Angesichts solcher Summen wird deutlich, dass die nachhaltige Transformation und die Energiewende ohne privates Kapital nicht finanzierbar sein werden, weder in Deutschland noch europaweit. Staatliche Subventionen oder Garantien werden voraussichtlich nicht mehr als zehn Prozent der benötigten Mittel abdecken können. Daher müssen alle privaten Kapital- und Liquiditätsquellen mobilisiert werden und zwar über die gesamte Palette der Finanzprodukte hinweg.
Neben institutionellen Investoren und Privatanleger:innen sind vor allem auch die Geschäftsbanken als Finanzierungspartner von Politik, Unternehmen und Kommunen gefragt. Die europäischen Banken sind bereit, ihren Teil zur Finanzierung der Transformation beizutragen. Damit uns das bestmöglich gelingt, wird sich allerdings auch der europäische Kapitalmarkt weiterentwickeln müssen.
Rasche Umsetzung der Kapitalmarktunion in Europa
Ein entscheidender Fortschritt wäre die Umsetzung der seit Jahren diskutierten Kapitalmarktunion. Sie wäre eine wirksame Antwort auf die massiven Wettbewerbsnachteile europäischer Banken gegenüber US-Banken. Der US-Kapitalmarkt ist viermal so groß wie der europäische. Und während Europa noch immer ein regulatorischer Flickenteppich ist, profitieren Unternehmen und Anleger:innen in den USA von einheitlichen Kapitalmarktregeln. Für US-Banken ist das ein enormer strategischer Vorteil, sie können ihr Geschäft viel besser skalieren.
Natürlich ist die Umsetzung der Kapitalmarktunion keine einfache Aufgabe. Und nach den Neuwahlen in Frankreich bleibt abzuwarten, inwieweit die französische Regierung an der gemeinsam mit Deutschland entwickelten „Roadmap“ für einen einheitlichen Binnenkapitalmarkt festhalten wird. Doch angesichts des veränderten geopolitischen Umfelds ist das Thema strategische Autonomie auf der EU-Agenda inzwischen weit nach oben gerückt – und damit auch der Beitrag, den ein effizienter Kapitalmarkt zur geostrategischen Unabhängigkeit Europas leisten kann. Neben anderen Befürwortern plädieren auch die Europäische Zentralbank und die Europäische Investitionsbank für die Umsetzung der Kapitalmarktunion.
Das macht mich zuversichtlich, dass wir mit der Kapitalmarktunion trotz aller Widrigkeiten weiter vorankommen können. Lohnenswert wäre es allemal. Denn die Kapitalmarktunion ist viel mehr als ein Bankenthema, sie ist ein gesellschaftspolitisches Thema.
Wiederbelebung des Verbriefungsmarktes in der Europäischen Union
Worauf es nun ankommt, sind Prioritäten und möglichst schnelle und konkrete Umsetzungsschritte in Richtung Kapitalmarktunion. Einige Maßnahmen werden sich wegen ihrer politischen und rechtlichen Komplexität realistischerweise wohl eher langfristig umsetzen lassen, etwa eine zentralisierte Aufsicht oder die Harmonisierung von Insolvenz-, Banken- und Steuerrecht.
Vergleichsweise schnell ließe sich dagegen der EU-Verbriefungsmarkt neu beleben, der seit Jahren unter einem übervorsichtigen Regulierungsrahmen leidet. Nach der Finanzkrise wurden die Leitlinien zu Verbriefungen ausgerechnet in der EU besonders streng umgesetzt, obwohl sich der hiesige Verbriefungsmarkt im Vergleich zum US-Markt als sehr widerstandsfähig erwiesen hat. Infolgedessen haben Banken in der EU nur noch begrenzten Spielraum, ihre bilanzwirksame Kreditvergabe auszuweiten, insbesondere wegen der Eigenkapitalanforderungen durch Basel-III.
Mehr Verbriefungen würden die Bilanzen der Banken entlasten und Raum für mehr Kreditfinanzierungen schaffen. Zusammen mit mehr Wagniskapital und dem Einsatz weiterer Kapitalmarktmarktinstrumente ließe sich das Finanzierungsvolumen für wichtige EU-Projekte wie die grüne Transformation, Digitalisierung oder Verteidigung deutlich steigern.
Aber noch sind die Bemühungen um eine Wiederbelebung des Verbriefungsmarktes in Europa eher zaghaft. Dieses Zögern sollten wir uns nicht länger leisten. Es ist an der Zeit, für eine sachliche Neubewertung von Verbriefungen – und vor allem ist es Zeit zu handeln.