own).
In Deutschland und Europa spielt – deutlich stärker als in den USA – der Wunsch bzw. die Notwendigkeit nach Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen Private-Equity-Sponsoren und Private-Credit-Fonds eine wichtige Rolle für die Dynamik vieler Restrukturierungsverhandlungen. In den USA lässt sich ein Aufschwung außergerichtlicher Umschuldungstransaktionen (Liability Management Exercises) mit gerichtlichem Nachspiel beobachten, da sich einzelne Akteure zunehmend gegen als übermäßig aggressiv empfundene Gestaltungen zur Wehr setzen. Als ein wesentlicher Katalysator gilt die schiere Größe des Marktes für die Finanzierung von LBOs durch Private-Credit-Fonds (Direct Lending), was transaktionale Beziehungen befördert. Der deutsche und europäische Direct Lending Markt gilt demgegenüber als vergleichsweise familiär, und Kapitalanbieter und -nachfrager sind auf fortgesetztes gegenseitiges Wohlwollen angewiesen: Private-Credit-Fonds stehen unter dem Druck ihrer Investoren, eingeworbenes Kapital zügig und kontinuierlich einzusetzen, was stabile Beziehungen zu Private-Equity-Häusern voraussetzt. Private-Equity-Sponsoren wiederum schätzen Private Credit als flexible Finanzierungsalternative, die gerade in schwierigen Marktphasen häufig als einzige praktikable Alternative zu klassischen Bankenkonsortien oder Anleiheemissionen verbleibt. Das wirkt disziplinierend, ohne aber das Spektrum der umsetzbaren Lösungen einzuschränken. So lässt sich beobachten, dass Private-Credit-Fonds als Bestandsfinanzierer nicht notwendigerweise einen Gesellschafterwechsel forcieren, solange hinreichende Aussichten bestehen, dass der Private-Equity-Gesellschafter wieder „ins Geld“ kommt und bereit ist, sich aktiv an der Sanierung zu beteiligen. Umgekehrt halten tief „aus dem Geld“ stehende Private-Equity-Gesellschafter nicht zwingend an ihrer Gesellschafterstellung fest, nur um sich deren reinen Lästigkeitswert teuer abkaufen zu lassen. Vielmehr lassen sich freiwillige Kontrollübergaben an die Credit-Fonds beobachten, häufig verbunden mit fortgesetzter Equity-Upside für den ausscheidenden Gesellschafter, die das Risiko einer Fehlkalkulation aufseiten des nicht reinvestierenden Private-Equity-Sponsors abfedert (antiembarrassment).
Es ist zu erwarten, dass Private Credit zukünftig im deutschen Restrukturierungsmarkt weiter an Bedeutung gewinnen wird. Die bisher stark beziehungsorientierte Dynamik zwischen Private Credit und Private Equity wird sich voraussichtlich verändern: Wenn der Private Credit Markt wie erwartet weiterwächst, dürften transaktionale Beziehungen zunehmend in den Vordergrund treten und sich der Trend zu aktiveren Private-Credit-Lösungen weiter verstärken. Für Unternehmen, Investoren und Berater bedeutet das eine fortschreitende Dynamik. Wer sich frühzeitig mit den spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten von Private Credit auseinandersetzt, kann innovative Restrukturierungslösungen schaffen und Unternehmen effektiv durch schwierige Phasen begleiten.