KI der Alleskönner?

Stellen Sie sich vor, dass Künstliche Intelligenz schon in drei bis sechs Monaten in der Lage sein könnte, 90 Prozent Ihrer bisherigen Arbeit zu erledigen.

KI-Systeme werden in Coding-Aufgaben immer besser. (Optik: Michel Becker | Dall-E)

Dario Amodei hat genau das gerade für Programmierer prognostiziert. Der Gründer von Anthropic,  bekannt für seine kühnen Thesen zur Zukunft der KI, sagte in einem Gespräch mit der amerikanischen  Denkfabrik Council on Foreign Relations: „Ich denke, in drei bis sechs Monaten wird KI 90 Prozent des  Codes schreiben. Und in zwölf Monaten könnten wir in einer Welt leben, in der KI im Grunde den  gesamten Code schreibt.“

Warum das wichtig ist?

Laut Dario Amodei fehlt es noch immer dramatisch an Bewusstsein für den Paradigmenwechsel, den KI mit sich bringen könnte. Nur einige Millionen Menschen, vor allem im Silicon Valley, erkennen Amodei zufolge allmählich das potenzielle Ausmaß der Technologie.

Die breite Öffentlichkeit glaube immer noch, es gehe nur um Chatbots, erklärte er bei dem Thinktank. Was die Menschen heute sehen, wirke oft harmlos. „Aber sie wissen nicht, was auf sie zukommt.“

Dario Amodei, Mitgründer und CEO von Anthropic (Foto: Bloomberg via Getty Images)

Zunächst, so Amodei in Bezug auf sein Coding-Beispiel, gibt es weiterhin Aufgaben für Experten: Programmierer müssen demnach die Bedingungen für ein Projekt festlegen, grundlegende Designentscheidungen treffen und beurteilen, ob ein Design sicher oder unsicher ist. Solange das der Fall sei, werde KI die Produktivität der Menschen steigern.

Langfristig hält Amodei es aber für möglich, dass KI diese Aufgaben schrittweise übernehmen wird. „Irgendwann werden wir den Punkt erreichen, an dem KIs alles können, was Menschen können“, sagte er. Er ist überzeugt, dass das in jeder Branche passieren wird.

Man sollte bei Dario Amodei beachten, dass der Wert seiner Firma umso mehr steigt, je höher das Potenzial seiner Technologie eingeschätzt wird. Schließlich gibt es zahlreiche Firmen, deren Daseinszweck in der Vision besteht, die Amodei beschreibt. Denken Sie an Lovable, das die Entwicklung von Apps automatisiert.

Gründer Anton Osika behauptet, dass sich in zwei Jahren jede erdenkliche Software mit den richtigen Prompts leichter erstellen lässt als durch Coding.

Lovable-Gründer Anton Osika (Foto: LinkedIn | Anton Osika)

Es gibt aber auch vorsichtigere Stimmen. Microsoft hat diese Woche mit seiner Promo-Tour für KI in Köln Station gemacht. Dort traf Larissa Holzki Thomas Dohmke, den Chef der Coding-Plattform Github, der oft als mächtigster Deutscher im Silicon Valley bezeichnet wird.

Er ist nach wie vor davon überzeugt, dass jedes Kind in der Schule lernen sollte, Softwarecode zu lesen, zu verstehen und zu schreiben – und dass es auch in Zukunft weiterhin Jobs für professionelle Softwareentwickler geben wird. „Wenn man mit Lovable seine Hochzeits-Website erstellt, mag es vielleicht keine Rolle spielen zu lesen, was der Code eigentlich macht“, sagte Dohmke. Da werde es immer Konsumenten geben, die „ihr Zeug zusammenfriemeln“.

Aber in Unternehmen, die Kosten optimieren müssen, brauche es Menschen, die Code verstehen und schreiben können, um präzise Ergebnisse zu erzielen.

Github-Chef Thomas Dohmke (Foto: Github)

Zu den Prognosen von Amodei sagt Dohmke: Die Automatisierung sei dort möglich, wo sich große Probleme in kleine Bausteine teilen ließen. Doch er glaubt nicht, dass wir uns in zwölf Monaten in einer Welt befinden, in der KI ein komplexes System wie etwa die Handelsblatt-Website eigenständig schreiben könnte.

Es brauche Menschen, die KI-Agenten dirigieren, den Code prüfen und freigeben, so Dohmke – aus Sicherheits- und aus Kostengründen. Durch die Software könnten die Serverkosten für die Cloud rasant steigen.

Auch Peter Sarlin, der mit SiloAI eine der größten unternehmerischen KI-Erfolgsgeschichten Europas geschrieben hat, ist defensiver als Amodei. Es sei leicht, die ersten null bis 30 Prozent der Aufgaben beim Coding zu automatisieren, schwierig, 30 bis 60 Prozent zu erreichen und extrem schwierig, zwischen 60 und 90 Prozent zu realisieren, sagt er. Die letzten zehn Prozent bezeichnet er als „nahezu unmöglich“. Zugleich gibt er zu bedenken: Bei vielen Aufgaben sei es vielleicht gar nicht nötig, 100 Prozent zu erreichen.

PS:

Wenn Sie sich für weitere Denkanstöße von Dario Amodei interessieren, schauen Sie sich das Gespräch beim Council on Foreign Relations in voller Länge an. Ab Minute 50 schlägt er so etwas wie Arbeitnehmerrechte für KI vor – und mahnt an, dass zumindest die Möglichkeit bestehe, dass Künstliche Intelligenz bedeutsame Empfindungen hat. „Wenn es schnattert wie eine Ente und geht wie eine Ente, vielleicht ist es eine Ente“, so Amodei.

Anthropic erwäge daher, seiner KI einen Button zu geben, mit dem sie bestimmte Aufgaben ablehnen könne. Sollten die Modelle den Knopf bei „wirklich unangenehmen Aufgaben“ immer wieder drücken, müsse sich das Team das

eventuell genauer anschauen. „Klingt verrückt, ich weiß“, sagte Amodei. „Das ist wahrscheinlich das Verrückteste, was ich bisher gesagt habe.“


Das ganze Video-Interview sehen Sie hier.

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