OpenClaw begeistert die Entwicklerszene. (Optik: Stephan Scheuer / Sora)
Während an der Wall Street die Zweifel wachsen, herrscht im Silicon Valley Aufbruchstimmung. Die Börse diskutiert Kapitalkosten, die Entwickler diskutieren Möglichkeiten. Wer mit Tech-Vordenkern spricht, hört kaum Angst vor einer Blase. Was er hört: Jetzt geht es erst richtig los.
Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Er folgt einer eigenen Logik. Dass Markt und Technik gerade so weit auseinanderdriften, ist kein Irrtum, sondern ein Muster. Um zu verstehen, warum beides gleichzeitig stimmt, helfen sechs Thesen.
These 1: Ein technologischer Sprung
Allein in den vergangenen Monaten – und erst recht in den letzten Tagen – hat sich die Qualität von KI-Modellen fundamental verändert. Mit neuen Generationen wie Claude Opus 4.6 und OpenAI Codex 5.3 wird Software nicht mehr als Code geschrieben, sondern direkt erzeugt. Was lange ein Versprechen war, wird jetzt Realität: Hochwertige Programme entstehen automatisiert. Und das geht schnell, billig und überall. Wenn jeder gute Software erzeugen kann, verliert Software ihren Knappheitswert.
These 2: OpenClaw ist erst der Anfang

Peter Steinberger: OpenClaw begann als Hobby. (Foto: OpenClaw / P. Steinberger)
OpenClaw ist ein offenes Agentensystem, entwickelt vom österreichischen Entwickler Peter Steinberger. Es nutzt keine eigenen KI-Modelle, sondern kombiniert bestehende Modelle, Werkzeuge und Schnittstellen zu einem handlungsfähigen System. Entscheidend ist: OpenClaw verbindet KI nicht nur mit Text, sondern mit Dateien, Programmen, Webseiten und Handlungen in der realen Welt. OpenClaw beantwortet nicht nur Anfragen – es plant, führt aus und entwickelt Aufgaben eigenständig weiter. Genau das macht es so mächtig.
These 3: Der Wert von Software sinkt gegen null
Agentische KI greift nicht Infrastruktur an, sondern Geschäftsmodelle. SAP, Salesforce oder ServiceNow organisieren Arbeit. Agenten versprechen, Arbeit selbst zu organisieren oder gleich ganz zu erledigen. Wenn KI Prozesse plant und ausführt, verliert klassische Unternehmenssoftware ihre zentrale Rolle. Deshalb haben die Börsenwerte dieser Firmen zuletzt gelitten.
Zwar wird nicht so schnell die Kernsoftware von SAP ersetzt. Dafür ist dieser Bereich der Unternehmenssteuerung etwa in der Buchhaltung zu wichtig. Aber in vielen Bereichen werden Kunden sich individuelle Lösungen von KI-Systemen von Google und anderen schreiben lassen, anstatt die Programme „von der Stange“ bei SAP, Salesforce oder ServiceNow einzukaufen.
These 4: Die Sorgen der Märkte sind berechtigt

Konzernchefs Nadella, Jassy, Pichai (v. l.): Die Investitionen wachsen schneller als die Renditen. (Foto: Getty Images (2), Reuters)
Genau deshalb sind die Sorgen von Investoren berechtigt. 200 Milliarden Dollar Investitionen sind keine Vision, sondern Vorleistung. Rechenzentren, Chips, Energie, Abschreibungen: Die Kosten fallen jetzt an. Die Renditen liegen in der Zukunft – und sind unsicher. Die Börse reagiert nicht auf Technologie, sondern auf Zahlungsströme. Skepsis ist keine Technikfeindlichkeit, sondern ökonomische Logik.
Gerade Softwarefirmen wie SAP oder Salesforce sind wichtige Kunden der Hyperscaler. Geraten sie unter Druck, trifft das auch diese marktmächtigen Cloud-Anbieter. Der KI-Boom ist kein geschlossenes Ökosystem, er ist wechselseitig abhängig.
These 5: Rollen von Menschen und Maschinen verschwimmen
In Experimenten wie Moltbook interagieren Agenten miteinander wie in sozialen Netzwerken. Maschinen diskutieren über Menschen, entwickeln Narrative, simulieren Gemeinschaften. In einzelnen Szenarien denken Agenten darüber nach, Menschen für einfache Bilderrätsel zu bezahlen – Aufgaben, an denen selbst hochentwickelte KI noch scheitert.
Andere gründen spielerisch Scheinreligionen oder verhandeln über Sinn und Zweck menschlicher Arbeit. Das ist noch ein Experiment – aber dabei ein ernstzunehmender Vorausblick. Die Grenze zwischen Werkzeug und Akteur beginnt zu verschwimmen.
These 6: Das ist die Chance für Europa
Dass ein Entwickler aus Österreich diesen Moment prägt, ist mehr als eine Anekdote. OpenClaw beweist: Relevanz entsteht durch kluge Verknüpfung, nicht durch Kapital. Wer Systeme kombinieren kann, bleibt anschlussfähig. Das öffnet Räume jenseits der großen Plattformen.
Das ist die Chance für Europa. Jetzt blind alle Hoffnungen auf neue, von der EU flankierte Rechenzentren, die AI-Gigafactories, zu setzen, ist der falsche Weg. Entscheidend sind nicht die Chips, sondern das, was wir damit machen.
Fazit: Wer nur eine Blase sieht, hat den Umbruch nicht verstanden
Die Märkte rechnen Kosten – die Technik verschiebt Möglichkeiten. Beides ist richtig. Doch wer diesen Moment allein als Investitionsblase liest, verpasst den Kern: KI wird nicht nur besser, sie wird selbstständig. Der eigentliche Umbruch findet nicht in den Bilanzen statt, sondern im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Wer ihn nicht versteht, wird ihn nicht gestalten – und sich irgendwann fragen müssen, warum ausgerechnet Menschen für die banalsten Restaufgaben gebraucht werden.
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