Bild: WirtschaftsWoche
Branchenübergreifend bauen Arbeitgeber mehr Stellen ab als neue auf. 2024 gab es laut dem Personalmarktforschungsinstitut Index fast ein Fünftel weniger Stellenanzeigen für Geschäftsführer und Vorstände als 2023. Auch Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen: Die Nachfrage nach Führungskräften geht seit Mitte 2023 schrittweise zurück – und liegt aktuell fast wieder auf dem Niveau von 2019.
Die deutsche Industrie sieht ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der EU laut ifo Institut auf einem Rekordtief. Zwar haben sich die Geschäftsaussichten der Autobranche etwas aufgehellt, nach dem Abbau Zehntausender Stellen beschäftigen die Unternehmen aber so wenige Mitarbeiter wie seit 2011 nicht mehr. Ende September arbeiteten gut 48.700 weniger Männer und Frauen in der Branche als ein Jahr zuvor, teilte das Statistische Bundesamt mit. Ob der konjunkturelle Tiefpunkt endlich hinter uns liegt? Unklar. Die Zahl der Insolvenzen steigt weiter. Das Mittelmanagement ist in dieser Malaise ein beliebter Streichposten. Und so trifft der Abbau auch Leistungsträger, deren Karriere stets nur eine Richtung kannte: aufwärts.
Wie ernst die Lage selbst für Spitzenkräfte ist, merkt Tanja Svjetlanovic von der Personalberatung Spencer Stuart daran, dass Unternehmen mehr und mehr Stellen im oberen Management nicht nachbesetzen, ihre Vorstände verkleinern. Und daran, dass Manager, die vor ein paar Jahren nur so strotzten vor Selbstbewusstsein, sie nun häufiger anrufen – mit einer bangen Frage: Bekomme ich überhaupt noch einen Job?
Wer sich mit Top-Führungskräften unterhält, die ihren verloren haben, der spürt Ungläubigkeit, Enttäuschung, Verletzungen. Gewiss, die finanziellen Einbußen sind hart. Aber je höher jemand in einer Hierarchie aufgestiegen ist, je mehr definiert er sich über den Job. „Wenn Top-Performer ihren Job verlieren, dann verlieren sie häufig das Zentrum ihres Lebens“, sagt Sven Steffes-Holländer. Der ärztliche Direktor der Heiligenfeld Kliniken für Psychosomatik mit Standorten in Berlin und Süddeutschland hat immer wieder mit solchen Patienten zu tun. Sie verlören „Tagesstruktur, Zugehörigkeit, Selbstwert“. Erlebten einen Bruch, mit dem das „alte Selbstbild stirbt“. Ein Scherbenhaufen, meist emotional, manchmal auch finanziell, je nachdem, wie viele Kinder durchzubringen, wie viele Kredite abzubezahlen sind und wie hoch die Abfindung ausfällt.
Einen neuen Job zu finden, ist für einstige High Performer eine Herausforderung, zumal jetzt, da sich Unternehmen mit Neueinstellungen zurückhalten, die Zukunft so ungewiss ist, Zölle, geopolitische Risiken und Künstliche Intelligenz wöchentlich, manchmal täglich Auswirkungen auf Geschäft und Prognosen haben.
Welche Strategien wählen geschasste Spitzenmanager, um einen Job zu finden? Können sie es sich leisten, monatelang auf den nächsten Traumjob vor der Haustür zu warten – oder überlegen sie längst, umzuziehen? Einen Branchenwechsel hinzulegen? Oder gar zu gründen?
