Bidirektionales Laden: Strom rein, Strom raus
Autos stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Tag ungenutzt herum. Diese Standzeit macht sie zu einem wertvollen Baustein der Energiewende. Denn wenn Strom nicht nur in die Batterie fließen darf, sondern auch wieder zurück ins Haus oder Netz, entsteht ein neues Werkzeug gegen ein altes Systemproblem: Phasen mit zu viel oder zu wenig Wind- und Solarstrom.
Beim Vehicle-to-Home (V2H) versorgt das Auto abends das Zuhause mit tagsüber günstig geladenem Strom. Beim Vehicle-to-Grid (V2G) speist es überschüssige Energie direkt ins öffentliche Netz ein – und erhält dafür eine Vergütung. Würden nur 15 Prozent aller deutschen Pkw bidirektional laden, ließe sich damit bereits ein großer Teil des Strombedarfs decken, besonders in Spitzenzeiten, die heute noch Gaskraftwerke abfangen.
Ohne Aufwand für Fahrer*innen – mit großer Wirkung fürs Netz
Für Nutzer*innen ist das Prinzip simpel: Das Auto hängt wie gewohnt an der Wallbox, der Rest läuft automatisiert über smarte Tarife und Aggregatoren, die viele Fahrzeuge bündeln. Das Ergebnis: deutlich günstigere Stromkosten, perspektivisch sogar kostenloses Laden. In Großbritannien zeigt Octopus Energy bereits, dass V2G genau das ermöglicht.
Für das Energiesystem entsteht gleichzeitig dringend benötigte Flexibilität. Wenn viel Wind- oder Solarenergie im Netz ist, laden Millionen Fahrzeuge. Wird es eng, geben sie kurzfristig etwas Strom zurück. Weniger erneuerbare Energie wird abgeregelt, Kosten für Netzstabilisierung sinken und fossile Kraftwerke verlieren an Bedeutung. Aus vielen Parkplätzen wird ein verteiltes, leises und hochflexibles Kraftwerk.
Was Deutschland jetzt braucht
Damit dieses Potenzial Realität wird, müssen regulatorische Hürden fallen. E-Autos brauchen klare Regeln für Einspeisung, Messung und Vergütung. Der Smart-Meter-Rollout muss zügig weitergehen, Standards für die Kommunikation zwischen Auto, Wallbox und Netz müssen breit implementiert werden. Entscheidend sind zudem massentaugliche, faire Tarife, die Anreize einfach abbilden.
Mobilität der Zukunft: sauber, flexibel und wirtschaftlich
Deutschland ist ein Autoland – und Autos bleiben für viele ein emotionales Thema. Gleichzeitig wünschen sich alle bezahlbare Mobilität und günstigen Strom. Bidirektionales Laden kann beides verbinden: Wer heute elektrisch fährt, kann künftig mit seiner Batterie Geld verdienen und gleichzeitig das Stromnetz stabilisieren. So wird die Mobilitätswende nicht nur grüner, sondern auch wirtschaftlich attraktiv – und damit zum Selbstläufer.