Interview Oberbürgermeister Thomas Kufen zum Handelsblatt H2-Gipfel 2024

HB: Warum ist der Erfolg des H2-Markthochlaufs für den Standort Essen von solch großer Bedeutung?

Thomas Kufen: Essen hat seine Transformationskompetenz bereits mehrfach unter Beweis gestellt – von einer Siedlung zur Großstadt, vom Industriestandort zur Grünen Hauptstadt Europas 2017, von fossilen Energieträgern zu erneuerbaren Energiequellen. Unsere Stadt hat sich immer wieder neu erfunden – hin zu einer zukunftsfähigen, fortschrittlichen und innovativen Wirtschaft. Gerade im Bereich der Industrie bleibt Essen ein wichtiger Akteur. Heute sind wir stolz darauf, die Energiehauptstadt Europas zu sein. Wasserstoff ist für uns ein entscheidender Baustein, um diesen Titel weiterhin zu verdienen. Es ermöglicht nicht nur die Dekarbonisierung unserer Industrie und den Erhalt von Arbeitsplätzen, sondern positioniert uns auch als Vorreiter in der Gestaltung der Energiewende. Essen war schon immer eine Stadt, die Disruption als Chance betrachtet hat, und das gilt auch für die Energiewende.

HB: Das klingt nach einer beeindruckenden Entwicklung. Was genau macht Essen so attraktiv für Unternehmen im Bereich Wasserstoff?

Thomas Kufen: Essen ist nicht nur eine Stadt, sondern der Motor der Energiewende für Europa. Keine andere europäische Stadt beherbergt so viele und bedeutende Energieunternehmen wie Essen. Die Energiehauptstadt Europas ist Sitz von 250 Unternehmen und Institutionen im Energiesektor, darunter zwei der vier größten Energieversorger Deutschlands. Rund 13.300 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte finden Arbeit in den energierelevanten Branchen. Dazu kommen führende H2-Player aus allen Stufen der H2-Wertschöpfungskette – von Technologie-, Transport- und Anlagenbauunternehmen über hoch spezialisierte Dienstleister bis hin zu Großverbrauchern.

Essener Unternehmen sind sowohl Vordenker der Energiewende als auch federführend bei Umsetzung: Bei fast allen bedeutenden europäischen H2-Projekten ist mindestens ein Essener Unternehmen beteiligt. Hier gestalten wir aktiv die Energiewende. Das macht Essen zu einem unschlagbaren Standort für Unternehmen, die an der Zukunft der Energie mitgestalten wollen. Essen ist der Branchentreffpunkt und Debattenort der europäischen Energiewirtschaft: So kommen internationale Akteure z. B. auf dem Handelsblatt Wasserstoff-Gipfel zusammen, um die Zukunft der Energie zu diskutieren und zu gestalten.
Wir sind stolz darauf, ein Zentrum der Innovation und des Fortschritts zu sein, das Unternehmen aus aller Welt anzieht.

HB: Wie sieht denn das Potenzial für kleine und mittelständische Unternehmen im Zusammenhang (KMU) mit der Energiewende und dem H2-Markthochlauf aus?

Thomas Kufen: Für unsere KMU stellt Wasserstoff ein vielversprechendes Geschäftsfeld der Zukunft dar. Die EWG – Essener Wirtschaftsförderung bietet eine H2-Start-Beratung an, um Unternehmen dabei zu unterstützen, zu ermitteln, ob eine Integration von Wasserstoff beispielsweise in ihre CO2-Reduktionsstrategie sinnvoll ist. Die H2-Unit der EWG koordiniert darüber hinaus Projekte am Standort und begleitet die Partner. Für das Gelingen der Energiewende ist weiterer technologischer Fortschritt nötig. Umso wichtiger sind hier Forschung und Innovation. Hier am Standort sind H2-Know-how und Forschung stark vertreten.

Innovationen und Disruption werden nicht nur aus der wissenschaftlichen Forschung entstehen: Besonders Start-ups werden hier künftig eine wachsende Rolle einnehmen. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen der Szene bedarf es einer Institution wie dem in Essen angesiedelten H2UB, dem ersten europäischen Wasserstoff-Hub für Start-ups. Der H2UB vernetzt Gründer mit Unternehmen, Investoren und Forschungsinstituten, um innovative H2-Idden erfolgreich auf den Markt zu bringen.

Auch die Stadt Essen setzt alles daran, den lokalen H2-Markthochlauf zügig und koordiniert voranzutreiben. Als „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ ist der Stadt besonders daran gelegen, eine führende Rolle bei der Klimawende einzunehmen.