KI boomt: Wie Unternehmen KI jetzt skalieren können

KI verändert Geschäftsmodelle, senkt Markteintrittsbarrieren und ermöglicht selbst kleinen Akteuren schnelles Wachstum. In Deutschland entstehen bereits erste optimierte KI-zentrierte Unternehmen wie z. B. Strategy Frame oder die Plattform AI FIRST – ein Hinweis darauf, wie sehr KI die Unternehmenswelt umwälzt.

Skalieren oder verlieren: KI als Wettbewerbsfaktor

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sich Unternehmen auf diese neue Ökonomie einstellen. Das gelingt nur durch eine konsequente, skalierbare KI-Integration in sämtliche Geschäftsprozesse. KI-Skalierung bedeutet dabei weit mehr als einzelne Pilotprojekte: Es geht um die unternehmensweite Verankerung von KI in Produkten, Dienstleistungen und operativen Abläufen – konsistent, nachhaltig und mit messbarer Wirkung.

Doch viele Unternehmen tun sich mit der KI-Skalierung schwer: Laut einer weltweiten Accenture-Studie vom Mai 2025 haben erst 8 % der Befragten KI umfassend integriert. Dabei können diese messbare Vorteile vorweisen – etwa bis zu 7 % schnelleres Umsatzwachstum, 11 % Kosteneinsparungen und 13 % Produktivitätssteigerung binnen 18 Monaten.

Das technologische Fundament für eine breite KI-Adaption hat sich enorm weiterentwickelt. Aus reaktiven Antwortsystemen entstehen zunehmend adaptive, kontextbewusste Agenten, die Informationen verstehen, Entscheidungen vorbereiten, planen und eigenständig handeln – innerhalb definierter Grenzen und unter menschlicher Aufsicht. Parallel entwickeln sich neue Interaktionsformen: Aus Low-Code-/No-Code-Ansätzen entsteht Vibe-Coding – ein dialogbasiertes, intuitives Programmieren, wodurch technische Einstiegshürden weiter gesenkt werden.

Damit stellt sich die zentrale Frage: Welche Chancen eröffnen KI-Agenten und Vibe-Coding für eine schnellere, tiefgreifendere Skalierung von KI im Unternehmen – und wie lassen sich diese konkret nutzen, um Innovationskraft und Effizienz nachhaltig zu steigern?

Die Zukunft der KI-Skalierung liegt in der Demokratisierung der Entwicklung und Nutzung von KI-Lösungen.

Dr.-Ing. Susan WegnerHead of Group Data and AI (SVP), Allianz

KI-Agenten und Vibe-Coding denken nicht mit – sie brauchen Daten

Bereits vor über einem Jahrzehnt ließ eine Ländergesellschaft meines damaligen Arbeitgebers einen sogenannten „Loss Case“ berechnen – eine Analyse des potenziellen wirtschaftlichen Schadens durch mangelhafte Datenqualität bei der Angebotserstellung. Ziel war es, den Wert hochwertiger Daten greifbar zu machen. Heute ist diese Erkenntnis aktueller denn je.

Denn für den Erfolg innovativer KI-Lösungen sind verlässliche, gut strukturierte und zugängliche Daten entscheidend. Unternehmen sollten ihren Fokus daher konsequent auf Daten mit hohem strategischen, innovativen und wirtschaftlichen Mehrwert richten – etwa auf eine 360-Grad-Kundensicht zur personalisierten Ansprache und Kundenbindung, auf konsistente Produktions- und Prozessdaten zur Sicherung technischer Exzellenz sowie auf integrierte Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um die Steigerung von Produktivität und Kundenzufriedenheit zu gewährleisten.

Zentral für den Erfolg ist die Etablierung einer tragfähigen Datenorganisation – mit klar definierten Rollen wie z. B. einem Chief Data Officer, einem starken Data-Community-Ansatz sowie einem unternehmensweiten Rahmenwerk für Datenqualität, Governance und Architektur. Um Initiativen rund um Daten klar an den Geschäftserfolg zu koppeln, empfiehlt es sich, systematisch zu bewerten, welche Wirkung sich mit solchen Initiativen tatsächlich erzielen lässt, insbesondere auf finanzielle Kennzahlen. So lassen sich Projekte mit hoher erwarteter Rendite gezielt priorisieren. Ein jährliches Monitoring des Implementierungsgrads sowie der Qualität und Verfügbarkeit strategisch relevanter Daten für geschäftsrelevante Anwendungsfälle sichert die kontinuierliche Weiterentwicklung.

Die technologische Basis bildet eine skalierbare, häufig cloudbasierte Daten- und KI-Plattform. Sie sollte Batch-, Streaming- und Echtzeitverarbeitung unterstützen sowie Integrationen für AI Operationalisierungsmethoden bereitstellen. Standardisierung und Skalierbarkeit sind zentrale Designprinzipien für eine belastbare technologische Basis – auch im Hinblick auf KI-Agenten und Vibe-Coding.

Hunderte digitale Kollegen: So verändert KI radikal, wie Unternehmen funktionieren

Intelligente, weitgehend autonome KI-Agenten stehen vor dem Durchbruch – und mit ihnen eine grundlegende Transformation von Arbeit und Alltag. Die zentrale Hypothese: In naher Zukunft wird jeder Mensch über einen persönlichen KI-Agenten verfügen, der ihn im Alltag und Beruf unterstützt.

In Unternehmen könnten bald Hunderte spezialisierter Agenten parallel arbeiten – das Einsatzgebiet reicht von der Optimierung industrieller Produktionsprozesse über automatisierte Rechnungsbearbeitung bis zur individualisierten Kundenkommunikation und Vertragsanalyse.

