Warten oder starten?
Ganz klar, wir müssen starten! Quantencomputing (QC) ist gesetzt und wird als disruptive Technologie völlig neue Möglichkeiten in Anwendung und Geschäftsmodellen eröffnen. In den kommenden fünf bis zehn Jahren wird uns eine serienreife Hardware zur Verfügung stehen. Sich erst dann mit der Technologie und ihren Anwendungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, ist zu spät: Die Claims hinsichtlich neuer Produkte und IP sind dann bereits abgesteckt. Wir müssen diese neuen Technologien möglichst flächendeckend in die praktische Anwendung überführen. Dafür müssen wir Wissenschaft und Wirtschaft frühzeitig vernetzen und eine solide Wertschöpfungskette aufbauen.
Wie steht Bayern in Sachen Quantentechnologie da?
Wir sind in Bayern bestens aufgestellt. Wir haben schon heute Unternehmen, die Quantencomputer bauen und andere, die die nötige Software schreiben. Vor allem haben wir ein unglaubliches Wissen in unserer Forschungslandschaft. Unsere Aufgabe ist es nun, dieses Know-how in die Wirtschaft – also in praktische Anwendungen zu übertragen. Davon unabhängig sind bereits viele Unternehmen in den Bereichen Quantensensing und Quantenkommunikation an der Weltspitze vertreten. Hier sind marktreife Applikationen und damit Business Cases in greifbarer Nähe.
Funktioniert der Technologietransfer?
Im Moment dominiert der Forschungsaspekt. Der Vergleich der Anzahl veröffentlichter Forschungsergebnisse Bayerns mit der Zahl der Patente zeigt, dass es in punkto Technologietransfer noch Luft nach oben gibt. Um dieses Potenzial zu heben, müssen wir Deep-Tech und High-Tech besser miteinander verknüpfen und in die Wirtschaft transferieren. Dazu braucht es einerseits ein starkes Ecosystem an Zulieferern, das diese Technologien mit High-Tech-Komponenten beliefern kann, andererseits einen Anwendermarkt, damit diese Innovationen tragfähig und nachhaltig sind. Etablierte branchen- und technologieübergreifende Netzwerke sind dafür von eminenter Bedeutung. Wir arbeiten in diesen Netzwerken intensiv daran, die Bedarfe der Unternehmen zu eruieren und an die Forschung zurückzuspielen. Dazu gehört herauszufinden, welche Herausforderungen wir in Zukunft mit QC effizienter und nachhaltiger lösen können als mit klassischen Computern. Und hier gibt es unzählige Chancen. Daraus ergeben sich für Unternehmen – auch für KMU – zweierlei Marktchancen: einerseits als Zulieferer von Komponenten bei Hardware oder Software, andererseits als Anwender, um die eigenen Produkte effizienter und nachhaltiger herstellen zu können beziehungsweise neue, bis dahin ungeahnte Produkte überhaupt erst möglich zu machen.
Kann eine einzige Technologie die Wirtschaft verändern?
Wenn wir uns nicht nur auf die eine Technologie konzentrieren, sondern sie sinnvoll mit bereits bestehenden kombinieren, ist ein weiterer riesiger Schritt getan. Eine Synergie aus Zukunftstechnologien wie 6G, Quantencomputing und hochautomatisiertem Fahren erscheint noch in weiter Ferne, da sich auch die Einzeldisziplinen noch massiv entwickeln müssen. Aber gerade aus der Kombination solcher High- und Deeptech-Technologien kann ein revolutionärer Mehrwert für viele Anwendungen entstehen. Praktisch vor der Türe steht die Kombination von KI und Quantencomputing in der Kombination mit High Performance Computing (HPC).
Macht Quantencomputing für KMU Sinn?
Ja – sofern in dem Unternehmen bereits viel simuliert wird, beispielsweise zur Materialberechnung, Strömungsanalyse, Routen- oder Prozessoptimierung, Produktion oder Planung. Das vorwiegende Geschäftsmodell der Quantencomputer-Bauer ist, den Zugang zu einem solchen Computer anzubieten. Deshalb sollte bereits jetzt Know-how in den Unternehmen aufgebaut werden und die Übersetzung von Problemstellungen in Algorithmen gelernt werden. Dieser Wissensaufbau ist sehr aufwändig, da er nicht einfach eine Weiterentwicklung bisheriger Computerkenntnisse ist, sondern komplett disruptiv.
Wird Quantencomputing nicht nur für sehr wenige Unternehmen relevant sein?
Es werden viel mehr Unternehmen davon profitieren, als wir heute glauben beziehungsweise als die Unternehmen selbst vermuten. Umso wichtiger ist, dass sie sich vorbereiten. Und sie müssen ihren Mitarbeitenden mehr zutrauen. Prof. Sabine Pfeiffer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat in wissenschaftlichen Untersuchungen herausgefunden, dass die Belegschaft keine Angst vor neuen Technologien hat. Das ist ein gängiges Vorurteil. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen wollen mitgenommen werden, wollen mitgestalten. Und sie wollen, dass die neue Technologie gut an ihre Workflows und ihre Bedürfnisse angepasst wird. Dann werden sie diese auch zielführend einsetzen.
Brauchen wir mehr Risikofreude?
Ja, unbedingt. Die Erfahrung mit dem Einsatz von KI in der Wirtschaft zeigt, dass viele Unternehmen noch zu zögerlich sind und sich damit Chancen vergeben. Der eigentliche Fun Fact ist doch, dass die meisten von uns privat schon viel häufiger KI anwenden als in ihrem Berufsalltag. Was für ein verschenktes Potenzial. Mein Rat ist, einfach mal machen – und natürlich mit uns sprechen. Wir unterstützen gerne.