Interview mit Jakob Reuschlein, Director of Operations & Head of Public Sector – Procure Ai

Welche Herausforderung im Bereich Digitalisierung von Staat und Verwaltung müssen wir jetzt angehen und was sind die nächsten Schritte?

„Die größte Herausforderung liegt darin, Verwaltung und öffentlichen Einkauf endlich aus der Denke der Prozess- und Formularlogik herauszuführen – hin zu einer daten- und wirkungsorientierten Steuerung. Wir haben die Digitalisierung oft auf die Oberfläche beschränkt, statt die Intelligenz in die Tiefe zu bringen.

Jetzt geht es darum, die Potenziale von KI konsequent zu nutzen: Intelligente Bedarfsanalyse, automatisierte Vergleiche, vorausschauende Beschaffungsentscheidungen und adaptive Regeln, die sich dynamisch an Marktentwicklungen anpassen. Das bedeutet: KI nicht als Zusatzmodul, sondern als Infrastruktur zu denken.

Die nächsten Schritte sind klar – gemeinsame Datenstandards, interoperable Systeme und Pilotprojekte, die zeigen, dass KI Transparenz, Geschwindigkeit und Fairness nicht gefährdet, sondern stärkt. Nur wenn der Staat KI als Partner begreift, statt sie zu regulieren, bevor er sie verstanden hat, entsteht echte digitale Souveränität.“

Was meinen Sie, wie sehen Staat und Verwaltung in 5 oder 10 Jahren aus?

„In zehn Jahren werden Staat und Verwaltung nicht mehr als starre Organisationen wahrgenommen, sondern als lernende Systeme. Entscheidungen entstehen datenbasiert, Prozesse sind intelligent automatisiert, und Verwaltungsarbeit wird durch KI gestützt – nicht ersetzt.

Statt Formularmanagement erleben wir Wissensmanagement: KI-Systeme verstehen Zusammenhänge zwischen politischen Zielen, Marktangeboten und gesellschaftlicher Wirkung. Der öffentliche Einkauf wird zu einem neuralen Netz des Staates – lernfähig, vernetzt, proaktiv.

Die Verwaltung der Zukunft ist offen: Sie operiert über Plattformen, teilt Daten in Echtzeit mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft und nutzt synthetische Intelligenz, um Szenarien zu simulieren, statt nur Berichte zu schreiben.

Kurz gesagt: Der Staat wird zum intelligenten Akteur – weniger reaktiv, mehr gestaltend. Das ist die eigentliche digitale Revolution im öffentlichen Sektor.“

Was möchten Sie den Teilnehmern des Gipfels als Message mit auf den Weg geben?

GovTech ist kein Buzzword und auch kein Projekt – es ist eine Haltung. Es geht darum, Technologie als Werkzeug für Vertrauen, Effizienz und Wirkung zu begreifen. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht das Ziel, sondern der Hebel, um den Staat neu zu denken: als lernendes System, das von Daten, Feedback und Verantwortung lebt.

Mein Appell: Wir müssen den Mut haben, Verwaltung zu experimentieren – mit KI, mit neuen Organisationsformen, mit echter Kollaboration zwischen Staat, Start-ups und Wissenschaft. Wer heute KI im Einkauf oder in der Bedarfsplanung einsetzt, schafft morgen die Grundlage für eine lernende, vorausschauende Verwaltung.

Die Zukunft des Staates wird nicht programmiert, sie wird gestaltet – von Menschen, die bereit sind, Verantwortung für digitale Intelligenz zu übernehmen. Das ist die wahre Aufgabe unserer Generation.