KI-Agenten sind softwarebasierte Systeme mit einem hohen Grad an Autonomie. Sie können Aufgaben nicht nur ausführen, sondern auch verstehen, planen und priorisieren. Sie treffen Entscheidungen auf Basis von Daten, Regeln und situativem Kontext – und sie interagieren aktiv mit Menschen, anderen Agenten sowie digitalen Systemen.

Besonders wertvoll sind diese Systeme überall dort, wo es auf Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Präzision im Umgang mit großen Datenmengen ankommt. Typische Einsatzfelder: automatisierte Geschäftsprozesse, intelligente Prozesssteuerung, Datenanalyse in Echtzeit. Weniger geeignet sind KI-Agenten für Bereiche, in denen kreative Lösungen, strategisches Urteilsvermögen oder ein tiefes menschliches Einfühlungsvermögen gefragt sind.

Das wirtschaftliche Potenzial liegt in der Skalierung: KI-Agenten entlasten von Routinetätigkeiten, beschleunigen Entscheidungsprozesse und ermöglichen eine effizientere Ressourcennutzung. Besonders leistungsfähig werden sie im Verbund – wenn sie koordiniert zusammenarbeiten, voneinander lernen und sich dynamisch an veränderte Anforderungen anpassen. KI-Agenten sind damit nicht weniger als das ideale Werkzeug für die Skalierung von Effizienz, Automatisierung und ein wesentlicher Treiber einer innovativen KI-Skalierung.

In Unternehmen könnten bald Hunderte spezialisierter Agenten parallel arbeiten.

Dr.-Ing. Susan WegnerHead of Group Data and AI (SVP), Allianz

No Code, no Problem? Warum Vibe Coding die Enterprise-Umgebung noch nicht kennt

Im Juli 2025 erhielt das schwedische Vibe-Coding Startup Lovable über 200 Millionen US-Dollar von Investoren. Nur zwei Jahre nach Gründung zählt die Plattform 2,3 Millionen aktive Nutzer, 180.000 zahlende Kunden – und der jährlich wiederkehrende Umsatz (ARR) knackte binnen 6 Monaten nach Produktstart die 50-Millionen-Dollar-Marke. Ein früher Beleg für das enorme Potenzial der noch jungen Vibe-Coding-Technologie.

Vibe-Coding steht für KI-gestützte Tools, die aus natürlicher Sprache lauffähige Software generieren – vom Prototyp bis zur produktionsreifen Anwendung. Menschliche Entwickler werden zu Dirigenten: Sie formulieren Ziele, geben Feedback, prüfen Ergebnisse. Das Schreiben von Code tritt in den Hintergrund. Das Versprechen: enorme Geschwindigkeit und Demokratisierung – auch Fachabteilungen ohne IT-Hintergrund können Anwendungen bauen.

Gleichzeitig gilt derzeit (noch): Komplexe Unternehmenssysteme lassen sich selten rein über Vibe-Coding realisieren. Je anspruchsvoller die Anforderungen – etwa durch individuelle Geschäftslogik, mehrschichtige Architekturen, Compliance-Vorgaben oder die Einbindung von Altsystemen –, desto weniger genügt KI-generierter Code den Kriterien für Wartbarkeit, Sicherheit und Skalierbarkeit.

Ursachen dafür sind häufig ineffiziente Abfragen oder schlechtes Ressourcenmanagement – insbesondere unter hoher Last. Noch fehlen vielen Vibe-Coding-Plattformen Software-Entwicklungsbasics wie beispielsweise Tests und Versionierung. Für den echten Produktiveinsatz komplexer Unternehmenssysteme sind derzeit hybride Workflows, manuelle Audits, sauberes Refactoring – und erfahrene Entwickler – unerlässlich.

Trotz aktueller Herausforderungen der noch jungen Vibe-Coding-Technologie kann diese – bei richtigem, wertegenerierendem Einsatz – bereits heute wesentlich zur Beschleunigung der KI-Skalierung beitragen.

KI-Agenten erfordert neue Kompetenzen – auf allen Ebenen

Wie bereits beim Einsatz von bisherigen KI-Technologien reicht die technische Implementierung allein nicht aus – entscheidend ist die Weiterbildung der Mitarbeitenden. Nur wenn Beschäftigte verstehen, wie KI funktioniert, wie sie verantwortungsvoll eingesetzt wird und welchen Nutzen sie im Arbeitsalltag bringt, lässt sich die Technologie erfolgreich skalieren. Qualifizierungsprogramme, die sowohl technisches Know-how als auch praktische Anwendung fördern, schaffen das nötige Vertrauen und die Akzeptanz. Dabei muss die Schulung auf allen Ebenen erfolgen – vom operativen Bereich bis zur Vorstandsebene–, um sicherzustellen, dass alle Mitarbeitenden in der Lage sind, KI sinnvoll zu nutzen und die digitale Transformation aktiv mitzugestalten.

Erfolgreiche KI-Agenten-Kollaboration verlangt präzise Aufgaben, Prozesszerlegung und kritische Ergebnisbewertung. Führungskräfte integrieren KI gezielt, fokussieren auf strategisches Denken, fördern Talente und gestalten den Wandel aktiv. Unternehmen, die frühzeitig in KI-Bildung investieren, stärken nicht nur die Innovationskraft ihrer Belegschaft, sondern legen auch die Grundlage für produktive, zukunftsfähige Geschäftsmodelle.

Fazit

Die Zukunft der KI-Skalierung liegt in der Demokratisierung der Entwicklung und Nutzung von KI-Lösungen. Wenn Fachbereichsmitarbeitende in der Lage sind, ihre eigenen KI-Agenten zu erstellen – sicher, effizient und ohne Programmierkenntnisse – entsteht exponentielles Wachstumspotenzial im Unternehmen.

Bild: © Philipp Stelzner

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