Akzeptieren, was ist
Die Betroffenen sollten bloß nicht in Aktionismus verfallen oder blind Standardschreiben verschicken. „Tun ersetzt Fühlen“, nennt Chefarzt Steffes-Holländer diesen wenig zielführenden Aktionismus. Wer ständig etwas zu tun hat, kommt gar nicht zum Nachdenken. Die Gefahr: Es bleibt kaum Zeit zur Verarbeitung. Zeit, um abzuschließen mit dem, was war. „Erst, wenn der Betroffene anerkannt hat, dass diese Entlassung Teil seines Lebens ist, ist er wirklich bereit für etwas Neues“, so Steffes-Holländer. Headhunterin Svjetlanovic empfiehlt, den Headhunter rauszusuchen, der die eigene Branche bediene, einen Termin zu vereinbaren und sich persönlich vorzustellen. Und sich ernsthaft zu fragen: Was will ich eigentlich – und was nicht? Der Jobverlust bietet auch die Chance, Karriereparameter anzupassen.
Abstriche machen
Vielen Absagen mit der Begründung: überqualifiziert. Attila Khan, der als Geschäftsführer von The Boardroom Führungskräfte bei der Jobsuche berät, kennt das Hin-und-her-gerissen-Sein von seinen Klienten. Bekannte, Verwandte, Freunde stellen Fragen: Es ist doch Fachkräftemangel, wieso findest du nichts? „Steht der Dienstwagen nicht mehr vor der Tür“, sagt Khan, „tuscheln die Nachbarn. All das sorgt für Stress.“ Für Bewerbungen aber braucht es einen klaren Kopf. Er empfiehlt dringend, in Anschreiben auf Allgemeinplätze und Floskeln zu verzichten. „Sie müssen einen konkreten Bezug zur Firma herstellen.“ Nicht die immer gleichen Managementfähigkeiten betonen, sondern das eigene Profil „schärfen und es auf die eine große Stärke als Führungskraft zuschneiden“. Zudem komme es auf das Gesamtpaket an, Gehalt, ja, aber auch Arbeitsort, Zukunftsfähigkeit eines Arbeitgebers und dessen wirtschaftliche Lage. „Vielleicht ist es nicht so schlimm, ein paar Prozent weniger zu verdienen, wenn ich dafür weniger Dienstreisen mache, von zu Hause arbeiten kann und mehr Zeit für die Familie habe.“
Branche wechseln oder auswandern
Ein Wechsel vom Spielzeughersteller zum Autokonzern? „Ist gerade äußerst unrealistisch.“ Der Schritt vom Autohersteller zum Zulieferbetrieb, der auch für andere Industrien fertigt, ist leichter, weiß Khan.
Er sieht in der regionalen Flexibilität Vorteile, empfiehlt manchen Kunden sogar Auswanderung, zumindest bis auf Weiteres. Deutsche Firmen haben in den vergangenen Jahren Tausende Stellen ins Ausland verlagert. Dadurch gingen von 2021 bis 2023 netto rund 50 800 Stellen in Deutschland verloren, berichtet das Statistische Bundesamt. Khan hat Anfragen aus Brasilien, „für die Geschäftsführung bei einem Ingenieurdienstleister“. Und nicht nur das. Auto-industrie: neue Jobs in Rumänien, der Slowakei und Tschechien. Für Medizintechnik und Pharma „lohnt der Blick in die Schweiz, nach Großbritannien“, so Khan. Wegen der Umstellung für die Kandidaten biete er diese Positionen erst nach einem halben Jahr an, wenn sich sonst nichts ergeben hat. „Viele hoffen auf ein Jobangebot, für das sie nicht umziehen müssen. Aber wir besetzen immer stärker im Ausland.“
Selbstständigkeit wagen
Nun also all in: einfach machen, wozu man Lust hat. Frühzeitig diversifizieren, aus dem Nebenberuflichen seinen Hauptjob generieren. Expertin Tanja Svjetlanovic rät genau dazu: Bleiben Sie auch in guten Zeiten am Ball. Setzen Sie sich mit neuen Trends auseinander, besuchen Sie Fortbildungen.
Idealerweise spreche man mit Freunden, Bekannten, Psychologen darüber, welche Rolle die Arbeit im eigenen Leben gespielt hat und zukünftig spielen soll, was man jenseits des alten Jobs gut kann. Das gehöre zu einem „Prozess der Reifung“, an dessen Ende eine neue Herausforderung stehen könne.
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